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Die Welt · 1898-09-30 · 39 (30.9.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
39 (30.9.1898)
Article
Die Juden in Wien
Date
1898-09-30
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 39 Seite 5 That auch in Bezug auf Unterstützung und Förderung des Einzelnen das Möglichste leisteten. Immer aber geschah alles vom Standpunkte der Wohlrhätigkeit. Ihre Börse gehörte den armen Juden, ihr Salon den angesehenen Christen, Herz und Sinn, soweit er nicht vom Gelderwerb erfüllt war, der modernen Bildung, Kunst und Literatur mit Ausschluss alles dessen, was ans Judenthum gemahnte. So kam es, dass Wien die geringste jüdische Culrur austvies, dass die Heranwachsende Jugend der besseren Familien alles Schöne und Edle in den allgemeinen Bildungsbestrebungen, alles Hässliche und Rückständige im Judenthum sah und diesem so rasch als möglich zu entfliehen suchte. Gewöhnlich geschah das, wenn Heiraten es nicht früher geboten, rasch nach dem Tode der Eltern. Und so sicher wurde das vorausgesetzt, dass ein bekannter jüdischer Magnat auf diese Nachtause eine Million Gulden als Pönale legte, die einer der Söhne auch bezahlt hat. Ties soll andeuten, wie groß die Entfernung vom Jndenthum, ja der Abscheu vor dem eigenen Stamme in den Nachkommen der reichen Juden Wiens war, selbst bei den Söhnen solcher Väter, die treu zu ihrem Glauben gehalten hatten. In den Vätern klang noch die Poesie ihres Stammes nach, sie waren Söhne von „Ganzen", und sahen es nicht oder konnten es doch nicht verstehen, wie sehr lächerlich den Jungen alles geworden war, was mit dem Judenchum zusammenliieng. Dass sie selbst jeden Halt verloren hatten und nur aus Gewohnheit ohne ideelle Begründung am Alten hiengen, das verstanden sie auch nicht. Sie hatten jeden Zusammenhang mit dem jüdischen Volke ausgegcben, das ihnen die große, almosenheischende Masse darstellte. Hie und da waren sie so gütig, sich in den Vorstand der Gemeinde wählen zu lassen, desten Sitzungen sie fast nie besuchten. So kam es, dass diese Ehrenstellungen immer nur als Knoten zum Ordensband oder als Knopf zum Hosrarhsfrack vertheilt wurden, und einzelne arbeitsfähige und arbeitstüchtige Personen die Führung in der Gemeinde behielten. Ties hatte zur Folge, dass z. B. ein solcher Herr den Unterricht der hebräischen Sprache verringern, ja fast ansheben U'vllte. Slicht ctiua aus bösen Gelüsten, nein, aber es häuften sich die Fälle, dass Mittelschüler confessionslvs wurden, weil sie fürchteten, im Hebräischen schlechte Roten zu bekommen. So groß war die Gleichgiltigkeit gegen das Judeulhum in den Siebziger mti> Achzigerjahrcn zu Wien, dass aus diesem Grunde und wegen einer Cultusstcuercrhöhung von 10 20 fl. zahlreiche Austritte aus dem Judeuthuin stattsaiiden. Man wollte also die Temperatur hcrabsctzen, ohne das Fieber und seine Ursachen zu bekämpfen, man wollte das Judenthum verwässern, um das Taufwaffcr zu sparen. Ta regte cs sich in der jüdischen Wählerschaft. Zum erftenmale vielleicht seit dem Bestände der Wiener Gemeinde gab eine Wählervcrsammlung Tireetiven, und jener Mann, der das Hebräische abschaffen wollte, wurde selbst abgeschafft. Er fiel unschuldig, denn er war ein consequentes Kind seiner Zeit, das seine Umgebung kannte. Allerdings nur seine Umgebung, aus welcher der Vorstand hervorgicng, nicht das jüdische Volk in Wien. Dieses ist auch schwer zu kennen, denn es setzt sich mannigfacher mrd vielartiger zusammen als in irgendeiner Stadt Mitteleuropas, und man muss die ganzen Juden des Reiches kennen, bevor man die der Stadt Wien beurtheilen will. Drei Hauptströme jüdischer Immigration münden in Wien. Der böhmische, ungarische und polnische. Wir ordneten sie nach der Schätzung, die sie hier fanden (die jüdisch-türkische Gemeinde bleibt außerhalb unserer Betrachtung). Tie böhmischmährischen Juden waren die wohlhabendsten, geschäftlich gewandtesten und sie besaßen auch die größte allgemeine Bildung. Die deutsche Sprache war ihnen Muttersprache und der deutsche Wiffcnschatz Vater ihrer politischen Ueberzengung, die sie allen Inden Wiens zu deren Unheil aufprägten. Aus Ungarn strömte Arm und Reich zu, die Letzteren, um das Erworbene zu genießen, die ersteren, die ungarische Colonie, lieferte viele Künstler, Schriftsteller, Journalisten, aber auch Gelehrte und Kaufleute. Damals sprach jeder gebildete Ungar und jeder ungarische Jude deutsch, und Wien tvar ihnen die Hauprstidt. Vielfach hiengen sie innig mit ihreu orthodoxen Heimatsgemeinden zusammen. Einige bildeten vereint mit Frommen aus dem süddeutschen Romantikerkreise die orthodoxe Lchiffschnlgemeinde, die den übereifrigen Reformern des Hauptvorstandes oft erfolgreiche Opposition machte. Dass die polnische Gemeinde scharfe Wacht hält, wird jedermann glauben. Diese wäre sehr hoch angesehen, wenn nicht die meisten Juden aus Polen es vorziehen würden, dem Separatghetto, das ihnen von den Juden Europas bereitet wird, auszuweichen. Man kennt daher in der Oeffentlichkeit nur den Bodensatz. Sie spielen aber im Geschästsleben sowohl als auch in Literatur und Wissenschaft eine viel größere Rolle, als man — wissen darf. Im allgemeinen hat der ghcttolose und gottlose Wiener Boden ihr seelisches Wachsthnm nicht gefördert. Sie waren die Haltlosesten unter den Haltlosen. Unter ihnen gab es die schroffsten und verächtlichsten Assimilanten und Flüchtlinge, Leute rhae jede höhere Bildung, die nur aus Hang zur Regellosigkeit, oder im kleinlichen Trotz dem Judenthum entliefen, aber auch die trencsteu Anhänger ihres Stammes, die ersten Jünger der zionistischen Idee. Wien war ein unglückseliger Boden für die Juden, die sich ihm anvcrtrauten. Jahrzehntelang gab es keine Clubs, keine Vereine, außer den üblichen Wohlthätigkcitsvcrcinen, in dem Inden'als Juden sich finden konnten. Die Katholiken und Protestanten, die Böhmen und die Polen durften fich vereinigen, den Juden war dies untersagt — von der öffentlichen Meinung verboten? In ganz Tcntschlaud, in England und in Arnerika, diesen wahrhaft freisinnigen Ländern, gedeihen zahllose jüdische Vereine, in denen der Jude als solcher sein geselliges Bedürfnis, seine künstlerischen Ambitionen befriedigen darf, in Wien war cs verpönt, sich als Jude zu bekennen. Die Juden drängten sich daher in die christlichen Geselligkeitsvereine, in die christlichen Gesangs- und Turnvereine, brachten für diese große Opfer und wurden schließlich immer wieder als fremdes, unwillkommenes Element hinansgedrängt. Alle dauernden, öffentlichcu Veranstaltungen gierigen an Vergiftung zugrunde und ließen als Bodensatz eine antisemitische Stimmung zurück. Als in der Aera des Antisemitismus die „israelitische Union" gegründet wurde, da war die Entriistung der jüdischen Honoratioren gar gewaltig, und die meisten Zeitungen verschwiegen diesen Verein ruit dem ominösen Namen. Erst in beit letzten Jahren, als sich herausftellre, dass er nichts weiter bedeute, als einen Wählerverein der inneren Stadt, der als solcher der „üblichen Politik" gute Dienste leiste, wurde er in die Liste der Vereine huldvvllst ausgenommen. Es gab, rvie gesagt, für die Juden Wiens keinen Halt und kein Zusammenhalten. Die Gemeinde konnte keiner ihrer rituellen Verpflichtungen Nachkommen, ja, es mussten sich in allen Vororten Vereine bilden, znm Bau und Erhaltung von Bethäusern. Die Polen und die Orthodoxen besitzen auch je ein großes Bethaus. Die einzelnen Functionäre mussten sehr hoch bezahlt werden, so dass niemand eine rechte Freude am Gemcindeleben empfand, das dem Gemüthe nichts bot. Nur ein kleinster Brnchtheil kam in die Lage, die Gelehrten und vorzüglichen Prediger zu hören, und Seelsorger besaß Wien in den letzten Jahrzehnten nicht. Zwischen Prediger und Gemeinde knüpfte fich kein festes Band. Das Wertvollste, was die Gemeinde bisher lieferte, ist ihr Steuer-Cataster. Das ist nicht anzüglich gemeint. Sie weist nämlich nach, dass verhältnismäßig sehr wenige Personen in Wien die Cnltussteuer bezahlen. TasMinimum von zehn Gulden muss aber jeder Jude bezahlen, dem ein selbstständiger Berus nach gewiesen werden kann. Auch Angestellte, die bis zur Wirkung der neuen Steuergesetze von Staatssteuern befreit waren, mussten die Cultussteuer entrichten, und doch kaum 710 Steuerträger unter circa 120.000 Personen, und davon etwa 2/3 die

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