Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 38 (23.9.1898)
- Article
- Die Juden in Böhmen
- Date
- 1898-09-23
- Page
- 10 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 38 dass in Prag wieder einigen Leuten die Assimilationsgedanken ausgeprügelt werden. Der Prager Pöbel kennt sich gründlich aus, er macht keinen Unterschied zwischen Natioualjudcu und Getauften, zwischen jüdischen Deutschen und Tschechen. Er agitiert praktisch für den Zionismus. Wer weiß, in ein paar Jahren iverden die Prager Juden vielleicht freiwillig wieder in itr altes Ghetto nnterkricchen. Geehrter Herr Red acte ur! Am ersten Zionistencongress wurde von Dr. Bodenheimer die organisatorische Wichtigkeit der Turnvereine betont. Am zweiten Gongress war dies schon Gegenstand größerer Besprechungen, und u. a. widmeten Professor Dr. Mandelstamm, ja sogar zahlreiche Rabbinen diesem Thema ihre Aufmerksamkeit. Aus allen am Gongress gehaltenen Reden tont ein Schmerzensschrei über die sittliche Judennoth. Wahrhaftig! sic ist groß, aber fast gerade so furchtbar ist die körperliche. „Wir müssten überall", dies sind die Worte des Professor Dr. Mandelstamm, „wo Zionistengruppen bestehen, und deren gibt es schon eine stattliche Zahl, für gute, frische Luft in den Ghedern und Talmud-Thoras und dafür sorgen, dass die kränkliche, in Elend und Armut verkommene Jugend, durch Gymnastik jeglicher Art gestählt und widerstandsfähiger gemacht werde." Den Wiener Juden, die die Fehler des Ghettos und der Großstadt in sich vereinigen, würde es gewiss nicht schaden, wenn sie sich durch Turnen und andere sportliche Uebungen kräftigen würden, und insbesondere unseren östlichen Stammesgenossen wäre eine stramme Organisation nur vom größten Nutzen. Wir könnten uns da an unseren assimilierten Gegnern, die da als wackere Deutsche turnen, ein Beispiel nehmen und wir glauben, dass auch unter diesen gar mancher lieber einem offen jüdischen Verein angchören würde. Dieses „Muskeljudenthum", wie es Nordau so treffend nennt, thut uns wirklich Noth! In Wien, wo in der letzten Zeit so zahlreiche Zionistenvereine entstanden, könnte leicht mit Hilfe dieser, sowie der jüdischnationalen Studentenverbindungen, ein Turnverein ins Leben gerufen werden. Wir hoffen mit diesem Vorschlag in Ihrer Tribüne zum Wort zu gelangen. Mit Dank und Gruß Arthur Tauber. Siegfr. Tauber. Sehr geehrter Herr R c d a c t e u r! Ein Nothschrei der jüdischen Studierenden dringt in Form dieser Zeilen zu Ihnen. Herr Doctor werden aus Ihrer Studienzeit wissen, dass der größte Theil der jüdischen Studierenden darauf angewiesen ist, während der Studienzeit etwas verdienen zu müssen. Dies geschieht durch Stunden geben. Dieser Verdienst, der ohnehin bitter genug ist, wird trotzdem nicht jedem zugänglich gemacht. Es ist eine Thatsache, dass der weitaus größere Theil der Eltern, die ihren Bindern eine häusliche Nachhilfe angedeihen lassen, jüdisch ist. Tie Hauslehrer aber sind meist Nichtjuden. Dagegen gibt es nur wenige christliche Häuser, in denen jüdische Lehrer Beschäftigung finden. p!un kommt es vielleicht vor. dass man in einem christlichen Hause den Juden, der dort angestellt ist, ebenso gerne entbehren würde, als man ihn in einem jüdischen Hause haben möchte, dass man cs aber nicht thut, oder besser, es nicht thun k a n n. Der Grund dieser Erscheinung ist einfach der, dass der bc treffende Student von einem Professor oder gar von der Dircc tion einer Lehranstalt empfohlen ist. Man kann ihn schlechterdings nicht wegschicken, weil man fürchtet, dadurch den empfehlenden Herrn Professor zu beleidigen, was dann vielleicht eine sehr fühlbare Rückwirkung nach sich ziehen könnte. Und nun, geehrter Herr Redacteur, komme ich zu dem eigentlichen Zweck dieser Zeilen. Da Ihr geschätztes Blatt in den Kreisen, die Hauslehrer nehmen, sehr angesehen und verbreitet ist, würde es sicherlich von großer Wirkung sein, wenn Sie, Herr Redacteur, cs eben diesen Kreisen durch Veröffentlichung einiger Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte beibringen wollten, dass man doch, wenn man in einem jüdischen Hause einen Hauslehrer braucht, und sich aus diesem Grunde an einen Professor oder an den Director einer Lehranstalt wendet, ausdrücklich einen jüdischen Studenten wünschen kann. Es gibt ihrer sehr viele, die ebenso arm und fleißig als tüchtig sind. Wenn Sie, Herr Redacteur, die Güte hätten, diesem meinen Wunsche, der gewiss auch zugleich derjenige vieler anderer ist, zu willfahren, würden Sie gewiss ein sehr gutes Werk thun. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener Wien, am 15. September ISDN. P WeltchrsuiK. Elisabeth von Oesterreich bei Heinrich Heines Schwester. Bon Frau Charlotte Embden in Hamburg, der einzigen überlebenden Schwester Heinrich Heines, erhält die „Allg. Corr. f. Kunst" ein intereffantes Schreiben, in dein die hochbetagte Frau von dem Besuche erzählt, den ihr die unglückliche Kaiserin und innige Verehrerin Heinrich Heines einst in-ihrer Wohnung in Hamburg abstattete. „Es mag kaum später als nenn Uhr morgens gewesen sein, als mir unter den Namen der Gräfinnen Hohenems zwei Damen gemeldet wurden. Ich ließ bedauern, dass ich so früh am Morgen nicht zu sprechen sei. Da hörte ich von draußen eine liebenswürdige Stimme sagen: Melden Sie, bitte, Frau Embden, dass die Kaiserin Elisabeth gekommen sei, um sie zu sehen." Ich war so erstaunt, dass ich mich kaum zu fassen vermochte, und in aller Eile machte ich Toilette. Als ich dann ins Zimmer trat, kam mir die Kaiserin in freundlicher Weise entgegen, fasste meine beiden Hände und führte mich zu einem Lehnsessel. Sie sprach den Wunsch aus, mit mir allein zu sein, und nahm dann mir gegenüber Platz. Nun bat sie mich, ich möchte ihr Jugenderinnerungen aus dem Leben meines Bruders erzählen. Ich that cs, so gut ich es konnte, aber bald fühlte ich doch, wie die Macht des Alters manche Erinnerung verwischt hatte, und ich erwirkte die Erlaubnis, meinen Sohn rufen zu dürfen, der „ein lebendiges Conversationslexicon" sei in allem, was Heinrich Heine betrifft. Mein Sohn sprach über eine halbe Stunde, und die Kaiserin ward nicht müde, ihm zuzuhören. Verschiedentlich warf sie Fragen ein, und ich war überrascht, wie tief diese Frau in die deutsche und englische Ltteratur cingewciht war. Zum Abschied sagte sie meinem Sohne: „Ich habe heute viel Neues und Interessantes über meinen Lieblingsdichter gehört und ich danke Ihnen von Herzen. Ich beklage, dass so viele unrichtige Mittheilungen in der Biographie Heinrich Heines enthalten sind, und glaube, dass Sie Recht thun würden, wenn Sie die Familieubriese vereint mit den Erinnerungen Ihrer Mutter veröffentlichen würden." — Mein Sohn hat, wie Sie wissen, den Rath der liebenswürdigeu Frau auf dem Herrschcrthrone erfüllt. Fast zwei Stunden hatte die Kaiserin Elisabeth bei uns geweilt. Sie versprach, ihren Besuch wiederholen zu wollen. Der jähe Tod ihres Sohnes aber hat dieses vereitelt, wie so manches, was die unglückliche Frau in diesem Leben noch vorhatte. Ich hörte zuletzt von ihr, als sie mir von dem Seebad Cowcs aus zum Andenken an den mir unvergesslichen Besuch ihr Bildnis im Goldrahmen schickte und meinem Sohne eine Brillantnadel, welche ihre Initialen trug." Eß. 'Caboi'i über Fuau Bmjjus. ,.Ud. Nowusti“ bringen eilte Unterredung ihres Pariser Berichterstatters mit dem berühmten Advocaten über die so schwergeprüfte Frau des Verbannten von der Teufelsinsel. „Sic haben Madame Dreysus gesehen. Ihr Gemüthszustand muss entsetzlich sein. Ungewissheit, Aufregung, Hoffnung . . .." „Gewiss! Ich weiß nicht, ob ich, ein Manu, eine so große Ausdauer hätte, wie diese Frau: sie ist ein wunderbares Wesen, das Sinnbild einer französischen Frau mit ihren Cardinaltugeudeu: Treue und bedingungslose Ergebenheit dem geliebten Manne gegenüber, das hohe Pflichtbewusstsein, Standhaftigkeit und Ansdauer. Sie ist eine mustergiltige Gemahlin und Mutter. Sie allein ermuthigte die Verwandten, überzeugte *) Der Name des Einsenders ist der Redaction bekannt.