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Die Welt · 1898-09-16 · 37 (16.9.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
37 (16.9.1898)
Article
Boleslav Prus über den Zionismus
Date
1898-09-16
Page
10 (sequence 1)
Language
German
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©ette 10 JPKO ** Nr. 36 Bolrslav Prus über den Zionismus. *) Die Bestrebungen der Zionisten pflegen als Täuschung, und zwar als eine schädliche betrachtet zu werden. „Wenn sogar — so wird behauptet — die Hälfte der Inden auswandern sollte, was wäre damit geholfen?... Es würde zwar eine Erleichterung cintreten, aber in sehr kurzer Zeit würde sich diese fruchtbare Nasse stark vermehren und eswieder auf die heutige Anzahl bringen," „Das Gebet — wird ferner entgegengehalten — in welchem die Juden täglich zu Gott um die Rückkehr nach dem verheißenen Lande beten, ist zu einer todten Formel, herabgesuuken. Der Zionismus jedoch könnte diesem Gebete^ seine Bedeutung wieder geben. Allein nach Palästina wird ep sie nicht führen. Wohl aber wird er sie daran hindern, das" Land, in welchem sich die Gräber ihrer Borfahren, so vieler; Geschlechter befinden, als Vaterland zu betrachten und zu^ lieben und demselben zu dienen." - Ich will mich nicht auf die Widerlegung des erstem Eiuwurfes einlassen. Es ist ja sicher, dass nach Abzug einem Anzahl von Juden eine Erleichterung eintreten würde. Aberich zweifle sehr daran, ob die Nachkommen der Inden selbst.' ihre Stellen einnehmen würden. Wahrscheinlicher ist es, dass: die christliche Welt, die ja immer mehr darnach strebt, sich des Handels zu bemächtigen, die verlaficnen Positionen einnehmen würde.; Die Gegner sprechen von einem jüdischen Gebete, das den. Wunsch nach der Rückkehr nach Palästina enthält. Meine Kenntnisse auf diesem Gebiete sind sehr oberflächlich, und doch bin ich in der Lage, mehr als einen wehmüthigcn Seufzer zw citieren, der sich der jüdischen Brust in Sehnsucht nach dem verheißenen Lande entringt: „H a l l e l u j a h . .. Der Ewige erbaut Jerusalem, die. Verstreuten Israels wird er sammeln..." „T e k a. Stoße in die große Posaune zu unserer Befreiung und erhebe ein Panier, auf dass sich sammeln unsere. Vertriebenen, und sammle uns aus allen vier Enden der Welt.. Gelobt seist Du Ewiger, der Du die Vertriebenen Deines, Volkes Israel sammelst." „Haschiwa. Setze wieder ein unsere Richter wie: einst, und unsere Räthe wie vor Zeiten." r „W ejeruscholai m. Und in Deine Stadt Jerusalemmögest Du erbarmungsvoll zurückkehren und in derselben thronen." „Rachem. Tröste, o Ewiger diejenigen, die um Zivw und Jerusalem trällern." „Eloh aj. Möge eS Tein Wille sein, dass der Tempel bald in unseren Tagen wieder erballt werde..." Wie sehen also, dass cs nicht bloß „ein" Gebet, sondern eine ganze Legion solcher gibt, die keinesfalls wie leere, todte Phrasen aussehcn. Und wer vermag es zu behaupten, dass ein Volk, welches so viele Jahrhunderte hindurch um das Sammeln der Vertriebenen betet, nicht immer mehr aus die Wahrscheinlichkeit Anspruch erheben kann, wirklich „gesammelt zu werden" und zu sehen „seine Richter wie einst und seine Räthe wie in früheren Zeiten?" In moralischer wie in geistiger Beziehung haben sich die Juden seit sehr langer Zeit für beit Zionismus vorbereitet, der nunmehr zum Ausdrucke nicht bloß der religiösen, sondern auch der ökonomischen und civilisatorischen Bedürfnisse dieser Nation geworden ist. *) Boleslav P r u s (Schriftstellernaine für Alexander G 4 o a cf v> ist einer der hervorragendsten polnischen Schriftsteller, dessen Worte bei allen Polen unbestrittenen Wert haben. Wir publicierten bereits im Vorjahre seine Ausführungen über den Zionismus. Nach dem Congresse dürfte auch sein diesjähriger Artikel aus dem „Kuryer codzienny" die verdiente Aufmerksamkeit finden. Die ..Przyszlosc“ hat den Artikel in polnischer Sprache bereits publiciert" „Manche Länder sind von Juden übersättigt" — sagte eines von den Mitgliedern des Zionistencongresscs und. es hatte Recht. Denn während in den ökonomisch am beste» situierten Ländern kaum 5 Percent dem Handelsstande angehören, so scharen sich bei uns fast alle Juden, d. i. 13 Percent der Bevölkerung um den Handel. .. Ans diesem Gebiete also herrscht eine furchtbare Uebervölkernng, ans der sich folgerichtig ergibt : Wucher. Betrug, Maklerei/ Schmarotzerthum und — Elend . . . Elend . . . tödtlich vor allem für die Juden selbst! Fürwahr, derjenige, der die Juden aus dieser „Gefangenschaft" hinausführte, würde voll und ganz den Namen eines Messias verdienen. Die Gegner behaupten, dass die Türkei einige Millionen jüdischer Emigranten nicht sassen könnte. Kleinasien, Armenien, Knrdistan. Syrien — mit einem Worte — weniger als die Hälfte der asiatischen Türkei bietet mehr Flächenranm als Oesterreich, Deutschland und Frankreich zusammengeuommeu. Aus diesem Territorium, welches 100 oder zum Mindesten 00 Millionen Bewohner fasten könnte. , wohnen jetzt bloß 16 Millionen! Hätten nicht dort auch die 7 Millionen Juden Raum, die ans der ganzen Welt vorhanden sind? Seit 1862, also mehr als 20 Jahren, glaubte ich fest an die Möglichkeit einer „Assimilation" der Juden, bis ich endlich die Einsicht gewann, dass der Begriff Assimilation ein solches Mittel bedeutet, wie etwa das „Elixir ewiger Jugend" und dergleichen. Es ist wahr, dass jährlich einige jüdische Familien in der europäischen Gesellschaft aufgeheu, ebenso, wie alljährlich (wie z. Bin Wien) Fälle Vorkommen, dass Christen zum Judeuthume übertreten. Aber der Grund dieser beiden Erscheinnngen wird vielleicht in irgend einer fernen Aussicht auf Erbschaft zu suchen sein. Was aber die jüdischen Massen an betrifft, so bleiben diese nach wie vor „ein Bolk". Ein unglückliches, verkümmertes Volk, welches kein eigenes Heini besitzt und in Kasten getheilt ist, aber nichts destoweniger — ist es ein Volk, ist es vielleicht seiner Sonderstellung als solches sich weit mehr bewusst, als irgend eine andere Gemeinschaft der Welt. Die Zionisten schaffen in dieser Beziehung nichts Neues; sie können sich höchstens mit der praktischen Verwirklichung der Ideale des jüdischen Volkes b e s a s s e n. Wir dagegen könnten, außer der wohlwollenden M i t h i l f e, noch als ferne Beobachter darüber wachen, dass das Judcnvolk von seinen Leitern nicht irre geführt werde, dass diese die zum Ankauf von Boden in Asien gesammelten Gelder nicht zu anderen Zwecken verwenden. Im Uebrigeu ist die Einwanderung der Juden nach Palästina nichts Neues. Um die Städte Jaffa und Jerusalem herum liegen 25 Colonicn mit einer Bevölkerung von 6000 Seelen. . . Ihre Zahl kann sich rasch bedeutend vermehren, wenn cs wahr ist, dass in Galizien 100.000 Juden bereit sind, auszuwandcrn . .. Gott helfe ihnen! Setzen wir jedoch den Fall, dass die „"Assimilation" kein leerer Wahn sei, und dass „große religiöse Duldsamkeit und der "Niedergang des Nastenkampfes" einst eine „Verständigung, Annäherung und Verbrüderung zweier Völker herbcisühren können, welche durch mehrere Jahrhunderte in einem und demselben Lande wohnen!" Kann der Zionismus diesen Zuständen schaden? Vor allem muss jeder ehrliche und anständige Zionist früher oder später seinen Stammcsgenostcn folgendes zu Gemüthe führen: Meine Theueren, stellet Euch vor, wir wären schon in Palästina, Jerusalem sei wieder erbaut, wir hätten unsere eigenen Richter und Räthe wie in früheren Zeiteu. . . Wie müssten wir uns da organisieren, wie unsere Gesellschaft ein-

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