Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 39 (30.9.1898)
- Article
- Sehnsucht nach Gott
- Date
- 1898-09-30
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 39 Seite 15 Unser herrliches altes Leclm Ncranuenu! Wie lange, ach wie lange habe ich die wunderbaren Psalmworte nicht mehr von den Lippen einer gläubigen Gemeinde gehört, wie lange schon habe ich nicht die verklärende Wirkung der wenigen einfachen Verse gesehen! In unseren modernen Tempeln werden die Anfangs- und Schlussworte in dem bekannten conventionell-künstlerischfein-sollenden Tone gesprochen, die übrigen neun Verse werden dem stillen Wohlwollen des Publikums überlassen: wenn es hochkommt, wird der ganze Psalm in sechzig Secunden erledigt. Wie haben die Methodisten, Männer und Frauen, Greise und Kinder das Lied unseres königlichen Dichters gesungen! Jeder Ton wurde aus tiefster Brust hervorgeholt, jedes Wort, jede Silbe nach dem vollen Werte hinausgejubelt, dass der Gesang wie etwas Greifbares das ganze Gebäude erfüllte: „Kommt, lasst uns singen dem Herrn! Lasst uns jubeln über die Stärke unserer Rettung. Lasst uns vor ihn kommen mit Dankopfern, wir wollen unsere Freude an ihm zeigen mit Lobgesang. Denn der Herr ist ein großer Gott, und ein großer König über allen Göttern. In seiner Hand sind alle Ecken der Erde, und die Starke der Berge kommt auch von ihm. Das Meer ist sein und er hat es geschaffen, und seine Hände bereiteten das feste Land. Kommt, lasst uns anbeten und niederfallen, lasst uns knien vor dem Herrn, unserem Schöpfer. Denn er ist der Herr, unser Gott, und wir sind das Volk seiner Weide und die Schafe seiner Hand." — — Rennt es einen atavistischen Rückfall, nennt es kindische Sentimentalität, erklärt es euch wie ihr wollt, aber ich hielt bei diesem Verse nur mit Anstrengung die heißen Thränen zurück. Wisst ihr, wie mir zumuthe war? Wie dem leichtsinnigen Sohne, der nach langer Abwesenheit heimkehrt und im Hause seines Vaters Fremde findet, die sich als die rechtmäßigen Erben geberden. Der Gott unserer Väter, der starke gute Gott, der uns durch Wüsten und Meere geführt, der treue Hirte, der uns vor den Zähnen der Wölfe in den zweitausend Jahren unserer Zerstreuung bewahrt hat, wir haben ihn verschmäht und verlassen — die anderen aber, die Fremden rühmen und preisen ihn als ihre n Gott mit unsere n Psalmen! Der Gottesdienst war lang, und ich hatte Zeit, soviel Ruhe zu gewinnen, um Sänger und Sängerinnen näher ins Auge zu fassen. Wie glücklich wäre ich gewesen, die typischen Pharisäer zu finden, die Vertreter der englischen Heuchelei, des „Cant“, den die unfruchtbare Phantasie des Aufgeklärten vom Festlande zur Herabsetzung alles religiösen Lebens citiert! Aber nein, diese reichen, jovialen, stoutgetränkten Fabrikanten, Advocaten, Aerzte, Kaufleute gehen nicht jeden Sonntag zweimal in die Kirche, um sich gegenseitig zu belügen: wer die Augen der Leute einmal beim Gesänge gesehen hat, wird nie mehr die leere Phrase vom Undefinierten und undefinierbaren „Cant“ wiederholen. Rein, es ist echter, tiefer Glaube, es ist echte Sehnsucht nach Gott, wie wir sie einmal besessen haben — früher einmal! Die Frage hat mich seit jenem Sonntag nicht wieder verlassen: warum hat die Kirche trotz aller naturwissenschaftlichen Erkenntnis, trotz aller Aufklärung ihre Macht auf die Gemüther nicht verloren, warum haben auch die führenden Geister unter den Christen ihre Ruhetage und Feste, wahrend bei uns nur die Geldarmen und die Armen am Geiste dem alten Gott einen Tempel in ihren Herzen, den alten Sitten eine Heimstätte in ihren dürftigen Wohnungen bewahren?- Ein sehr beschämender Zweifel hebt, spottend sein cynisches Haupt: haben wir Juden wirklich aus zwingenden philosophischen Gründen so rasch unseren Tempeln den Rücken gekehrt? Haben wir allein unter allen Völkern der Erde die äußersten logischen Confequenzen der modernen Aufklärung gezogen? Oder hat am Ende nicht der abstracte Gedanke allein den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs entthront?- Ich kehre zu meinem Ausgangspunkte zurück. Ich will nichts behaupten und nichts beweisen: die Klage hat gar keine Absicht, keinerlei Ziel. Aber wer, gleich mir, das Leben ohne Sabbath und Neumond mit dem vergleicht, was es einst war, der wird mich verstehen. London, im September 1898. V Die Gowschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (20. Fortsetzung.) II. Bon nun an lächelte dem schmächtigen Jsak das Glück. Freilich nicht wie einem schönen Günstlinge, den das launische Weib in der Gosse aufgelesen und nun in einem prächtigen Palaste verhätschelt, sondern vielmehr wie eine stolze, gerechte Königin, die dem getreuen und arbeitsamen Rathe ihrer Krone selbst wider ihren Willen ihre Gunst zeigen muss. Es wurde Jsak Goldschild wahrhaftig nicht leicht gemacht, seinen Vorsatz anszuführen, Paris zu erobern. Angestrengter, leidenschaftlicher Fleiß und kriechende Unterthänigkcit waren die dornigen Blumen, die ihm als Wegweiser zum Glücke dienten. Wo ein anderer verzagt die Hände in den Schoß legte, da fing eine Angelegenheit erst an, Jsak Gvldschild's Interesse zn erwecken. Das Beispiel seiner College», die billigen Erfolge zu suchen, wurde von ihm keineswegs befolgt. Wenn aber eine Sache für verloren gehalten und bei Seite gelegt wurde, dann prüfte der unscheinbare, kleine Beamte an ihrer Lösung seinen Witz. Dergleichen anscheinend hoffnungslose Fragen, gescheiterte Unternehmen, uneinbringbare Forderungen gab es im Comptoir der Firma mehr als genug. Das Vermögen der Osterheim verdankte seinen Ursprung ausgedehnten Speculationen auf die durch die Revolution zu Nationaleigenthum erklärten Güter der Kirche und des Adels. Als die Negierung am Ende des 18. Jahrhunderts Bargeld benöthigte, musste zum Verkaufe di--ser G ru nd comp lex e geschritten werden, und der Vater Osterheim's hatte für einen Sportpreis ausgedehnte Ländereien erworben. Aber dieses auf mühelose Weise erworbene Gold brachte keinen Segen. Tie Zeiten hatten sich geändert und erheischten im Wettkampf größere Fähigkeiten als die, über welche der Banqnier verfügte. Unfähig, das ererbte Vermögen zu erhalten, sah Herr Osterheim den Ruin vor sich, ohne den Mnth zn finden, das Geschäft zn liquidieren und sich mit dem Neste ein sorgenfreies Alter zn sichern. Er kämpfte den Kampf eines Verzweifelten gegen die jüngeren, kraftvoll aufstrebenden Nebenbuhler. Die bedeutenden Leistungen Jsaks konnten von dem Chef nicht lange unberücksichtigt bleiben. Gerade eines solchen zähen, hartnäckigen Geistes bedurfte ja die Firma, um sich noch länger auf dem wirtschaftlichen Kampfplatze zn erhalten. Bald war dem jungen Goldschild das sich vorbereitende Drama kein Geheimnis mehr, und er besaß das rückhaltlose Vertrauen des Banquiers. Schon nach wenigen Monaten vertauschte er seinen Platz in dem Casseuranme mit einem Pulte in dem nach der Straße zu gelegenen Zimmer, wo die wichtigsten Angelegenheiten erledigt wurden.