Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 39 (30.9.1898)
- Article
- Sehnsucht nach Gott
- Date
- 1898-09-30
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Geile 14 JM&WC Nr 39 sich ein stattliches Gebäude im maurischen Styl. Die runden Fenster strahlen ein Meer von Licht aus, das schwere Thor mit seiner kunstvollen Schlosserarbeit ist gastlich geöffnet; Heller Gesang tönt dem Eintretenden entgegen. Ein schöner, hoher, weiter Raum, eine blendende Fülle von Licht — aber wo sind die Beter? Der Cantor und sein Chor, ein freundlicher Mann, der mir ungebeten einen Siddur gibt und auch sonst die Honneurs zu machen scheint, ein und der andere Gast, der Kaddisch sagt — das ist das Betpublikum in einem der ersten Tempel mitten in der Stadt. Trübselig schleiche ich von diesem Scheingottesdienste nach Hause zurück, Leere und Trostlosigkeit unseres Sclavenlebens drückt mich zu Boden. Wir arbeiten, essen und schlafen, wir erwerben und verschwenden, wir hasten und jagen einen Tag um den andern, eine Woche um die andere, jahrein, jahraus — nicht ein Tag der Sammlung und Besinnung ist uns geblieben. „Kein Sabbath, kein Neumond!" Der Schmerz ist nicht von heute, aber ich habe ihn mir selbst nie eingestehen wollen. Ich fürchtete mich vor der Schwäche, einen Specialschmerz zu besitzen. Wenn wir Juden auf das Elend unserer Massen weisen, so antwortet man uns nicht ohne einen Schein von Berechtigung : dieses Schicksal theilt ihr mit allen Völkern der Welt. Wollte ich auf dem Continente darüber klagen, dass wir modernen Juden keinen Feiertag des Gemüthes besitzen, so würde man mir wahrscheinlich erwidern, dass wir für die Aufklärung und Befreiung so gut unseren Preis zu Zahlen hatten wie Deutsche, Franzosen und Italiener — unser Sabbath sei so gut wie ihr Sonntag dem modernen Geiste zum Opfer gefallen, dass lässt sich auf dem Festland behaupten, wo in der That ein gewisser Zusammenhang zwischen der politischen Emancipation und dem Bruche mit der religiösen Vergangenheit besteht. Freilich gieng bei den Andern die Neuerung nicht sehr tief; nur wir haben sowohl die politische wie die religiöse Emancipation sehr ernst genommen. Zugegeben, dass der Sonntag in der aufgeklärten Bevölkerung Berlins und Noms so wenig zählt, wie der Sabbath bei uns — ich bin aber vorn Gegentheil überzeugt — wer will es leugnen, dass die Weihnachten in Deutschland ein Stück nationalen Lebens sind, dem sich kein Professor der Philosophie und Biologie ans Gründen der Ueberzeugung entzieht? Was aber haben wir, die Modernen, die Emancipierten, von unseren Festen in die Freiheit herübergerettet? Ist der Unterschied zwischen unserer Aufklärung und der Aufklärung der Anderen schon aus dem Festlande jedem sichtbar, der nicht thöricht die Augen verschließt, so wird man in England vollends von jeder Illusion in dieser Richtung befreit. Sonntag Morgen. Man fühlt das bereits in jenem Zustande Halbwachen Hindämmerns, in der die Seele äußere Eindrücke wie aus weiter Ferne kommend, weich und gedämpft aufnimmt, ohne ihrer vollen Gewalt Thür und Thor zu öffnen. Nur das unermüdliche Tageslicht waltet seines Amtes wie gewöhnlich, sonst sind alle die lästigen Vorboten eines Arbeitstages, die uns in aller Herrgottsfrühe die Augen aufreißen und an unsere Pstichten mahnen, stumm und still. Man wartet lauschend auf den Singsang des lungengewaltigen Jungen, der den spannenden Inhalt der Morgenblätter verkündet — nichts ist zu hören; von dem Neubaue her erklingt sonst Pfeifen und Singen der Maurer — heute ist kein Laut zu vernehmen; kein Wagengerassel, keine Tritte auf dem Pflaster, kein Briefträger init seinem trillernden Klopfen; sogar das geräuschvolle Auf und Zu der Thüren in den unteren Regionen, mit denen uns das grobnervige Hausgesinde sonst martert, bleibt aus. Ich sage mir umsonst, dass das eine Täuschung ist, dass der Sonntag für mich nicht existiert. dass meine Aufgabe in der Studierstube auf mich wartet wie an jedem anderen Tage, aber es ist umsonst: die Sinne saugen die Feiertagsstimmung ein, und ein Gefühl süßer Freiheit durchdringt Körper und Geist . . . Das Fenster der Studierstube geht auf die Straße hinaus. Die Arbeit wird mir heute nicht leicht, denn ich befinde mich im Widerspruche mit der ganzen Welt. Die Leere und Stille der sonst so lauten Umgebung hat etwas Befremdendes, das anregt aber nicht zur alltäglichen Beschäftigung. Gegen zehn Ühr erscheinen die ersten Gestalten draußen. Erst eine Familie, dann eine zweite und dritte. Männer in ernstem Schwarz, Frauen in Seide und Sammt, Mädchen in blendendem Weiß, Kinder in wohlthuendem Grün oder prärafaelitischem Blau; alle haben sie Gebetbücher in der Hand und gehen nach der Richtung, von der das hymnenartige Glockenspiel erklingt. Die Sonne steigt höher. Der feine Nebel, der die Straßen und den nahen Square mit einem milchweißen Schleier bedeckte, ist einer wunderbaren Klarheit gewichen. Jetzt sind alle Wege mit Kirchengängern gefüllt, und immer neue Gruppen entströmen den blanken, reichen Häusern rechts und links und mir gegenüber. Es sind lauter fremde Menschen, anders als ich in ihrer Sprache, ihrem Fühlen und Denken und täglichen Leben, sie gehören einem anderen Stamme an, einer anderen Welt. Und doch packt mich der Anblick dieser Kirchengänger wie eine Jugenderinnerung, wie ein lieber längstverklungener Ton aus dem väterlichen Heim . . . Ich werfe mich eiligst in festliches Gewand und schließe mich dem Zuge an. Ein »Zelt", wie die Sektierer gerne ihre Kirche nennen, ist das nächste, was ich erreichen kann, wenn ich vor Beginn des Gottesdienstes ankommen will; ich trete in das Methodistentabernakel ein. Ein streng viereckiger Bau mit einer schmucklosen Kanzel in der Nähe der vorderen Wand, die in Goldbuchstaben die zehn Gebote verkündet. Sonst kahle, nackte, nüchterne Breiter ringsum. Kaum bin ich über die Schwelle gekommen, wird mir auch schon ein Gebetbuch, eine Bibel — altes und neues Testament — und eine Hymnensammlung von einem weißbärtigen Manne mit überaus freundlichem Gesichtsausdrucke übergeben. Ein anderer Herr führt mich durch die dichtgedrängten Reihen zu einem Sitze in einer Bank, die sich nahe" der Kanzel befindet. Links von mir sitzt eine sehr elegante Dame mit einem auffallend weißlichen, rosa angehauchten Teint; sie verbreitet einen sanften Veilchenduft, und ich habe sie im Verdachte, dass sie den Gebrauch der Schminke nicht verschmäht. Sie hat die weiß behandschuhten Hände um die schwere Bibel gelegt und sieht in halbgebückter Stellung andächtig auf das Pult. Rechts von mir sitzt ein sehrbehäbiger Herr in den besten Jahren; die weiße Weste spannt sich über ein stattliches Rund, und die goldene Kette mit den plumpen Gliedern hebt und senkt sich gleichmäßig mit dem schweren Athem des Mannes. Neben sich hat er eine schlanke Frau, deren dünne Handgelenke von massiven Armbändern gedrückt werden, und noch weiter rechts öffnet ein junger Mann in elegantester Kleidung das Gebetbuch und bezeichnet dem jungen Mädchen neben sich im Flüstertöne eine bestimmte Stelle. Die vier Leute gehören offenbar zusammen, den Familienvater halte ich für einen Rheder oder Banquier. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein junger Mann in geistlichem Gewand steigt die Stufen zur Kanzel empor. Die ersten Worte durchzucken mich wie die Berührung einer geliebten Hand, alles Blut drängt zum Herzen — dann wird das persönliche Bewusstsein mit aller darauf lastenden Fremdartigkeit in dem tiefernsten, aus der Seele kommenden Gesänge der Gemeinde ertränkt, und ich singe mit.