Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Article
- Referat von Leo Mozkin über Palästina
- Date
- 1898-09-16
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette •£ JfcOWÄf Nr. 37 gemein haben. Nun, die Motive, welche diese Gesellschaften* hervorgerufen haben, sind ganz gewiss von vornherein nicht Wohlthätigkeitsmotive gewesen, auch wird nicht absolut das Wohlthätigkeitssystem durchgeführt, denn es wird eine gewiffe rationelle Verwendung der Gelder berücksichtigt. Aber es unterliegt gar keinem Zweifel, dass das Wohlthätigkeitssystem dank den dortigen Verhältnissen eine Nothwendigkeit geworden ist, und dass dort daher nichts auf der Grundlage einer einheitlichen planmäßigen Arbeit geschieht. In den Rothschild'scheu Colonien müssen die Products der Administration ausgeliefert werden, und dann werden Monatsgelder ausgetheilt, eine wirkliche Form der Unterstützung, so dass es leider sogar häufig den Eindruck eines Sportes machen muss. Die Ursachen, die die Colonisation hemmen sind: 1. Die Wohlthätigkeitsform; 2. der Mangel einer gesetzlichen Regelung; 3. der Mangel einer völligen Oeffentlichkeit — und in diesem Sinne fasse ich auch die vorjährigen Worte „öffentlich-rechtlich" auf. Durch die Wohlthätigkeitsform wird theilweise das Nichtarbeiten hervorgerusen. Verehrte Versammlung! Gerade die kleine Colonisation will ja darauf ausgehen, Mustergiltiges zu schassen. Aber gerade die kleine Colonisation kann dies unter solchen Verhältnissen nicht leisten. Es ist eine Thatsache, dass Colonisten, welche vor Jahren im Schweiße ihres Angesichtes den Boden Palästinas bearbeitet haben, welche eine ungeheure Opferfreudigkeit an den Tag gelegt halten, welche mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und dieselben auch besiegt haben, dank diesem Systeme mit der Zeit zu einer Art Gleichgiltigkeit herabgesunken und zu einer gewissen Bettelei gekommen sind. Ich brauche nur auf Samarin und Ekron hinzuweisen. Ekron besteht aus Colonisten, die früher in ihrer Heimat selbst Bauern gewesen sind und genau so nachher es in Palästina geworden find. Die Einführung des ganzen Systems hat dort eine vollständige Umwälzung hervoraerusen, darum auch nur Hoffnungslosigkeit, kein Selbstbewusstsein. Wenn Sie mit einem Colonisten in ein Privatgespräch gerathen, werden Sie stets hören, dass er nicht wisse, welche Zukunft ihm bevorsteht, er hänge nicht von sich ab, sein ganzes Eigenthum hänge von anderen ab, er wisse nicht, welche Schulden er zu bezahlen habe, habe nichts mit der Verwaltung der Colonien zu thun u. s. w. Durch die Zufälligkeit des Handels wird eine Unsicherheit geschaffen, es treten immerwährend Hemm niffe hervor, die eine rationelle Thätigkeit fast unmöglich machen und ungeheure Geldsummen sind im Laufe der Jahre verbraucht worden, vielleicht nicht wenigre, als die jüdische Colonialbank jetzt beansprucht und die Leistungen entsprechen diesen Summen absolut nicht. Das werden auch die allergrößten Freunde der Kleincolonisation zugeben müssen. Ich führte vorhin an, dass Dank den beiden Umständen. dass es keine gesetzliche Regelung und keine Oeffentlichkeit gibt, dies bewirkt wird, und nun will ich das zum Theil erklären. Die ganze Colonisation war auf den Boden des Bakschischwesens gestellt. Einwanderung, der Kauf von Land, Bau von Häusern, alles hieng davon ab. Auf Schritt und Tritt musste daher die Oeffentlichkeit gescheut werden, und weil die Oeffentlichkeit gescheut werden musste, konnten sich Elemente hineindrängen, . die sich bei vollkommener Oeffentlichkeit niemals hineingedrängt hätten. Das. müssen wir hier vor dem Congress aussprechen, denn das ist nicht bloß meine Meinung, sondern die des größten Theiles aller Colonisten in Palästina. Es war ungemein schwierig, eine consequeute Arbeit durchzuführen, sagen wir, eine consequeute Arbeit war ganz unmöglich. Außerdem hat sich ein Misstrauen unter allen herausgebildet, das ungemein schädlich wirkt. Dank dem Umstande, dass es keine Controlierbarkeit gibt, dass alles in dieser Heimlichkeit auf dem Grundsätze des Bäkschischwesens geschieht, und man dieses auf Schritt und Tritt anwenden muss, sind die Colonisten dort in einer Weise misstrauisch geworden, dass man sagen muss, es ist eine gewisse Reaction in ihnen vorhanden; sie sind daher aus diese Weise auch moralisch zum Theil gesunken. Dann haben sich unwissende und unpassende Personen hineingedrängt, ein Protectionismus der unerhörtesten Art hat sich in Palästina entwickelt, und aus der Volkssache wurde thatsächlich jahrelang ein Sport. Sind die Juden in der Gegenwart demnach Bauern? Ich muss darauf auch nur eine halbe Antwort geben. Ich kann durchaus nicht sagen, dass wir selbst in Bezug auf diese 5000 denjenigen Zustand erreicht haben, den wir erreichen wollen. Äm besten ist es da, wo die Colonisten auf sich angewiesen sind und sie Hoffnungen hegeu können, so z. B. wiederum in der Colonie, welche ich bereits angeführt habe und die wert ist, als Mustercolonie hingestellt zu werden, in der Colonie Castinje, und viel unabhängiger in Katra und anderen Orten. Die großen Klagen, die auch speciell seitens der Administratoren gegen Sichron, Rosch-Pinah und theilweise gegen Rischon erhoben werden, entspringen der Hoffnungslosigkeit. Man braucht nur mit diesen Colonisten in chic Unterhaltung zu gerathen, um zu sehen, wie sich das allmälig geändert hat. Ich will es durchaus nicht leugnen, dass in den letzten Jahren eine gewiffe Besserung eingetreten und speciell, meine Herren, gerade im Laufe dieses Jahres. Was die Oeffentlichleit des Baseler Congreffes gerade den Colonisten in Palästina genützt hat, das muss man jetzt dort auf Schritt und Tritt beobachten. Die,Colouistou --siLd^radezu lebend geworden, sie haben erst jetzt zu fühlen angefangen, dass es ein Wort in der Welt gibt, dieHeffenttrchkest, und dass sie auch eine Stimme vor der Judenheit besitzen, eine Stimme, die bis dahin verhallt ist. Viele reden deswegen gedankenlos in den Tag hinein, überall herrscht große Missstimmung gegen die Administration. Wir sprechen von der Administration des Baron Rothschild. Meine Herren! Ich will hier eine scharfe Scheidung vornehmen. Administration und Baron Rothschild sind ganz verschiedene Theile. Ich gehöre nicht zu denjenigen, welche etwa geneigt sind, Magnaten Huldigungen darzubringen, ich habe auch nicht die Absicht, es hier auf dem Congresse gegenüber Rothschild zu thun, aber das muss ich doch sagen, auf Schritt und Tritt, in allen Colonien, im Verlaufe aller Unterhaltungen, musste ich mich überzeugen, dass es Rothschild selbst außerordentlich ernst um die ganze Angelegenheit, ist, dass er unzweifelhaft dies nicht nur aus idealen Gründen thut, sondern dass er auch in die gesammten Angelegenheiten der Colonisation wirklich sich hineinzumischen bestrebt. Aber, meine Herren, der Weg von Palästina nach Paris ist weit, und wenn man von Paris nach Palästina kommt, wie es auch nächstens sein dürfte, erfährt man eben dasjenige, was man äußerlich zu sehen bekommt, und das ist herzlich,wenig. Das sind eben nur schöne Colonien. Was nun die Administration anbetrifft, so werde ich mich nicht so . günstig über dieselbe äußern. Ich habe nicht die Absicht, ein absolutes Verdammungsurtheil über die gesammte Administration des Baron Rothschild zu fällen, ich will sogar ausdrücklich bekennen, dass es Ausnahmen auch in dieser Administration gibt, ich muss aber