Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Article
- Boleslav Prus über den Zionismus
- Date
- 1898-09-16
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Sk. 37 jßktymc Seite 11 richten zu dem Zwecke wenigstens, um nicht ökonomisch zugrunde zu gehen? . . . Wir müssten nun — würde der Zionist sortsahren vor allem alle Fehler und Gebrechen beseitigen, die dem Volksleben Schaden bringen könnten. Ferner müssten wir uns in einer Weise organisieren, dass mindestens 50 Pereent unserer Bolksmasse sich mit Landwirtschaft, Forstwesen, Gartenbau und Viehzucht befassen, dass 20 Percent Handwerk und Industrie, 20 Percent Hütten- und Bergbau, 9 Percent Kunst und nur etwa 5 Percent Handel betreiben. . . Und endlich, damit wir im verheißenen Lande bestehen können, müssten wir das Talmudstudium einschränken und beginnen Mechanik, Physik, Chemie, Naturwissenschaften zu lernen, überhaupt die europäische Civilisation in uns aufnehmen, welche unseren Massen heute noch fremd ist. . . Ohne diese Veränderungen — würde der Zionist schließen — wäre nicht nur unsere sociale, sondern auch unsere biologische Existenz sogar in demselben Palästina bedroht, welches uns als das verheißene Land gilt.. . Kurz, der vernünftige Zionist muss in den jüdischen Massen das Gefühl erwecken; 1. für Ausbildung bürgerlicher Tugenden und Entfernung von Fehlern; 2. für eine feste Organisation der Juden, deren Augenmerk hauptsächlich auf Landbau und Industrie gerichtet sein soll; 3. für die Beschäftigung mit modernen Wissenszweigen, denen die frommen Juden heute noch abgeneigt sind. . . Und wenn es so ist, so kann der Zionismus keine schädliche Wirkung auf die Juden haben, sondern umgekehrt eine gute; quod erat demonstrandum. li. W Die Woche. Wien, 15. September 1S‘.>8. Ein neues Jahr. Herbstnebel gehen durchs Land. — 5659. — Es ist ein merkwürdiger Gedanke, den Jahrestag der Welterschaffung in den Herbst zu verlegen. Eine Welt, die welkend zur Welt kommt. Eine Natur, die abstirbt, eh' sic^ geboren wird. Greisenhafte Runzeln im Antlitz des Kindes. Ein trüber Pessimismus spricht aus dieser Auffassung. Doch die Juden werden wohl seit jeher Grund gehabt haben, diese Welt nicht für die beste aller Welten zu halten; Ein „neues" Jahr? O, das ist nur so eine Redensart. Die alten Leute, die darin Erfahrung haben, erzählen uns im Vertrauen, dass nur die Ziffer eine andere sei. Aber hinter 5659 steckt dasselbe Jahr wie hinter 5658, 5657 u. s. f. Das ist nach der bekannten Methode: dem leidenden Kinde gibt man die bitteren Pillen jedesmal in einer anders geformten Oblate. Allein das Kind kommt schließlich doch immer auf den Geschmack. Daher begrüßen die Juden ihr neues altes Jahr wie einen langjährigen Bekannten. Ein schmerzliches Wiedersehen, eingepresstcs Willkommen— Bußgesänge und düstere Chöre. Die Juden sind eine sonderbare Art von Büßern. Sie thun Buße, weil -andere sündigen, sie bereuen das, was von anderen verbrochen wird. Weil die anderen den Rücken des Juden mit Schlägen bearbeiten, schlägt sich der Jude die Brust. Es ist den Juden vorgeschrieben, dass sie alljährlich zu gewissen Zeiten Buße thun und wehklagen. Und es sind festgeprägte Formeln da, worüber sie zu weinen haben. Dass die Juden einmal vielleicht keinen Grund zum Jammern haben könnten, das schien ganz unmöglich, das war ganz außerhalb jeder Voraussicht. Es liegt etwas unsagbar Bitteres in diesen gesetzlich voransbestimmten Thränen. Aber viel bittere» ist es, dass.die Vorschrift sich bisher nie als überflüssig erwies. Die Menschen neigen überhaupt dann mehr zur Selbstschau, zur „Einkehr in sich", wenn sie sich unglücklich fühlen. Der Lyriker besingt seine Schmerzen viel ausführlicher und sorgfältiger als sein Glück, und wenn man ein Leid zu tragen glaubt, so hält man mit seinem Tagcbuche viel innigere Zwiesprache, als in heiteren Zeiten. -- Es ist nur ein Symptom der tief empfuudenen Judenuoth, dass die Juden, wenn nur halbwegs ein Anlass da ist, „in sich gehen" und die Selbstschau üben. 5659 seit Erschaffung der Welt. Andere Völker beginnen ihre Zeitrechnung mit irgend einem Ereignisse, das irgendwo da oder dort auf der Geschichtsstrecke der Menschheit liegt. Die Juden mit dem weiten Blick, der innuer so gern über große, große Zeitbahnen dahinschweift und sich in die Tiefen der Unendlichkeit bohren möchte, beginnen mit dem Ereignis der Ereignisse. Dort wo der Zeitenhorizont sich jäh senkt, von dort spannen sie die Messschnur in ihre Gegenwart hinein. Es ist eigentlich etwas anspruchsvoll, wenn sie ihre nationale Zeitrechnung mit der Geschichte der Welt in eines verschmelzen. Die gigantische Sehnsucht eines Volkes, das den gesammten Lauf der Zeiten für sich in Besitz nimmt und mit allen Zeiten verwachsen will. Das liegt so in den Inden, das ist ihre Kraft. Darum sind sie auch das unzerstörbare Volk geworden. Sie haben sich bemüht, mit allen Zeiten zu verwachsen. Zeit und Raum sind zwei ähnliche Begriffe. Besonders in der Geschichte der Juden tritt diese Aehnlichkeit stark hervor. Die Juden, die sich mit allen Zeiten verknüpft hatten, mussten an allen Orten sein. Jederzeit — allerorts: So entstand der ewige Wanderer. Die Inden haben immer schlechte Zeiten. Daher kommt es, dass sie zweimal im Jahre Neujahr haben, am 1. Nissan und am 1. Tischri. Temr wenn etwas misslingt, muss es von neuem begonnen werden. Und die Inden machen jedesmal, wenn ihnen ein neues Jahr beschieden wird, nach einiger Zeit die traurige Erfahrung, dass das Jahr nichts taugt. Daun wird eine zweite Auflage veranstaltet, aber cs ist keine verbesserte Auslage. Aber da bricht durch den Herbstnebel die Sonne. ES ist dieselbe Sonne, die im Frühling das grüne Leben aus dem Boden ruft. Sie thäte cs auch jetzt, sie ist nicht schuld an dem Siechthum der Natur. Denn die Sonne steht still, immer lebt der Lenz in ihren Strahlen — nur die Erde flieht kreisend in Sphären, wo der graue Herbst wallt. Verhält sich's nicht ebenso mit dem Glück der Völker? Jedes Volk hat irgendwo seine sonnigen Regionen: aber es muss auch hingehen und sich wärmen. Es irren die Juden im Nebelland. Nun müssen sic über Frost und Stürme klagen. Unlängst kam uns eine jüdische Druckschrift zur Hand. Unter dem Titel stand eine eigene Zeitangabe: „Erschienen im Jahre des 1. Baseler Congresses." Da haben sich die Juden eine neue Zeitrechnung gewählt. Und jüngst war in Basel wieder Neujahrfeier. Allein man hörte keine Bnßgesänge. Sie schlugen sich dorr auch an die Brust, aber das war Stolz und Kraftbewusstsein. Sie blickten nach Sonnenaufgang. E. li. m Tribüne. Sehr geehrter Herr Redacteur! In Ihrer geschätzten Zeitschrift „Die Welt" erschien einigemale eine Notiz, welche vor den Umtrieben eines gewissen Dr. Brodsky, ich glaube aus der Bukowina, warnt. Da auch ich