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Die Welt · 1898-10-14 · 41 (14.10.1898) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
41 (14.10.1898)
Article
Eine Enquête
Date
1898-10-14
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 41 Seite 9 Frage etwa folgendermaßen lauten: Tie „Israelitische Union" ist, wie ihr Name besagt, ein jüdischer Verein, aber ein Verein, der sich znm Judenthum, besonders zum galizischen Judenthum sehr kühl verhalten hat. Man wird sich erinnern — denn cs ist noch gar nicht lange her — dass diese Wiener Vereinigung, die sich euphemistisch „Oesterreichische" Union nennt, ihre Verachtung der galizischen Stammesgenoffen in reichlicher Weise bekundet hat. Ja, auch jetzt noch, da die „Union" die Retterin des galizischen Judenthums spielen möchte, gibt sich aus der ganzen Art und Weise der Einberufung und Leitung dieser Enquete ihre innere Entfremdung vom Judenthum sehr deutlich zu erkennen. Wäre der Sitz der „Israelitischen Union" Timbuktu oder Honolulu, so ließen sich noch allenfalls für die Behandlungsart der jüdischen Frage seitens der „Union" gewisse Milderungsgründe anführen. Nun aber die „Union" geographisch so nahe liegt, können wir ihr unmöglich soviel Naivetät und Unwissenheit zutranen, als sie nach den aufgestellten Fragen zu urtheilcn beanspruchen möchte. Branche dieser Fragen sind naiv bis zu einem unerlaubten Grade. Es gibt Altersstufen, Lebenszeiten, bei einzelnen sowohl wie bei Gemeinschaften, wo Naivetät nicht mehr ansteht. Und wir, wir Juden ganz besonders sind in einem solchen Alter, leben in einer solchen Zeit. Ist aber die „Union" wirklich so unwissend, wie sie vorgibt, dann allerdings wäre ihre Unkenntnis als ein subjectiv zwingender Grund anzusehen für die Einleitung einer Enquöte — zur Belehrung der „Union". Freilich wird man fragen dürfen, ob es für diesen Fall nothwendig war, die große Trommel zu rühren. Ob es nothwendig war, „sämmtliche Parteien" mit Emphase einzuladen, um sich vortragen zu lassen über so vieles, was sie, die „Union" vom Judenthum — nicht weiß und was sie als jüdischer Verein längst hätte wissen sollen. In der That, es fällt schwer, hier des satirischen Tones sich zu erwehren: die sonderbare Begründung der einberufencn Enquete, die Rede des Sprechers der „Union" überhaupt, das aufgestellte Enquete-Programm, alles, alles fordert dazu heraus. Das Recht zur Einberufung der Enquete glaubte die „Union" — neben dem guten Willen, den sie zu haben vorgibt — aus einem gewissen „negativen Moment" schöpfen 51t können, aus ihrer „objectiven" Stellung nämlich zu allen Parteien Galiziens. Sehen wir vorläufig von dem „guten Willen" der „Union" ab, so erscheint uns dieses negative Moment als höchst bedeutungslos und das daraus geschöpfte Recht als unzulänglich und schlecht begründet. Wie viele Localvereine hier und anderwärts, gesellige, politische oder z. B. die Veteranenvereine stehen nicht auch „allen Parteien" Galiziens „objectiv" gegenüber. Folgt aber auch schon daraus die Berechtigung zur Initiative in einer Frage von so hoher, von so allgemeiner Bedeutung, wie es die jüdische Frage ist? Denn nichts anderes als ein localer Verein ist die „Union" trotz ihres hyperbolischen Namens. Wir glauben, es genügt eine bloße Gegenüberstellung dieser zwei so ungleichen Größen — die Wiener „Union" und das Judenrhum Galiziens, Wiener „Union" und Judenthum — um die Nichtigkeit dieser Aspirationen der „Union", aber auch den Ernst der jüdischen Frage ins rechte Licht zu rücken. Dass man uns nicht missverstehe. Wir begrüßen mit Freude jedes Anzeichen von Theilnahme, jede Anregung in der Sache unseres Volkes; es steht einem jeden zu, in seiner Weise zu rathen und zu wirken. Aber wir haben das Recht und die Pflicht, in nationalen Angelegenheiten eine gewisse geistige Subordination unter die Souveränität unseres Volkes zu verlangen. Denn heute besteht eine solche: das weiß die „Union", das muss sie wissen. Wir verstehen aber darunter nichts anderes, als die aus freiem Willen zu übende, vom nationalen Gewisien dictierte Berücksichtigung all des Wichtigen, was das gesammte Judenthum betrifft, was innerhalb des ganzen jüdischen Volkes vorgeht. Es kann darum die Einberufung der Enquete seitens der „Union", die Zusammenstellung des Programmes, vor allem aber die isolierte Behandlungsart dieser jüdischen Frage, mit bewusstem Absehen von der allgemeinen Frage und Bewegung des Juden thums nicht scharf genug beurtheilt und vernrtheilt werden. Sieht es doch aus - wenigstens möchte die „Union" diesen Anschein erwecken — als ob man die Fragen, welche sie aufstellt, noch niemals zuvor discutiert hätte, als würden sie hier znm erstenmal aufgeworfen. Hat die „Union", welche in ihrer letzten Frage die Möglichkeit und die "Arten einer Organisierung der galizischen Juden berührt, so gar nichts von einer jüdisch-nationalen Organisierung gehört? Anderwärts und hier in Oesterreich, wozu ja bekanntlich auch Galizien zu zählen ist. Und nichts von einem und dem anderen Congress des Jndenthums? Und dass dorr eben dieselben Fragen behandelt wurden, wirtschaftliche, culturelle, nationale, nur in anderer Ordnung, mir in tieferem Zusammenhang, nur von weiteren Gesichtspunkten! Was aber die Lage der Juden Galiziens betrifft, so datiert ja ihr Elend nicht erst von heute. Wenn die Worte, welche Prof. Menger über das Elend der galizischen Inden vor vielen Jahren gesprochen hat, so gut haften geblieben sind im Gedächtnis der „Union" — und die Reminiscenz ihres Sprechers beweist es ja — wie kommt es, dass sie sich so spät erst zu einer Action entschließt? Etwa unter dem Eindrücke der letzten Vorkommnisse in Galizien? Nun, die rohen Excesse mögen vielleicht für die „Union" ein stärkeres Argument abgeben, als die anderen Gründe, welche unsere nationale Bewegung hervorgerufen haben. Aber sicherlich war es auch die mittelbare Wirkung der zionistischen Bewegung, welche der „Union" buchstäblich die Fragen an die Hand gegeben hat. Es wäre darum die Schuldigkeit der „Union" gewesen, ans die allgemeine nationale Bewegung des Judenthnms, und wäre es nur mit einigen Worten, hinznlvciscn. Ten Mangel eines solchen Hinweises, der uns ein Zeichen gewesen wäre eines natürlichen Rapportes zwischen Juden und Judenthum — diesen Mangel betrachten wir als eine schwere Unterlassungssünde. Wir Zionisten brauchen und haben auch viel Glauben: aoer die „Union" gibt uns manchen Grund zu zweifeln — an ihrer Aufrichtigkeit nämlich. Gab sie uns Anlass dazu durch, ihr Schweigen, so gibt sie es nicht weniger durch ihr Reden. Wir stoßen in dem, was der Sprecher der „Union" sagte, auf einen argen Widerspruch. Zu Beginn seiner Rede erklärt er, das Ziel der Enquöte sei die Wahrheit, die vollständige Wahrheit über die Lage der galizischen Juden und über die Ursachen, welche diese Lage bewirkt haben. Nun, die Wahrheit, das muss man sagen, ist ein schönes Ziel, ein Ziel „innig zu wünschen", wie der große Shakespeare sagt. Man erlaube uns, auch ein wenig poetisch zu werden: der Redner war es hier ebenfalls. Ihm schwebte ein anderer Dichter vor, auch einer der großen, Homer. Eigentlich sein, Homers, vielbesungener Held Achilles: dessen Speer, der die Wunden, die er schlägt, auch heilt, der Redner schön mit der Wahrheit verglich, die ja eine gleiche Wirkung üben soll. Ties war zu Beginn der Rede. Aber zu Ende derselben erklärte der Redner, er habe der Versammlung noch die Mittheilnng zu machen, dass nach einem Beschluss der „Union" die Wahrheit nicht öffentlich bekanntgegeben werden könne. Oderwörtlich mit dem Redner zu sprechen: die stenographischen Protokolle würden nicht veröffentlicht. Und warum nicht? Und aus welchem Grunde nicht? Und wo bleibt der Speer des Achilles, den sich die „Union" vorgenvrnmen hatte „ohne Scheu" zu schwingen? Darauf antwortet man uns: die Heilung soll im - Geheimen vor sich gehen. Oder wieder wörtlich zu reden: es sei die Nichtvcröffentlichung nothwendig, damit „die Herren mit aller Beruhigung" ihre Aussagen machen können. Wir begreifen diese zarte Vorsicht der „Union" nicht gegenüber den -Experten, weil wir nicht glauben, dass unter ihnen Tenuncianlen des Judenthums sich befinden werden, die Grund hätten, die Oeffcntlichkeit zu fürchten. Und wir begreifen auch die zarte Schonung nicht gegenüber dem Judenthnm, welchem, wie wir ebenfalls glauben, ein öffentliches Heilverfahren besser anschlagen wird, als ein geheimes. Schonung allein ist auch nicht gut. Sonst, in den Fragen der Enqm-te, weiß ja die „Union" beide Behandlungsarten, das Strenge mit dem Zarten, so trefflich zu - verbinden. Zart zum Beispiel, mild, liberal nennen wir die

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