Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 39 (30.9.1898)
- Article
- Zu den Landtagswahlen in Preußen
- Date
- 1898-09-30
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Vtr. 39 Seite 3 und erst in diesem Jahre schien sie lebhafter werden zu wollen, wie der „Vorwärts" nicht ohne Berechtigung hervorhob, weil diesmal die Socialdemokraten zum erstenmale in Aussicht gestellt hatten, dass sie sich an den Landtagswahlen betheiligen würden. Damit ist der Antheil der Juden an diesen Wahlen erst eigentlich lebhaft geworden. Denn ihnen wohnt, so lange sie in dem unseligen Halbheitszustande zwischen Assimilationsverlangen und eigenem Nationalitätsbewusstsein leben, wohl allesammt ein destructiver Trieb inne, der sich an allem Revolutionären beglücken kann, und vielleicht ist es einem Juden unmöglich, sich über die Bezwingung irgend eines revolutionären Versuches zu freuen. Wenn man von jüdischen Proletariern absieht, welche in Deutschland kaum in Betracht kommen, weil sie auch unter den ärmlichsten Verhältniffen zumeist immer noch einen gewissen Anstand des Mittelstandes zu wahren 'wissen — so mögen unter den socialdemokratischen Juden nur sehr wenige sein, die infolge einer eigenartigen Charakteranlage, etwa infolge eines übermäßigen ethischen Gefühls zur Socialdemokratie gekommen sind und die auch als Christen dorthin gelangt wären. Desgleichen sind unter ihnen diejenigen Juden zahlreich, die noch glauben, sich auf eine wirksame Weise von dem allgemeinen Leideusschicksal ihres Volkes abtrennen zu können. Ehedem, da noch beinahe alle Juden in Deutschland deutschfreisinnig waren, glaubten sie es schon erreicht zu haben — und etwelche glauben es auch heute — wenn sie den Freisinnigen vorwarfen, dass sie nicht socialpolitisch genug wären, und selber einen „socialliberalen" oder „socialpolitischen" Standpunkt einnahmen. Jetzt glauben sie es zumal mit der vollsten Sicherheit erreicht zu haben, wenn sie mit Entrüstuugspathos gegen das „Capital" zu Felde ziehen und sonderlich wettern gegen die „Börse" und gegen die „Protzen". Diese Gesinnung mag nicht weit entfernt sein von der, in welcher ein Journalist die „jüdischen Antisemiten" zu einer Partei sammeln wollte, sie besitzt auch, was man an dem sonderbaren Gesichtsausdruck socialdemokratischer Juden erkennen mag, bei solcherlei Angriffen gegen Capital, Börse und Protzen, ein unterirdisches halbes Bewusstsein von sich selbst; und es mag für einen selbstbewussten Juden kaum etwas so bitter, wehmüthig Lächerliches geben, als diese Versuche, auf so kurzen, gewundenen Wegen sich von dem allgemeinen Stammesschicksale zu entfernen. Erkannt können sie zumal jetzt werden während der Vorbereitungen zu den Landtagswahlen, und zugleich mag man ersehen können, wie wenig die sonderliche Stellung des Juden in der wogenden Flut allgemeiner socialdemokratischer Begeisterung ertränke. Es herrschen jetzt unter den „Genossen" Meinungsverschiedenheiten, ob man sich an den preußischen Landtagswahlen betheiligen solle oder nicht. Durch die besondere Natur des Wahlrechtes ist es ausgeschlossen, dass die socialdemokratische Partei aus eigener Kraft auch nur einen Sitz im Abgeordnetenhause erringen könnte, und da von der Arbeiterpartei Compromisse mit bürgerlichen Parteien ja principiell verschmäht werden, würde eine Betheiligung nur die Stärkung der freisinnigen Parteien bezwecken sollen in ihrem Kampfe gegen das herrschende Junkerthum. Nun würde ein nur auf sich gestellter socialdemokratischer Jude, da er eben vornehmlich oppositionell und revolutionär schlechthin ist, durchaus und mit ganzem Herzen für diese Wahlbetheiligung eintreten; aber auch gerade Juden treten mit besonderer Leidenschaftlichkeit gegen die Wahlbetheiligung auf, um nicht in den Geruch zu kommen, als verfolgten sie sonderlich jüdische Zwecke innerhalb der socialdemokratischen Partei. Aber dies bezieht sich doch nur auf die Juden, welche erklärte Socialdemokraten sind; denn die übrigen werden zumeist, so sehr sie auch mit der radikalsten Oppositiouspartei sympathisieren mögen und bei einer geheimen, etwa der Reichstagswahl gewisslich demgemäß gestimmt hätten, bei dieser öffentlichen Stimmabgabe zur Besinnung und Besonnenheit zurückgeführt und stimmen für gemäßigtere oppositionelle Parteien, für den Liberalismus. Dazu kommt, dass bei diesem Wahlsysteme, dem elendesten aller Wahlsysteme, wie es Bismarck genannt hat, die stattlich wohlhabenden ansässigen Juden, die Wähler der ersten und zweiten Abtheilnng, weit mehr, ja beinahe allein ins Gewicht fallen, während die radicalen jungen Leute, Studenten, Journalisten, Künstler, Schriftsteller entweder gar kein Wahlrecht oder nur das ziemlich belanglose der dritten Abtheilung besitzen. Nun dürfte diesmal der gemäßigte Liberalismus, die nativnalliberale Partei, die sich so lange in eine direkte Abhängigkeit unter die conservative Partei gestellt hatte, sich vielleicht wirklich auf die große Weltanschauung besinnen, die er mit den freisinnigen Parteien gemein hat, und es könnte sich eine principielle Auseinandersetzung-vorbereiten zwischen dem liberalen Bürgerthum und dem conservativen Junkerthum. Die eindrücklichereu Ereignisse in der engen Landtagsstube, wie das Schulgesetz, das Vereinsgesetz, die lex Arons (das Prjvatdocentengesetz), so schnell sie auch, wie zumeist in unserer schnelllebigen Epoche, vorübergegangen am großen Publicum, mögen doch haften geblieben sein bei den nationalliberalen Politikern, und zumal in den östlichen preußischen Provinzen tritt zwischen den Nationalliberalen und den conservativen Agrariern die Scheidung mit einer überraschenden Schärfe ein. Aus einem westpreußischen Kreise war gemeldet worden, dass die Agrarier alle Fäden zwischen sich und den Nationalliberalen zerschnitten und mit dem Centrum ein Compromiss abgeschloffen hätten, und wenn es später auch dementiert wurde (wie es nichts Unzuverlässigeres gibt als die Zeitungsmeldungen über Parteitaktiken, Wahlcompromisse und dergleichen), so mag es doch characteristisch bleiben, dass die Nachricht durchaus allgemeinen Glauben fand und sich jedem in sein Bild von den politischen Parteiverhältniffen bequemlich einfügte. Es sind auch in nicht wenigen Wahlkreisen thatsächlich Compromisse zwischen den Nationalliberalen und den Freisinnigen abgeschlossen worden; ja, in einer in Graudenz abgehaltenen nationalliberalen Versammlung wurde sogar erklärt, dass es sich im polnischen Osten nicht so um die Gegensätze zwischen Deutschen und Polen handle, als um die zwischen Liberalen und Conservativen. Und gerade hier ist ein Zusammengehen der Nationalliberalen und Freisinnigen von erheblicher praktischer Bedeutung: denn infolge des merkwürdigen plutokratischeu Wahlsystems ist bei den Landtagswahlen der wohl ausnahmslos freisinnigen oft recht wohlhabenden jüdischen Kaufmannschaft des preußischen Ostens nicht selten die ganze erste und zweite Abtheilung in den Städten zugefallen, also zwei Drittel der überhaupt zu wählenden Wahlmänner. So ist es nicht verwunderlich und vornehmlich characteristisch, dass die Conservativen nun erst die Beschlüsse der nationalliberalen Parteiconferenz abwarteu wollen, ehe sie mit einem programmatischen Aufrufe vor die Wählerschaft treten. Aber es wäre noch trügerischer als die Hoffnung der socialdemokratischen Juden, wenn der assimilationssehnsüchtige deutsche Jude, in kurzem Denken, nun glauben wollte, beim liberalen Bürgerthume unterschlüpfen zu können. Denn diese Abstoßungen und Anziehungen zwischen den wichtigsten politischen Parteien, so erheblich sie auch für die unmittelbar reale Politik sein mögen, dürften doch kaum etwas bedeuten für die dauernde gesellschaftliche Wirklichkeit, welche bedeutsamer ist als jede — voch leicht vorübergehende — Parteicvnstellation. Ter Gegensatz zwischen liberalem Bürgerthum und dem conservativen Junkerthum, der in dem preußischen Consticte der Sechzigerjahre seinen schärfsten Ausdruck gefunden, fand keinen Abschluss durch einen ausgesprochenen Sieg des Liberalismus über das Jnnkertbum, sondern durch ein beqnemliches Compromiss, dessen politischer Ausdruck eben der Nationalliberalismns geworden. Tie beiden ringenden Gruppen schmolzen durch Bismarcks geniale Taktik zu einem neuen Adel zusammen; die Söhne der Fabriksbesitzer wurden Officiere und ihre Töchter heirateten Lieutenants, wie denn die meisten Damen der Officierscvrps Fabrikanten- und Kaufmannsfamilien zu entstammen pflegen. Nur die Juden — auch die reichsten — waren außerhalb dieses ueudeutschen Cartells zurückgelaffeu worden, und wenn auch 1887, zur Zeit des Septennatskampfes,