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Die Welt · 1898-09-30 · 39 (30.9.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
39 (30.9.1898)
Article
Die Juden in Wien
Date
1898-09-30
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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JK&WC Nr. 39 nur das Minimum von zehn Gulden zahlen. Das beweist nicht nur, dass es den Juden in Wien nicht gelungen ist, zu großem Wohlstand zu gelangen, sondern auch, dass sie in ihrer Lebensführung weit über ihre Verhältnisse gehen. Denn man muss es immerhin sagen, dass an allen Orten, die Lebensgenuss bieten, in Theatern und Concerten, in Bädern und Sommerfrischen die Juden zahlreich zu sehen sind, weit zahlreicher, als sie dem Steuer-Kataster nach — sollten und dürften. Da ein eigenthümliches, jüdisches oder auch allgemein menschliches Ideal den Massen fehlte, fanden sie es im Genuss, wie er dem Wiener vorschwebt: harmlose Lebensfreude ohne viel Nachdenken, Freudigkeit an Putz und Kleidung, Pflege des Gaumens und des Magens. Aus der Zeit, da es dem Juden wertvoll war, seinen Besitz leicht bewegen zu können, stammt die Neigung, Juwelen zu kaufen, dieser Gewöhnung kam die Putzsucht der Frauen entgegen, so, dass es sicher zu viel diamantengeschmückte Judensrauen gibt. Dazu kam eine specifisch-jüdische Schwäche, das Kartenspiel. In den Kaffeehäusern sitzen die Männer, bei den Kaffeevisiten, „Jours" genannt, die Frauen, und ertränken den Geist in „Tarock" oder „Angehen". Außer Budapest findet man keine Stadt, in der Juden öffentlich und privat so sehr dem Spiele fröhnen als in Wien. Tie Christen finden demnach allerorten Juden dem Genüsse sich ergeben, Judenfrauen in freudigem Putz und Juwelen; kein Wunder, dass sie vermeinten, die Juden prägen Geld und Gold in ihrem Handel und Getriebe. Dass sie fast alle „stiuggiers for lite*4 sind, Leute, die Hirn und Nerven opfern, Leib und Leben ausfchlachten, um ihr Lebensideal zu erreichen, eine gewisse Höhe des Lebensgenusses sich und den Ihren zu sichern, besonders „den Ihren", das konnten sie bei den sonst so praktischen Juden nicht voraussetzen und das glauben sie auch heute noch nicht. Sie glauben es nicht, obwohl die übergroße Zahl der jüdischen Geisteskranken und Nervenleidenden sie eines Besseren belehren konnte. Aber die Uebertreibung tödret auch hier die Glaubwürdigkeir. Die Pflege des zum Weltmirtelpunkr erhobenen eigenen Leibes hat bei den Juden die höchste Potenz erreicht: sie überlaufen die Specialisten, quälen sich und die Aerzte, und suchen in Bädern und Heilanstalten jene robuste Kraft, die den .Kindern der Ghettvkinder versagt ist, und die nur durch stetige Leibesübung zu erreichen ist. Schwimmen, Turnen und Radfahren werden zwar neuester Zeit viel geübt, aber jenes innige Anschmiegen an die Natur, die Wanderung in Wald und Flur, die der Wiener so sehr liebt, und die ihm Bäder und Sanatorien ersetzt, findet in jüdischen Kreisen noch immer viel zu geringe Beachtung. (Schluss folgt.) m Die Mache. Wien, 28. September 1898. Der französische Ministerrath hat beschloffen, die Revision zu eröffnen. Es geht ein Aufathmen durch alle fünf Welttheile, vielen Millionen ist etwas, das wie ein Alp war, von der Brust weggewälzt. Die Oeffentlichkeit, die sich Jahre hindurch eifernd und sorgend mit der Affaire Dreyfus beschäftigt hat, zeigt eine heitere Miene. Auch die antisemitische Oeffentlichkeit lächelt; — ein deutliches, schadenfrohes Lächeln. Der Jude Dreyfus auf der Teufelsinsel, das war allerdings ein sehr anmuthiges Bewusstsein, aber der befreite Jude — auch kein übler Gedanke. Er bereichert nämlich den antisemitischen Citatenschatz um ein ungemein wertvolles Wort: „ Kolossale Machtprobe des internationalen Judenthums". Man citiert es bereits mit bösem Lächeln, man hofft, dass sich das Citat in ein geflügeltes Wort umwandeln wird. „Die Revision ist ein Sieg der internationalen Judenhydra." Man muss den Sieg in einen Pyrrhussieg umwandeln. Die Teufelsinsel ist nämlich das einzig richtige Milieu für einen Juden. Ausgespien aus der menschlichen Gesellschaft — das ist die normale, gebürende Situation. Da will auf einmal der Jude diesen seinen natürlichen Lebenskreis verlassen. — Auf gepasst! Alle Mann an Bord! Der Jude meutert, die Juden lehnen sich aus gegen die Wcltordnung! Jüdische Frechheit! Das werden sie büßen, die Juden. Früher war wenigstens e i n Jude auf der Teufelsinsel, einer für alle. Jetzt geht er fort! Sie werden es büßen, alle für einen. Also Prosit, die Wahrheit kommt. Auf einem stolzen Siegeswagen zieht sie in Frankreich ein. Aber wir trauen unseren Augen nicht, — was ist das für ein Aufzug? Dort der Herold vor dem Wagen — wahrhaftig, er ist es — Esterhazy! In der rechten Hand schwingt er „Enthüllungen", in der linken deren Dementi. Die Enthüllungen besagen, dass für die Schuld des Dreyfus keine Beweise existieren. Esterhazy, der Erzgauner, als Apostel des Lichtes, Esterhazy, der Ueberlump, als Bahnbrecher der Wahrheit! Ein toller Scherz der Triumphatorin. Die Wahrheit war überglücklich, dass sie nach langem Warten jetzt einziehen dürfe, und in ihrer frohen Laune hat sie sich den drolligen Spass erlaubt. So etwas ist übrigens in der Geschichte schon öfter dagewesen. In einem bekannten böhmischen Curorte springt eine Quelle ans dem Boden, die schon zahllosen Menschen Stärkung und Genesung gebracht hat. Und wer hat die Quelle entdeckt? Ein gewiffes Hausthier, deffen Stimme als Grunzen und deffen Familienname als Ehrenbeleidigung bezeichnet wird. Es wühlte, wie dies seine Art ist, in der Kruste unseres Planeten und dabei fand es den kostbaren Ouell. So zu lesen in der Chronik jenes Curortes und jüngst wieder im englischen „Observci“ Ja, Esterhazy macht in England Enthüllungen. Er setzt sich aufs hohe Ross, der wackere Uhlan, erzählt von seinem unbedingten Gehorsam gegen Vorgesetzte, von seiner blinden militärischen Pflichttreue und versetzt dabei dem Generalstab tödliche Streiche. Uhlan bleibt Uhlan. Jetzt kann er endlich mit Hilfe eines gütigen Schicksals seinen innigsten Herzenswunsch verwirklichen. Er säbelt die französische Armee nieder. Und unter was für günstigen Umständen! Er wird noch bezahlt für die Uhlanenhiebe. In Paris begeht er Schurkenstreiche, fälscht Papiere, und lässt sich vom Generalsiab dafür bezahleu. Dann geht er nach London, gibt sich offen als Schurke zu erkennen, verräth den Generalstab und lässt sich auch dafür von Journalen und Verlegern bezahlen. Vielleicht wird er jetzt in eine dritte Stadt wandern und erklären, dass er die englischen Blätter belogen und betrogen habe, und wird sich dafür gleichfalls bezahlen lasten — u. s. s., u. s. f. Esterhazy wäre auch dieser Leistung gewachsen. In Frankreich ist jetzt wieder ein neuer Fälscher auf der Bildfläche erschienen, Oberstlieutenant Picquart. Da Frankreich das Land der notorischen Fälschungen ist, so darf es uns nicht Wunder nehmen, dass der neue Fälscher kein wirklicher, sondern ein gefälschter Fälscher ist. Man stempelt ihn zum Fälscher, in Wahrheit ist er ein ehrlicher Mensch und sitzt deshalb im Militärgefängnis. Das sind furchtbar confuse Geschichten. Lauter Masken und Verkleidungen. Die Fälscher sind anständige Leute und die Ehrenmänner sind Hallunken, wie z. B. der Militärgouverneur Zurlinden. Ein Wirrwarr sondergleichen. Wenn alle anständigen Leute sammt und sonders eingesperrt oder deportiert wären, dann hätte man eine leichte Uebersicht. Man wüsste, dass die ftei Herumlaufenden Verbrecher sind. So ist aber jetzt nur ein Theil der Anständigen hinter Schloss und Riegel, und es kann einem leicht passieren, dass man auf der Gaste einen ganz ehrlichen Menschen für einen unehrlichen Patron hält, weil er nicht eingesperrt ist. Es ist in der That ein überaus verworrener Zustand.

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