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Die Welt · 1898-09-23 · 38 (23.9.1898) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
38 (23.9.1898)
Article
Die Juden in Böhmen
Date
1898-09-23
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 38 Seite 9 Synagogen und Bethäusern, seinen Schulen und Vereinen, hat das Prager Ghetto Jahrhunderte lang das gesammte religiöse, nationale und wissenschaftliche Streben der mitteleuropäischen Juden in seinen Mauern vereinigt. Nattirlich hatte auch Prag seine Judenverfolgungen, allein im Verhältnis mit ihren auswärtigen Stammesgenossen hatten cs die Prager Juden immer noch am Besten. Sie hatten ihre autonome Verwaltung, ihr eigenes Rathhaus, ihre eigene bewaffnete Macht und mehrere andere Privilegien. So kam es, dass in den Mauern des Prager Ghettos ein stolzes, starkes Geschlecht heranwnchs, ein ganz anderer Schlag als die in Knechtschaft und Bedrückung erwachsenen Stammesgenossen. Freilich, die verhältnismäßige, langjährige Freiheit hat auch besondere Fehler gezeitigt, welche man den aus der Prager Judenstadt entstammenden Leute nachsagt, so die specielle sogenannte Prager Arroganz, Nicht als ob die Arroganz im Allgemeinen ein Uebel wäre: im Gegentheil, die Welt liebt sehr oft, natürlich nur im Allgemeinen, gerade diejenigen, die eine gehörige Portion Vermessenheit zur Schau tragen, im Besonderen jedoch, wenn der Arrogante ein Jude ist, wird seine Arroganz einfach unerträglich. Die meisten national gesinnten Juden glauben, dass die 'Arier einen natürlichen angeborenen Hass gegen die Inden haben. Das ist gewiss nicht ganz richtig, wenigstens nicht gegenüber dem armen, gedrückten, kränkelnden Juden. Hat sich doch für den unschuldig gekreuzigten jüdischen Märtyrer Rabbi Josuah aus Nazareth die ganze arische Welt begeistert und ihrer Religion seinen Namen gegeben. Die leidenden Juden, die jüdischen Märtyrer hasst man nicht so sehr, gehasst wird besonders der lachende Jude, der gut gekleidete, gut gewachsene und gut essende Jude, der Jude der Theater, Concerte, Bäder und Sommerfrischen. Und wir können das ganz gut nachfühlen. Wir selbst fühlen uns ja 'peinlich berührt, wenn wir Juden laut lachen hören, sie können eben nicht lachen wie andere freigeborene Menschen, in zweitausend Jahren des Elends und der Erniedrigung haben sie es verlernt, ihr Lachen klingt hohl und unwahr. Seht doch mal einen echten 'Arier an, wenn er in Lachen ausbricht! Fühlt sich da nicht jeder, versucht, miteinzustimmen! Niemals werden wir Juden ordentlich lachen können, zuviel Schweres haben unsere Großväter und Großmütter ertragen müssen. Und die Prager Juden, das sind eben solche arrogante Kerle, die sich vermessen zu lachen und den Hass der Andern ans sich zu lenken. Es gibt in Prag und Böhmen sehr wenig jüdischcs Proletariat, ist es da ein Wunder, dass der offene Antisemitismus hier, gleichsam über Nacht, das ganze Land, Deutsche und Tschechen ergriff '? Bei den nächsten Wahlen uürt> wohl kein einziger Nichtantisemit mehr gewählt werden, mit Ausnahme der paar Mandate der Handelskammern und der Arbeiter, welch letztere die Juden einstweilen noch als Vorspann für ihre Clafseninteressen brauchen. Wie lange noch'?! Sehr viele aufrichtige und vorurtheilslose Soeialisten wünschen nichts sehnlicher, als dass die Juden aufhörren, persönlich für sie zu agitieren, weil ihnen das in den 'Augen der großen Masse schadet. Es gibt auch schon ganz jndenreine socialisrische Gruppen, nicht nur unter den sogenannten nationalen tschechischen Soeialisten, die den Antisemitismus offen im Programm haben, sondern auch in der internationalen Socialdemokratie. So hat der „Pravo lida" Tagblatt der tschechischen Internationalen nicht nur eine judenreine Redaction, sondern sogar eine juden reine Administration, was ja selbst bei antisemitischen Blättern eine Seltenheit ist. Es ist auch viel besser so für 'Alle. Die Juden in der Parteileitung würden dem Socialismus nur schaden und dem Judenthum ganz gewiss nichts nünen. Jedem modernen Menschen ist die Socialdemokratie als eine reinliche und energische große Partei sympathisch, eben deshalb wünschen wir national gesinnten Juden den internationalen viel Glück auf den Weg. Aber sie sollen sich wenigstens taufen lasten, damit sie als Christen in der Partei sind. Mögen sie auch äußerlich die Schranke. aufrichien, die^sie von uns trennt. Mögen sie anshören, uns Juden 511 compromitticren und sich von unseren Bestrebungen compromittiert zu fühlen. Ich habe aber erwähnt, die jüdischen Charakter-Besonderheiten werden nur gehasst an den Inden selbst, aber sehr oft bewundert, wenn sie an Nichtjuden und Getauften hervortreten. Tie Juugischechen sind heute eine ganz antisemitische Partei und ihre vielbewundcrten Führer sind Dr. Stranskv in Mähren und Dr. Engel in Böhmen, beide getaufte Inden. Und wer ist der Führer der Ur-Germanen in Böhmen und Oesterreich, Karl Hermann Wolf'? Es ist ja möglich, dass er trotz seines jüdischen Namens und seines slavischen Aussehens von germanischen Großeltern ist. Das ist ja auch 'Nebensache. In seinem Wesen und Auftreten hat dieser Mann nicht eine einzige germanische Ader, er ist vielmehr ein wahrer 'Ausbund von den als jüdisch geltenden Charaktereigenschaften. Ein mundgewandter Redner, ein tüchtiger vcrwandlnngsfähigcr Journalist, ein schlagfertiger Zwischenrnfcr echt jüdischer Bosheiten, ein emsiger Geschäftsreisender für seine Partei, ein erwerbstüchtiger Hauptagent für echt germanische Cultur, das sind alles Eigenschaften, die die Germanen nur uns Inden gönnen. 'Auch fehlt diesem Mann, der das „germanische Edelvolk" gegenüber den „minderwerthigen" 'Nationen vertheidigt, auch eine ordentliche Portion 'Arroganz nicht, und für seine hervorstechendste Charaktereigenschaft gibt es gar kein deutsches Wort, sondern nur das jüdische „Chutzpe". Dieser Mann ist der Abgott der Antisemiten. Nach den nächsten Wahlen wird er auch öffentlich der Führer der Deutschen in Böhmen sein. Hier in Böhmen, diesem natürlichen Mittelpunkt Europas, hier, wo alle großen europäischen Streitfragen entbrannten und entschieden wurden, hier, wo germanische, slavische und semitische Cultur so hart aufeinanderstoßen, wird zuerst die Judenfrage entschieden werden. Insere Gegner hier sind viel stärker und klüger als die ,ummen Christlich-Socialen und sie werden von Judenstämmlingeu geführt. Auf dem blutgetränkten Boden Böhmens haben Germanen und Slaven, Katholiken und Hussiten, Katholiken und Protestanten, Preußen und Oesterreich ihre Kämpfe entschieden, hier zuerst werden auch über unser Schicksal die Würfel fallen. Solange das alte Prager Ghetto bestand, war man ebenso wie jetzt geneigt, für jeden Pestfall, für jedes vermisste Christenkind, für den Sturz Badenis und andere Ilnglücksfälle an den Inden Vergeltung zu üben, allein an den Thoren der allen Judenstadt, die von der jüdischen Fleischergilde vertheidigt wurden, brach sich zumeist die Macht des Pöbels. Jetzt sind die Inden in allen Stadltheilen Prags zerstreut, die Hürten im allen Ghetto werden von der Stadtgemeinde expropriiert, imd das ganze 'Niveau des Viertels höher gelegt, es wird assaniert. 'An der Stelle der alten schmutzigen, ungesunden Jndenstzadl wird nunmehr der prächtigste Prager Stadtthcil entstehen, welcher wie seit tausend Jahren den Inden als Sammelplatt gehören könnte, wenn die modernen Inden etwas mehr Sinn für ihre historischen Stärken und ein wenig mehr Zusammengehörigkeitsgefühl besäßen. Aber es braucht immer erst eine Katastrophe wie die Plünderungen in Böhmen nach dem Sturze Badenis, um die Inden mit Gewalt daran zu erinnern, dass sie ein bitter verhasstes Fremdlingsvolk sind, auf das bei allen sich bietenden Gelegenheiten zuerst losgeschlagen wird. Ein tschechisches Blatt veröffentlichte neulich als Beilage ein Verzeichnis von Personen, die zur Gründung des „Pravo lidu", eben jenes erwähnten jndeureiuen Socialistenblartes, beigefteuert hatten. Das Verzeichnis, das zwar confisciert wurde, ist natürlich in einer genügenden Anzahl von Exemplaren verbreitet und enthält die Namen der proscribierten Inden zur Bequemlichkeit der Herren „Demonstranten" nach Gassen geordnet! Bei den letzten Exccsscn, wo man armen jüdischen Krämern Zuckerhüte u. dgl. heraus„demonstriertc", sind nämlich „irrrhümlich" auch einige christliche Firmen geschädigt worden. Das soll demnächst vermieden werden. Wenn Gott behüte Graf Thun fallen sollte, so kann es passieren,

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