Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 38 (23.9.1898)
- Article
- Der Schutzpatron
- Date
- 1898-09-23
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 3X leiden, alle, die strebend sich bemühen, Christen und Juden. Reiche und Bettler. So ist „etwas wie eine Sonne in seiner Persönlichkeit, eine Sonne, für die es nur Menschen gibt und für die Alle gleich sind." Aber ein anderer Kenner Rembrandts, der Deutsche,' der das Buch geschrieben von Rembrandt dem Erzieher, hat darüber eine etwas abweichende Meinung. Das betreffende Citat ist den Lesern dieser Zeitschrift bereits durch einen früheren Aufsatz bekannt geworden, wo es auch bereits um Entschuldigung ersuchte wegen seiner „Weitläufigkeit". Jedoch größer als sein Umfang ist in der That noch seine einzige grundlegende Wichtigkeit für jegliche zionistische Gesinnung, so dass es abermals erscheinen mag in all seiner Weitläufigkeit. „Eigenthümlich genug zeigt sich endlich die Vornehmheit Rembrandts", heißt es da, „in — seiner Vorliebe für die Juden: hier begegnen sich seine locale und seine vornehme Gesinnung, sein Blick in die Nähe und sein Blick in die Höhe. Er hatte diese Menschengattung täglich vor Augen, denn er wohnte in der Judenbreitstraße in Amsterdam; die Keime solcher künstlerischen und geistigen Besonderheiten liegen oft näher zur Hand, als man meint. „Nah ist und schwer zu fassen der Gott", sagt Hölderlin. Ein echter und altgläubiger Jude hat unverkennbar etwas Vornehmes in sich; er gehört zu jener uralten sittlichen und geistigen Aristokratie, von der die meisten modernen Juden abgewichen sind; in dieser Hinsicht fühlte also Lord Beaconsfield richtig, als er sie für den ältesten Adel der Welt erklärte. Rembrandts Juden waren echte Juden, die nichts anderes sein wollten als Juden, die also Charakter hatten. Von fast allen heutigen Juden gilt das Gegentheil, sie wollen Deutsche, Engländer, Franzosen u. s. w. sein, und werden dadurch nur charakterlos. Nichts aber ist schlimmer als Charakterlosigkeit, sie ist das Verbrechen aller Verbrechen, sie ist die Sünde gegen den heiligen Geist — des Individualismus — die nicht vergeben wird. Und sie wurde selbst einem Spinoza von seinen Stammesgenossen nicht vergeben. Ein Verzicht auf die eigene Individualität erscheint nur berechtigt, wenn er zugunsten einer höheren und wahrhaft seelischen Weltauffassung stattfindet, wie sie eben Spinoza sowie der christlichen und indischen Askese eignet. Aber auch dieser selbstverleugnende wird gegenüber dem selbstbethätigenden Idealismus stets nur von zweitem Range sein. Seiner Individualität abtrünnig zu werden, aus bloßem Eigennutz oder aus Eitelkeit ist gemein. Stets will der Plebejer etwas anderes sein als er ist. Rembrandt hielt es mit den aristokratischen, nicht mit den plebejischen Juden; jene zogen ihn, trotz ihrer Fremd artigkeit, als verwandte Geister an. Diese, wie sie heute sind, würde er verabscheut oder nie begriffen haben. Es ist ein weiter Weg von Abraham, Hiob, Jesaias, dem Psalmisten, bis zu den heutigen Talmudisten, Börsenjobbern, Reportern; soweit wie der Weg vom Edlen zum Gemeinen; und man darf diesen Unterschied nie vergessen. Die wahrheitsliebende Rahel sagte von ihrem eigenen Bruder, dass er ein „Schuft" sei; sie schied sich von ihm wie sie musste, denn sie war eine sittliche,, geistige und sogar sociale Aristokratin. In Heine trifft sich gewissermaßen das Geschwisterpaar. Börne war ein ehrlicher Mann; seinen Religionswechsel kann man bedauern wie den Winkelmanns, aber man muss ihn entschuldigen.. Wer ein echter Israelit ohne Falsch ist,- wie die Bibel sagt, der wird sicherlich jedem künftigen Richter und Führer willkommen sein; willkommen als ein ehrlicher und vielleicht auch geistvoller Fremdling: von den „gefälschten" Juden, die zugleich Deutsche sein wollen, gilt dies nicht. Denn ehrlich und ehrenhaft ist nur der, welcher sich selbst treu bleibt. Echten Juden können sich echte Deutsche recht wohl befreunden, auch solchen, die sich wie Spinoza, Rahel, Börne nur ein edles, abstractes Judenthum bewahrt haben, aber gegen alle unechten Juden werden alle echten Deutschen stets zusammenstehen. . Aus dieser „Gefälschtheit" der Existenz hat nun wenigstens die französischen Juden der Drepfus-Tumult auf eine gar unholde-Weise aufgestöbert und aufgerüttelt. Jedoch der neueste Interpret Rembrandts, der so wacker durchschaut und bekämpft hat die Fälschungen der französischen Generalstäbler, mag kein Auge haben für die besagte „Gefälschtheit"; denn mit beneidenswertem Optimismus zieht er in des Meisters Heimaisland, das schon einmal „die, welche aus Spanien und Portugal vertrieben wurden, in seinen Städten aufnahm"; gleichsam als Quartiermacher, für alle Eventualitäten — ich weiß nicht welche grade —. wie Unterofficiere voranziehen den Heeren und den Bagagewagen, um Land und Leute und zumal die Quartiere zu erkunden, die später belegt werden sollen. Es heißt in einer Novelle, die ein junger russisch-jüdischer Dichter jüngst veröffentlichte, einmal, da von der Heimkehr eines jungen Menschen in die östliche Heimat gesprochen wird, ganz wunderschön: „er nahte den Zellen seiner Väter"; hier könnte man desgleichen den Eindruck empfangen, als sollten im ungastlichen Lande die Zelte einfach abgebrochen werden, nach einem gastlicheren hinübergetragen werden, und alles würde dergestalt aufs beste bestellt sein. Nun kann man aber doch nicht gerade behaupten, dass dieses nomadenhaft Schweifende, welches dem Juden freilich von der unseligen Mittelalterexistenz her im Blute liegt, ein sonderlicher Cement wäre für die Assimilation. Diese tritt umso leichter ein und wird umso inniger, als sie in einem engumgrenzten Bezirke statthat. In Italien sind die Juden noch leichter und echter Venetianer, Mailänder oder Römer geworden, als sie jetzt Italiener werden können; und cs konnte sich der Jude in der Epoche des deutschen Partikularismus leichter mit einem einzelnen Gemeinwesen verknüpfen, als er jetzt ein Deutscher schlechthin werden kann, welches doch immer aus "Nationalität und Rasse hindeutet. An dem einzelnen Gemeinwesen haftet er doch wirklich fest, wenn er darin etwa bereits etliche Generationen ansässig ist, und wenn der Sohn etwa die Handlung stets vom Vater ererbt und übernommen hat. Freilich - ganz zuverlässig und dauernd mag die Assimilation erst dann sein, wenn sie durch zahlreiche Mischehen versädelt worden ist. Erst in verwandtschaftlichen Beziehungen — dies dürfte doch selbstverständlich sein -— nachdem alle Hüllen der Convention und steifen Ceremonien abgethan, können sich die Menschen so innig nähern, dass sie alles Fremde vergessen, und das Feinste und Zarteste miteinander genießen dürfen. Und wenn jetzt in Holland die Juden auch mit den anderen zumeist eine kleine patriotische Orangerosette ins Knopfloch gesteckt haben, so mag es durchaus nicht von so erheblicher Bedeutung und Zuverlässigkeit sein; denn es geschah zum neunzigsten Geburtstage des alten Kaisers Wilhelm in Berlin oft, dass Juden ein Schimpf- oder Hohnwort nachgerufen wurde — zum tiefsten Schmerze aller patriotisch bemühten Staatsbürger jüdischen Glaubens — auch wenn sie eine kleine patriotische Kornblume ins Knopfloch gesteckt hatten. Es wird aber gar nicht mehr an die echteste und wahrhaftigste Assimilation gedacht, an das Ineinander, sondern nun soll ein friedliches Nebeneinander bereits einen ewig giltig erfreulichen Zustand darstellen. Gewisslich ist es ein erträglicher Zustand und gar nicht so selten. In der Nähe von Berlin gibt es Vororte, die weil sie sehr zahlreich von pensionierten und activen höheren und mittleren Beamten bewohnt sind, in einem besonderen Gerüche des Antisemitismus stehen, und wo bei den Reichstagswahlen nicht nur Hunderte von conservativen, sondern sogar Hunderte von radical-antisemitischen Stimmen abgegeben worden — in überwiegender Majori-