Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Article
- Culturcommission
- Date
- 1898-09-16
- Page
- 6 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 6 jPk$WdC Nr. 37 Culturcommifsion: a) Referat des Rabbiners Dr- Ehrenpreis. HochverehrteCongressmitglieder! Auch diesmal, wie im Vorjahre, ist mir die sehr ehrende Aufgabe zutheil geworden, die cnlturellen Fragen unserer Bewegung zu erörtern und die allgemeinen Anträge zu formulieren, welche als Richtschnur für die Thätigkeit des nächsten Jahres maßgebend fein sollen, und wie im Vorjahre kommen wir auch diesmal etwas spät und sehr erschöpft an die Besprechung so wichtiger und grundlegender Fragen. Wie im Vorjahre muss ich somit auch diesmal um Ihre Verzeihung bitten, wenn ich diese Fragen nicht von denjenigen allgemeinen Gesichtspunkten und in derjenigen Breite behandeln werde, wie sie es verdienen, und wenn ich mich mit Rücksicht auf die allgemeine Abspannung und die Kürze der Zeit, die uns zur Verfügung steht, ans die allgemeine Begründung meiner Anträge, welche die Anträge der Commission für Cultur-Angelegenheiten sind, beschränken werde. Zunächst obliegt es mir, einen allgemeinen Jrrthnm richtigzustellen. Das Wort „Cultur" hat in manchen Kreisen unserer Gesinnungsgenossen, besonders aber in den Kreisen der gesetzestreuen Inden in Russland, eine gewisse Missstimmung hervorgerufen. Es ist Ihnen ja allen bekannt, dass schon am vorjährigen Congresse eine derartige Stimme sich erhoben hat, dass von Seite der gesetzestreuen Juden Garantien verlangt werden, dass der Zionismus die religiösen Angelegenheiten der Juden nicht tangiere. Das Wort „Cultur" und vielleicht manche anderen Erscheinungen in unserer Bewegung haben diese Bedenken und diese Furcht von neuem wachgerufen. Die Commission für Cultur hat sich mit dieser Frage eingehend beschäftigt und hat festgesetzt, dass die Cultur. um die es sich uns hier innerhalb des Zionismus handelt, nicht von der Art sein kann, dass sie irgendwelcher Richtung im Judenthum nahetreten, irgendwelche Empfindlichkeiten, wenn sie auch noch so zarter und heikler Natur sind, zu verletzen geeignet wäre. Und Herr Dr. G a st e r wird Ihnen später im Aufträge der Commission eine Resolution vorlegen, welche cs klipp und klar und jeden Zweifel ausschließcnd ausspricht, dass die Cultur, welche wir suchen und anstreben, weder eine religiöse, noch eine antireligiöse, sondern eine nationale ist. Wie denken wir uns nun aber diese nationale Cultur, die wir anstreben? Meinen Sie ja nicht, dass diese Cultur gemacht wird durch Conferenzbeschlüsse, durch Zustimmungs- Kundgebungen, ja sogar durch Congressbeschlüssc. Der Culturhunger, der in unserer Seele lebt, wird durch solche rein platonische Zustimmungen, wie sie leider bis jetzt die ganze Thätigkeit ausmachten, nicht gesättigt werden. Wenn wir Cultur wollen, suchen wir den Ansatz dazu in einer bestimmten, greifbaren Richtung, dass wir alle sehen sollen, dass auch diesem Bedürfnisse unseres Herzens entsprochen wird. Denn fragt unsere Söhne und unsere Töchter, ob sie sich damit zufriedengebcn können, wenn Sie den Schekel zahlen, wenn Sie Actien der Colonialbank zeichnen? Glauben Sie, dass damit genug geschehen sei? Wird nicht nach all dem noch eine tiefe Leere in Ihrem Herzen übrig bleiben, wenn Sie sich fragen, wieso sind wir Juden, wieso hängen wir mit diesem historischen Gebilde zusammen? Fragen Sie, warum die Söhne und Töchter anderer Nationalitäten an den Herren ihres Volkes ihr Herz erfreuen? Ersteht Ihnen nicht in Ihrem Herzen ein tiefes Weh, wenn Sie sich sagen: Wo sind unsere Heroen, unsere Dichter, unsere Helden, die ja auch da waren, die wir aber nicht kennen? Denn, geehrte Damen und Herren, Sie können sich ja mit der Lüge nicht begnügen, dass jene fremden Dichter und Heroen auch die Ihrigen seien, können sich nicht mit vollem Herzen mitfreuen. Sie suchen einen eigenen Inhalt für Ihr eigenes geistiges Leben und diesen Inhalt müssen wir unserem Volke geben. Wie können wir denn von unseren Frauen und unserer Jugend verlangen, dass sie an unseren Arbeiten thätig theilnehmen, wie können wir von unseren Müttern verlangen, dass sie uns ein Geschlecht begeisterter, thatkräftiger, opferfreudiger Jugend erziehen, wie von unseren Frauen, dass sie ihre Männer im opferschweren Kampfe für das Ideal des jüdischen Volkes ermuthigen und stärken, wie von unseren Mädchen,- dass sie an der reinen Begeisterung theilnehmen im Kampfe, den wir führen, we.nn sie nur Äußerlichkeiten und Formen sehen, ein Inhalt ihnen aber nicht gegeben wird? Hier, meine andächtigen Zuhörer, meine Verehrten — ich glaube. Sie können bei der Gelegenheit auch andächtig sein — ist der Punkt, wo Wandel geschaffen werden muss, wo eine Lücke besteht, die, wenn wir sie jetzt nicht gut machen, nie mehr gutzumachen sein wird. Ich will keine Recriminationen erheben, keine Anklagen, dazu bin ich nicht berufen. Aber eine Mahnung will ich aussprechen nach oben und nach unten, eine ernste, eindringliche Mahnung, dass es so nicht weiter gehen kann, dass man von nun an diesen großen Fragencomplex des jüdischen Cultur- und Geisteslebens nicht mehr mit Resolutionen und Beschlüssen abspeisen kann, sondern mit offenherzigen Thaten. Was der Congress in dieser Richtung kann, ist folgendes: In erster Linie ist das eine rein moralische That. Der Congress wird sich dahin aussprechen, dass jeder Jude, der an sein Bolksthum glaubt und an der Regeneration Mitarbeiten will, nicht nur an der Zeichnung von Bankaktien theilnehmen und seinen Schekel zahlen soll, sondern sich auch bestreben soll, die Geistesschätze seines Volkes kennen zu lernen. Jeder Jude, der offen Mitarbeiten will, soll seine Kinder nicht nur in Versammlungen schicken, wo zionistische Agitationsreden gehalten werden, sondern soll sie auch in Schulen schicken, wo die hebräische Sprache gelehrt wird. Schon diese moralische Unterstützung des Congresses wird eine große, nicht zu unterschätzende That sein. Allein dabei wird es nicht sein Bewenden haben dürfen. Der Congress wird in diesem Jahre diejenigen Formen schaffen müssen, welche entsprechend und geeignet sind, im nächsten Jahre auch Positive Arbeit leisten zu können. Es ist schon im Vorjahre von nur unter Zustimmung der Versammlung hervorgehoben worden, dass die vornehmste Aufgabe in dieser Richtung eine erziehliche sein müsse. Es müssen von unserer Seite ' diejenigen Organisationen und Institutionen geschaffen werden, welche geeignet sind, den Mangel in der Jugenderziehung, welcher in cultureller Richtung vorhanden ist, durch eigene Einrichtungen zu beheben, die Erziehung zu ergänzen. Die Verhältnisse liegen nun einmal heute so, dass wir auf die Schulverhältnisse der einzelnen Länder sowohl wie auf die internen Erziehungsverhältnisse der jüdischen Gemeinden keinen unmittelbaren Einfluss auszuüben imstande sind. Wenn es auch eine fruchtbare und segeusvolle Anregung war, die hier Vonseiten des Herrn Präsidenten ausgegangen ist, dass unser nächstes Ideal die Eroberung der Cultusgemeinden sein muss, so liegt dieses Ideal vorläufig noch zu ferne, als dass wir die Bearbeitung der culturellen Aufgaben bis auf jenen Zeitpunkt verschieben könnten. Wir müssen außerhalb der Organisation der Cultusgemeinden, außerhalb der bestehenden Schulverhältniffe, Formen und Einrichtungen schaffen, welche jene Institutionen in dieser Richtung ergänzen sollen. Zu diesem Behufe ist im Vorjahr einstimmung die Gründung eines „allgemeinen hebräischen Sprachvereines" vom Congrepe beschlossen worden, dessen Statutenentwurf Ihnen heute vorliegt. Dieser allgemeine hebräische Sprachenverein geht von' dem Gedanken aus, dass die hebräische Sprache und ihre Erlernung das erste und vornehmste Instrument ist, um die jüdische Cultur in das Bewusstsein des Heranwachsenden Geschlechtes zu bringen, dass sie allein an und für sich culturschaffend und