Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Article
- Referat von Leo Mozkin über Palästina
- Date
- 1898-09-16
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 37 hinzufügen, dass gerade die besseren Elemente in der Administration am wenigsten Aussicht haben, zu irgendwelchem Einfluss zu gelangen. Diese Administration ersetzt ja in gewisser Beziehung die Polizei in den Colonien. Es ist eine eigenthümliche Institution, stärker und unangenehmer als die Polizei, ein willkürliches Verfahren und selten ein Interesse für die Sache. Meist sind die Administrations-Angestellten ihrer Aufgabe nicht gewachsen; das ist die größte Beschuldigung, die gegen sie angeführt werden kann. Aber was schlimmer ist, fast durchwegs nicht zionsfreundlich. Also, meine Herren, in jüdischen Colonien in Palästina sind nicht die Zionsfreunde die Verwalter der Colonie! Es ist ein fremdes Beamtenthum, das in den schwächeren Colonien selbst über das Eigenthum zu verfügen sich erlaubt. Nicht die Gesinnung oder Leistungsfähigkeit ist maßgebend, sondern meist die Verwandtschaft. Es tritt darum eine Vergiftung der ganzen Gesellschaft ein. Einzelne Colonisten-Familien merkwürdigen Charakters sind zu großer Macht gelangt, und es hat sich ein sonderbares schmutziges Streberthum herausgebildet. . . Ich habe nicht die Absicht, hier irgendwelche Personen zu kompromittieren, aber dieses unerhörte System der Protection, das viel schlimmeren Ursachen entspringt, muss gegeißelt und hinweggefegt werden. Denn es handelt sich nicht bloß darum, dass da die Lage der Colonisten eine schlimme ist, sondern um unsere Ehre. Ich verzichte darauf, weitere Ausführungen zu machen, ich verzichte deswegen, weil ich nicht den Congress in seiner Stimmung stören möchte, weil ich nicht den Congress in eine ganz andere Laune versetzen möchte. So wirken einerseits die Unterstützungen, die mit Entwürdigung verbunden sind, andererseits die Unsicherheit des herrschenden Administrations-Systems deprimierend und verbitternd. Administration und Colonisten — abgesehen von den Bevorzugten — sind gesonderte Kasten. Bei den meisten, die doch unsere künftigen Helden sein sollen, herrscht eine gewisse psychische Aengstlichkeit vor Drohungen, vor verschiedenen Möglichkeiten. Selbst bei der städtischen Bevölkerung hat sich deswegen nicht die zu erwartende Acktung eingestellt. Die Administration hat den Ruf der Colonisten geschädigt. Am Anfang, meine Herren, war darum mehr Idealismus. Jetzt sind fast alle in Abhängigkeit, nicht von Baron Rothschild, aber von der Administration, auch die „unabhängigen" Colonisten. Denn, wie ich Ihnen schon gesagt habe, die meisten Colonisten beschäftigen sich mit Weinbau und der einzige Weintrauben- Absatz ist beim Baron Rothschild. Folglich haben gegenwärtig auch die unabhängigen Colonisten sich außerordentlich furchtsam und vorsichtig zu benehmen. Wenn ich sage, dass Idealismus in einem solchen Grade nicht vorhanden ist, wie im Anfang der Colonisation, so muss ich noch hinzusügen, dass die Intelligenz in sehr hohem Grade vorhanden ist. Irl den meisten Colonien gibts Bibliotheken. Eine gibt es, die das Jüdische pflegt, das ist die Jaffaer Bibliothek. Ich komme bei dieser Gelegenheit noch auf eine andere Bibliothek zu sprechen: das ist die Jerusalemer. Als ich in Jerusalem war, hielt ich es für meine Pflicht, auch hier die Bibliothek genau zu besichtigen. Wie die Meisten von Ihnen wisse'.', ist die Bibliothek in Jerusalem zum allergrößten Theile eine Schenkung des Herrn Dr. Chasanowilfch und bildet, eine nicht zu unterschätzende Institution in Jerusalem, vielleicht die wichtigste. Der Umstand, dass auch frommgläubige, orthodoxe Juden aus der Masse in diese Bibliothek kommen, dass sie zum erftenmale irgendeine Berührung mit der Cultur erhallen dass sie gleichzeitig die jüdische Vergangenheit, aber nicht in dem Sinne, wie sie es vorher verstanden haben, sondern in wirklich großem Sinne auffassen und allgemeine Cultur, wenn auch in beschränkten Dosen aufnehmen, ist für Jerusalem von ungeheuer großer Bedeutung. Ich war darum hoch erfreut, in dieser Bibliothek eine große Anzahl von Juden beim Lesen von Zeitungen und Zeitschriften vorzufinden, Juden, die sonst noch ganz genau nach dem alten System leben. Die jetzige Bibliothek von Jerusalem umfasst derzeit 13—14.000 Bände, fast ausschließlich, wie gesagt, von Dr. Chasanowitsch. Aber es ist nach meiner Ansicht eine Ehrenaufgabe unter allen Umständen, wie man sich auch sonst gegenüber der Colonisation verhalten mag, diese ihrem Inhalte nach großartige Bibliothek zu vergrößern und ihr ein Daheim zu schaffen. Ich bin überzeugt, dass entweder vom Congress aus oder privatim die Bestrebung sich herausbilden 'wird, ein derartiges Heim für diese Bibliothek in der nächsten Zeit herzustellen, das nicht mit großen Kosten verbunden sein dürfte. Die Bibliothek ist zugleich der Versammlungsort der Jerusalemer Juden und jeden Sonnabend werden Vorträge im Hebräischen gehalten. Ich hatte dabei Gelegenheit zu beobachten, in welchem Grade man sich zum großen Theile über complicierte Gegenstände der Gegenwart in hebräischer Sprache unterhalten kann; allerdings habe ich auch nur hier dazu Gelegenheit gehabt. Da aber konnte ich dies stundenlang beobachten, und ich kann sagen, dass die Debatten in hebräischer Sprache keinen gekünstelten Eindruck gemacht haben, dass man umgekehrt den Eindruck hatte, dass man sehr wohl über einen Gegenstand der Jetztzeit oder der Geschichte einen hebräischen Vortrag ohne Störung halten kann. Diese Jerusalemer Bibliothek ist selbstverständlich auch ein Ansporn für die Colonien, wenngleich sie von anderen Ortschaften nicht benützt werden darf. Ich kann nicht vollkommen das innere Lebender Colonien schildern, nur weise ich darauf hin, dass es in den meisten Colonien eine Commission gibt, die alle Angelegenheiten verwaltet, und es war für mich einer der erfreulichsten Umstände, dass es in keiner Colonie einen Gendarm gab. Es gibt ganze Dörfer, in welchen es nicht einen einzigen Polizeiposten gibt, und die Menschen verzehren dort keineswegs einander. Alle ihre Streitfragen oder ihre Vorkommnisse pflegen sie zum größten Theile untereinander zu schlichten mit Hinzuziehung des Kadi oder sonstiger Personen. Vor der Regierung sind sie allerdings vertreten durch einen Muchtar, der aber in der Colonie nichts zu sagen hat. Er ist kein Polizist, sondern eine Person, die officielle Angelegenheiten, wie Steuern u. dgl. zu regeln hat. In den Colonien gibt es auch häufig Concerte, und ich muss mit Freude sagen, dass in einem solchen kleinen Dorfe, wie Rischon-Lezion, ein vorzügliches Concert von Bauern dieses Dorfes vorgetragen wurde. Auch Vorträge wurden gehalten. In Rischon-Lezion ist ein Volkshaus, in welchem alles abgemacht wird; dort gibt es eine Lesehalle, und dieses Volkshaus hat auf mich einen der besten Eindrücke in Palästina gemacht. Sie haben gehört, dass es viele schlimme Eindrücke peinlicher Natur gegeben hat; aber dieses Haus war für mich das ^Symbol eines späteren, größeren Hauses in Palästina, in welchem nur die jüdischen Colonisten etwas zu sagen haben und ihre Angelegenheiten schlichten. Dieses Haus macht einen ungemein günstigen Eindruck. (Schluss folgt.) P