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Die Welt · 1898-09-23 · 38 (23.9.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
38 (23.9.1898)
Article
Der Schutzpatron
Date
1898-09-23
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 tat; und dabei empfinden die wenigen Juden, die daselbst etwa wohnen, nichts von den Belästigungen, die ihnen sonst zutheil werden vom antisemitischen Hasse, etwa dass ihnen feindselige oder höhnische Blicke Nachfolgen oder dass sie gar beschimpft werden. .Aber auch dieser bescheidene Zustand hat zur Voraussetzung, dass die Juden nur einen unansehnlichen Bruchtheil der Bevölkerung ausmachen. Die glücklichen Zustände in England und Frankreich dauerten doch nur so lange, als dort die Juden weniger als ein Percent der Bevölkerung bildeten. In Frankreich entstand und wuchs der Antisemitismus mit dem unnatürlichen Wachsthum der (zumal Pariser) jüdischen Bevölkerung im letzten Decennium, und wie sich in England die Verhältnisse gestalten werden, sobald die russischen Einwanderer ansangen, als Engländer zu prätendieren, ist unschwer abzusehen. Wie auch die idealsten Zustände in dieser Beziehung in Spanien, Liechtenstein, Portugal, Finnland, Schweden, Irland, Norwegen und Montenegro herrschen, wo die Juden gar nicht oder ganz minimal (bis zu 005 Percent) vertreten sind. Nun ist ja in Holland der Percentsatz allerdings recht hoch, sogar noch höher, als in Deutschland, und wenn bislang wirklich das Verhältnis der nebeneinander wohnenden Bevölkerungsschichten ein so gutes gewesen, so mag es immerhin erwähnens- und betrachtenswert sein. Aber hinwiederum ist der Percentsatz doch noch halb so groß als in Russland und in Oesterreich-Ungarn, und diese holländischen Juden, die ja zumeist portugiesische und die Nachkommen jener Vertriebenen sind, wohnen bereits Jahrbunder'e in ihrem Lande. Und endlich, wenn der holländische Percentsatz auch noch so wesentlich höher als der französische und englische nt und sich doch bewähren durfte, so ist doch mit Sicherheit anzunehmen, dass er bei einer gleichsam nomadischen Invasion ausländischer Juden dem allgemeinen Gesetze erliegen würde, wonach die Unbefangenheit jüdischer Existenz, nur ft lange sie unauffällig bleibt, möglich ist. Ja, nicht nur das I n einander kommt bereits nicht mehr in Betracht, sondern eigentlich auch das Nebeneinander nicht mehr; das, worüber der „Schutzpatron" seine Hände segnend ausbreiten soll, mag der Zustand des Unter- und U e b e reinander sein. Denn dieser Schutzpatron hat „auf einem seiner schönsten Bilder den barmherzigen Samariter gemalt, der an der Pforte seines Hauses steht und zwei Männer einlässt, welche einen kranken Bettler herbeitragen". „Es ist", lässt sich der Interpret vernehmen, „als habe Rembrandt den Ruhm seines Vaterlandes verkündigen wollen, das den Verfolgten hochherzig seine Thore öffnete." So soll wieder der „Schutzjude" aufleben, der eine etwas mildere neue Auflage des „Kammerknechtes", und wenn der „Vorwärts" einmal auf den gelben Fleck jener Kammerknechte anspielte in einer Polemik gegen den „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" so mag man leider zugeben müssen, dass im jüdischen Volkscharakter eine starke Servilität und ein charakterloses feiges Schutzbedürfnis infolge einer unseligen historischen Entwicklung thatsächlich vorhanden ist. Nur wenige schmale Gaffen von der Jodenbreetstraße entfernt (auf dem großen Waterkoplein, einer Art langen Marktplatzes) wohnte Baruch Spinoza, der gelehrt hat, dass man die Dinge weder beklagen noch bejubeln, sondern vornehmlich erkennen solle. Dem jüdischen Volke hat das gefehlt, was der ärmste Arbeiter noch hat und womit er seine persönliche Würde aufrecht erhalten kann: dass er auf jeden Angriff sogleich reagiert und „um sich haut". Es hätte doch auch als Minorität wenigstens an Widerstand denken können, etwa seine Wohnsitze auf gesicherten, burgartigen Stellen aufschlagen können, wo eine Bertheidigung immerhin möglich gewesen wäre, und selbst. wenn einer bei solch einer Bertheidigung fiel, so wäre der rühmliche Tod dem des wehrlosen Hingeschlachtetwerdens beiweitem vorzuziehen gewesen. Aber indem es nun einmal gar nicht daran dachte, sich selber zu helfen, musste sich sein Schutzbedürfnis entwickeln, wovon die vielberühmte Dankbarkeit des Juden gegen seinen Beschützer ein Theil. ein edles Vasallenthum hingegen durchaus verschieden ist. Jedoch ein anderes ist es, ein Ding zu erkennen; ein anderes, sich mit ihm abzusinden. Und wenn der Rembrandt-Jnterpret auf den höchsten Persönlichkeitsstolz des Selbstschutzes verzichten und sich unter den Schutz eines, wenn auch edlen und gerechten fremden Volkes stellen will, so wirkt der Zionismus, so ungeheuer schwer auch gerade diese Aufgabe sein mag, zum mindesten der Schutzpatron-G e s i n n u n g entgegen. m Bismarck als — Zionist. Von I. Sachs (Dwinsk). In einer der letzten Nummern der „Welt" schließt S. Lublinski seine interessanten Ausführungen über Bismarck mit der Frage, was wohl der große Todte zu unserer zionistischen Bewegung gesagt hätte, wenn auch nur deren Anfänge in seinen Gesichtskreis getreten wären. Wohl ist es schwer, auf diese Frage eine directe Antwort zu geben, weil es thatsächlich der Oeffentlichkeit nicht bekannt ist, ob Bismarck über unsere moderne zionistische Bewegung, wie sie der erste Congress geschaffen hat, sich überhaupt jemals geäußert hat. Aber als indirecte Antwort könnten Bismarcks eigene Auslassungen und Bestrebungen dienen, die wir bei dieser Gelegenheit in Erinnerung bringen möchten, und die uns zu obiger Aufschrift Anlass gaben. Wie jeder objectiv Urtheilende, so sah auch Bismarck die einzigartigen ungesunden Verhältnisse ein, unter denen das jüdische Volk überall leben muss, und wie der Zionist, so soll auch Bismarck verstanden haben, aus diesen Umständen die richtigen Schlüffe zu ziehen; wenigstens wird uns dies von einer Seite berichtet. Einige Bemerkungen des Fürsten über die Juden verdienen als Belege für solche Behauptungen hier angeführt zu werden. So sagte er einmal: „Sie haben doch eigentlich keine rech te H e im at." „Etwas allgemein - europäisches, kosmopolitisches, sind Nomaden. Ihr Vaterland ist Zion, Jerusalem. Sonst gehören sie der ganzen Welt an, hängen durch die ganze Well zusammen. Nur der kleine Jude hat so etwas wie Hemiatsgefühl. Auch gibt es unter diesen recht gute, rechtschaffene Leute." Und dann, nachdem er etn Beispiel von der Ehrenhaftigkeit eines solchen erzählt: „Solche Juden wird's vielleicht nicht viele mehr geben. Uebrigens haben sie auch ihre Tugenden: „Respekt vor den Eltern, eheliche Treue und Wohllhätigkelt werden ihnen nachgerühmt.') Dass nun Bismarck sich nicht bei der bloßen Anerkennung der Thatsache zufrieden gab, dass die Juden eigentlich keine rechte Heimat h ät ten, sondern in höchst eigener Person Hand anlegen wollte an einem Werke, das wir die Verwirklichung der zionistischen Idee nennen würden, das versichert uns kein anderer als — Mr. Arnold White. Im Junihefte des „Newbery House Magazin“ erschien im Jahre 1893 — also schon vor fünf Jahren — ein aufsehenerregender Artikel von ihm mit der frappanten Aufschrift: „Bismarck als Zionist." Obwohl seine dortigen Auslassungen einen fast unglaublichen Charakter tragen, *) Dr. Moritz Busch: „Graf Bismarck und seine Leute, wahrend des Krieges in Frankreich".

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