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Die Welt · 1898-09-30 · 39 (30.9.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
39 (30.9.1898)
Article
Zu den Landtagswahlen in Preußen
Date
1898-09-30
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Srite 4 Nr. 39 zwei jüdische Professoren, Professor Lazarus und Professor Goldschmidt, sich diesem Cartett anzugliedern schienen, so mochte cs doch auch nicht den geringsten Einfluss haben ans die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Christen. Denn diese folgen doch nicht den politischen Constellationen, vielmehr letztere, sofern sie nicht bloß zufällig flüchtige, sondern tiefere, principielle sind, steigen ans dem Untergründe der socialen und gesellschaftlichen Verhältnisse herauf. Und so wäre es thörichte Kurzsinnigleit, zu hoffen, dass das bessere deutsche Bürgerthnm, welches mit dem Jnnkerthum doch in Freundschaft, ja sogar in Verschwägerung lebt, jemals wieder zurückgezwungen werden könnte, zu einem ernsthaft oppositionellen Liberalismus, der es mit dem jüdischen Bürgerthum in eine einheitliche Reihe stellte. Zudem zeigt der nicht oft-, sondern west- und süddeutsche Nationalliberalismus bereits einen heimlichen, ziemlich bedeutsamen Antisemitismus. Seine Zeitungen müffen ihn ja freilich einigermaßen verhüllen, aber sie schmuggeln ihn ein, indem sie etwa gegen das „Berliner Tageblatt" oder andere Berliner freisinnige Zeitungen oder gegen jüdische Journalisten und Thcaterkritiker „witzig" werden. Und dies ist für die nationalliberalen Leser, die es schmunzelnd gar wohl verstehen der vergnüglichste, sportartige Inhalt der Politik, das, worüber sie beim Bierkrnge lächeln oder herzlich lachen können Auch dürften es die Juden bitter zu bereuen haben, wenn sie durch das trügerische Bündnis mit dem Nationalliberalismus in sich eine gewiffe „Cnlturkampfs"oppositionslust erwecken lasten wollten. Das „Berliner Tageblatt" spricht im Zusammenhänge mit den Landtags Wahlen bereits von einem Kampfe gegen die „starrgläubige Geistlichkeit beider Confessivnen." Dass alsdann eine entschiedene Gegenwirkung nicht lange auf sich warten lasten würde, dürfte unschwer abzusehen sein. Diese „starrgläubige Geistlichkeit beider Confessionen" inag den Bienen und Wespen vergleichbar erscheinen, die nur, wenn man sic belästigt, stechen, und die sogar, wenn sie sich etwa bereits auf der Hand des Menschen festgesetzt, friedlich davonfliegen, sofern man sie gewähren lässt und nicht gewaltsam verscheuchen will. Und so könnte es geschehen, dass der deutsche Jude, ohne einen wahrhaft innigen Anschluss an das liberale Bürgerthuni zu erreichen, sich dem weitesten Haste anssetzte dnrch eine Waffengenostenschaft mit dem Nationalliberalismus. Eine solche — ja doch unuützliche — Auferweckung zu activer politischer Thätigkeit würde auf eine der logischen Entwicklung schädliche Weise den eigenartigen Zustand unterbrechen, in dem sich das deutsche Judenthnm befindet. Es mag seit denk Wiedererwachen des Antisemitismus in den letzten Siebzigcrjahren einem Manne gleichen, der plötzlich und nnvermuthet von einer schweren Erkrankung befallen, zunächst auf eine schleunige Genesung hofft, und den Gedanken an eine lange Dauer der Erkrankung als ganz ungeheuerlich und unerträglich empfinden würde, aber allgemach immer bescheidener wird in Bezug auf den Termin der Genesung. Ja, endlich kann er sich kaum noch dem ängstlichen Gedanken entziehen, dass die Erkrankung eine chronische wäre, und muss sich schon etwa damit trösten, dass sie doch wenigstens keine Fortschritte zum Schlechteren mache. Am liebsten aber vermeidet er jeglichen Gedanken, der ihn zu solch unerfreulichen Betrachtungen führen könnte; ohne dass jedoch die gedrückte Stimmung, dass verdrossene Missbehagen, infolge jener hoffnungslosen Erkrankung, anders als flüchtig zurücktreten wollte. W Dir Inden in Wien. Y. Wien, Budapest und Brünn nebst Prag, die wichtigsten Städte der österreichisch-ungarischen Judenheit, mit Ausschluss Galiziens, sind plötzlich emporgekommene jüdische Gemeindewesen. Diesen drei Städten fehlt die Tradition des alten Ghetto, sie sind weder hinaufnoch herausgewachsen aus dem seltsamen Boden der Judenstadt. Der Zufall hat sie geformt, das Glück groß gestaltet. Es sind Parvenügemeinden und auch zum Theil Gemeinden der Parvenüs. Dass sie durch die geographische und politische Stellung vorbildlich wirken und Einfluss üben in großen Ländern und vielen Provinzen gereicht den Juden nicht zum Heil. Wien besaß ein jüdisches Patriciat, das in der ganzen Welt Ansehen fand: Die Eskeles, Arnstein, Elkan, Ephraim Henikstein, Oppenheim, Wertheimer, Pereira. Sie spielten im Anfang dieses Jahrhunderts besonders zur Congresszeit eine große Rolle und hielten hervorragende Salons. Später kam auch Simon Freiherr von Lämmel zu Geld und Ansehen. Lämmel und Eskeles haben dem österreichischen Staate ganz ungeheuere Dienste geleistet und den totalen wirtschafrlichen Ruin des Reiches verhindert, dieses Reiches, das ihnen trotz alledem keine bürgerliche Freiheit bot, nicht einmal als ausnahmsweise Gnade. Für das Judenthum ist in Wien von diesen jüdischen Aristokraten wenig geschehen. Einige wohlthätige Stiftungen, hie und da der Besuch des Tempels an hohen Feiertagen, das war Alles. Das gesammte Streben galt der bürgerlichen Gleichstellung, die allerdings aller Opfer wert war. Der Aufenthalt in Wien war nur wenigen privilegierten Juden gestattet und deren Schwiegersöhnen, z. B. schon nur in der demüthigenden Form eines Angestellten. Für dieses Recht, einen Angestellten mehr halten zu dürfen, d. h. also einem Schwiegersöhne oder Enkel den Aufenthalt zu sichern, wurden aber bis 511 75.000 Thaler bezahlt. Viele privilegierte Inden erhielten auch fremde Familien unter dem Tienertitel. Dies soll er klären und daher auch entschuldigen, dass die reiche und angesehene Judenfchaft Wiens alles gerhan und alles erreicht glaubte, als ein der Revolution entsprungenes Gesetz ihnen die äußerliche Gleichberechtigung in den Schoß legte. Um das Aeußerliche drehte es sich stets bei den Juden Wiens, dieser Stadt der Aeußerlichkeiten, man wollte der übrigen Bevölkerung gleich scheinen. Tie Söhne der reichen Großhändler trugen Edelmannskleider mir dem Degen an der Linken und die Damen Seide und Brillanten. Viele von ihnen zeichneten sich allerdings auch durch Geist und Schönheit aus. Selbst Jeseph Wcrthcimer, dessen „Geschichte der Juden in Oesterreich" (anonym Leipzig 1842) jedem Forscher vorzügliches Material liefert, und der große Anhänglichkeit an seinen Stamni an den Tag legte, schrieb dieses Buch nur als einen Beleg für die wirtschaftliche Schädigung des Landes, wenn es seine Inden fortgesetzt dnrch Ansnahmsgesetze quäle. Und doch hat diese Geistesthat ihm ein reicheres und dauernderes Andenken gesichert als Eskeles seine rettende financielle Hilfe, die ihm seinerzeit den intimen Verkehr mit allen Machthabern ermöglichte und doch nicht verhüten konnte, dass im Jahre 1868 von einer Gaste, die seinen Namen trug, dieser entfernt wurde, um einem anderen Platz zu machen. Dieser Vorfall ist symptomatisch für die Wirkung der Wiener jüdischen Magnaten. Alles, bis auf die Flamen, verflogen rrnd verweht, weil ihre Thätigkeit der Affimilationsphrasc galt, und sie selbst mit dem Judenthnm nur in losem Zusammenhänge standen." Sie gaben ihm nichts vom Adel ihres Wesens und es lässt ihnen daher auch nichts. Eine Tradition der früheren Jahrhunderte fehlte gänzlich. Im 14. Jahrhunderte wurden die Inden zu Wien verbrannt, im siebzehnten vollständig vertrieben, später nur geduldet, so dass sich keinerlei jüdisches Cultur- oder Geistesleben entwickeln konnte. Das Toleranzedict Kaiser- Joseph II. änderte und besserte die Lage der Juden, aber unter Kaiser Franz wurde ihr Recht wieder beschränkt. Vom Jahre 1849 an strömte die Judenschaft aus dem ganzen Reiche in die fteigegebene Residenz. Trotz des demokratischen Zuges, der nun in die Welt kam, blieb es doch in der jüdischen Gemeinschaft bei dem Cliententhum, das durch den Stand der Privilegierten Juden im Vormärz geschaffen worden war. Tie zugewanderten Juden erhofften Alles von der Protection der hochmögenden, angesehenen „Wiener Familien", die in der

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