Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 38 (23.9.1898)
- Article
- Referat von Leo Mozkin über Palästina
- Date
- 1898-09-23
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38. Seite 7 nicht in allen, haben sich die jüdischen Colanisten sogar als Helden benommen. Ich muss auf einen der Kämpfe in Petra Hinweisen, wo erst nach tagelangen Zusammenstößen diese kleine Colonie gegenüber einer Ueberzahl doch zu ihrem Rechte gelangt ist. Es ist daher, wie gesagt, der Stempel des Golus an den Colonisten absolut nicht zu merken, an den Alten vielleich noch, an der Heranwachsenden Generation in keiner Weise. Eine gewisse Enge des Gesichtskreises ist allerdings Dank der Verengung der Thätigkcit eingetreten. Man muss sich in die Seelen der Colonisten hineinversetzen, die vor Jahren nach Palästina gegangen sind. Was war es, was einen großen Theil, sagen wir, diejenigen welche den größten Einfluss besaßen, nach Palästina trieb * Es war der Gedanke, dass in Palästina ein Centrum erwachsen wird, dass sie die Pionniere seien, dass die gesammte Judenheit ihnen Nachkommen würde. Und dieser Gedanke musste an der harten Wirklichkeit zerschellen. Allmählich mussten die Hoffnungen herabgesetzt werden, und daher ist auch eine große Abspannung in dieser Hinsicht unter den Colonisten eingetreten. Erst seit!dem Baseler Congress ist wieder neues LeTen in diese Colonien eingetreten, nicht allein aus materiellen Gründen. Ich kann wohl sagen, überhaupt nicht aus materiellen Gründen, — denn kaum haben die Colonisten so sehr vieles von der gegenwärtigen zionistischen Thätigkeit zu erwarten — wohl aber aus rein idealen, und ich muss sagen, dass sie es nicht gescheut haben, in Palästina den Zionismus offen zu bekennen, obgleich sie auf Schritt und Tritt in dieser Beziehung gehemmt wurden. Die Administration des Baron Rothschild, welche seit dem Baseler Congresse — ich spreche nicht von der ganzen, sagen wir von einem großen Theile — eine große Angst vor der Oeffentlichkeit hegt, hat auf Schritt und Tritt gesucht, den Zionismus unter den Colonisten und überhaupt unter den palästinensischen Juden lächerlich zu machen. Ich kann es Ihnen aber sagen, dass ich, wenn ich auch nicht beauftragt bin, so doch dutzendmale direct anfgefordert wurde von Hunderten jüdischen Familien, dass . ich Ihnen die Grüße fast aller Colonisten mitbringe. Denn was sie beseelt, ist die Hoffnung, dass sie nicht in solch' engem Kreise bleiben werden, dass ihr Centrum vergrößert werden wird, dass aus diesen -">000 jüdischen Bauern mit der Zeit 100.000 erwachsen werden, dass sie dann Befriedigung finden werden für sich und dass sie nicht derartigen idealen Entbehrungen ausgesetzt sein werden, wie es bis jetzt geschehen ist. Ehe ich mit meinem Referate zu Ende komme, gestatten Sie mir, dass ich mein Urtheil in Bezug auf das bisherige System der Colonisation ausspreche. Die jetzige Colonisation bewirkt: a) Bereicherung aller türkischen Beamten und EffendiS, fco Bereicherung aller herumliegenden Dörfer, c) Verachtung des Juden seitens der anderen Bevölkerung ob der Demüthigungen, die der Jude wegen der Infiltration zu ertragen hat, <k) Administrationswirtschaft und damit Kriecherei, e) Muthlosigkeit in den Reihen der Colonisten, k) Planlosigkeit und Zufall, so dass auch ungesunde Plätze wie Chedera besetzt werden, weil diese ganze Thätigkeit nicht nach einem einheitlichen Plane verfahren durfte, weil nicht absolute Rationalität in die Angelegenheit der Colonisation Palästinas hineingebracht werden konnte. Deswegen wurden auf Schritt und Tritt die besten Projecte zunichte, deswegen musste man sich auf Stätten stürzen, die große Krankheiten hervorgerufen haben, die erst bei groß angelegter, planmäßiger Colonisation, nach langen Jahren der Arbeit überhaupt in Betracht gezogen werden konnten, g) Schaffung von kleinen Colonien, die deswegen ungemein schwach sind und deswegen viel größere Kosten verursachen, und b) zum Theil auch Arabisierung wegen des Mangels vieler Juden. Was ich darunter verstehe, werde ich Ihnen kurz sagen. Unter Arabisierung verstehe ich nicht die äußere Arabisierung in Bezug auf die Sprache, gerade die arabische Sprache ist unter den Colonisten nicht besonders bekannt. Leider! Ich verstehe darunter ein gewisses Sinken des moralischen Niveaus, welches bei einem kleinen Theile von Juden unter einer gewaltigen arabischen Bevölkerung unumgänglich ist. Ob die Kleincolonisation oder sagen wir die Colonisation ohne geregelte Verhältnisse viel wird ausrichten können, ist schwer zu bestimmen. Tie Ansichten der bisherigen Colonisatoren in Palästina gehen dahin, dass man wohl jährlich eine oder zwei kleinere Colonien nach dem alten Systeme gründen kann, nicht mehr, das ist die Meinung von, ich kann wohl sagen, ausnahmslos allen Personen, die an der Colonisation in Palästina thälig sind und die mir diese Meinung ausgesprochen haben. Nur eine einzige hat sich etwas optimistischer geäußert. Es ist kein Wunder! Die Einfahrt von Juden nach Palästina ist verboten, der Kauf von Ländern ist untersagt, der Bau von Häusern ist nicht gestattet. Wie ist unter solchen Verhältnissen zu kolonisieren? Die Colonisation Palästinas muss Volkssache sein, soll sie Erfolg haben, und muss öffentlich betrieben werden. Die andere, die bisherige, mit der wir wohl als Versuch sympathisieren können, hat mit der Lösung der Judensrage nichts gemein. Mein Schluss lautet daher: Wir müssen unentwegt danach streben, dass den Juden die Thore Palästinas geöffnet werden, dass sie ungehemmt Grundbesitz erwerbeu dürfen, dass wir Garantien in Bezug auf Abhängigkeit und Privilegien in Bezug auf die Ertragssteuer erhalten. In kultureller Beziehung ist seitens der türkischen Regierung der statns quo in den Colonien hinreichend. Dann mag die Volksarbeit beginnen! Bis dahin verdammen wir die Infiltration, während wir die Hebung der vorhandenen jüdischen Volksmassen in Palästina, welche, wie wir vorhin ausgeführt haben, sich dazu eignen, durch Colonisation und industrielle Unternehmungen schon jetzt erstreben können. Zu beiden Zwecken soll uns unser neues Instrument, die künftige Bank, verhelfen. (Stürmischer, lange währender Beifall und Händeklatschen seitens des (Kongresses. Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.) Wien, 21. September 1898. Revision. Frankreich will endlich der harrenden Welt die Revision -es Dreyfnsprocesses bescheren. Die vielgenannte Wahrheit naht also. Man kann sie aber nicht mit ungetrübter ganzer Freude begrüßen. Denn von der Revision, die der Welt da beschert wird, gilt dasselbe, wie von jeder anderen Gabe. Die willige, offene Hand hat gefehlt. Das thnt der Spende Eintrag. Man hat die Revision erbetteln, ja schier erzwingen müssen, man hat den Franzosen das Gerechtigkeitsgefühl aufdrängen müssen. Es ist gar keine freiwillige Gabe. Und während der Procedur des BettelnS haben wir den Glauben an den Adel einer Nation, die man einmal die große Nation nannte, verloren.