Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Article
- Französischer Orient
- Date
- 1898-09-16
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 Sette 3 bitten im Spiele, denen auch Bismarck bekanntlich eine große Rolle in der Geschichte beigemessen hat. Mit diesen Imponderabilien zu rechnen, hat der Zionismus sehr begründeten Anlass. Er ist an der Palästinafahrt Wilhelms II. unmittelbar interessiert, sie kann epochemachend werden auch für ihn, ja für ihn zumeist. Wilhelm II., der Freund des Sultans, ist über veraltete Traditionen und verrostete Urtheile erhaben, die geschichtliche Entwicklung ist ihm nicht ein ausschließliches Ergebnis sich verschiebender Machtverhältnisse, sondern das Maß der fortschreitenden Civilisation. Er kommt als ihr leuchtender Apostel, wohin er kommt. Und wie sehr bedarf Palästina der Civilisation, wie sehr ist es ihrer wert! Mit sehnendem Blicke wird der Zionismus der Spur des erlauchten Reisenden folgen, denn der Zionismus ist das glühende Bekenntnis zur Civilisation Palästinas, das er liebt mit der Leidenschaft des Sohnes, den es nach dem Vaterhause verlangt. Die Wiedergeburt Palästinas im Zeichen der modernen Cultur — welch schönerer Gedanke könnte sich mit der Fahrt Wilhelms II. verknüpfen! Und welch geeignetere Pionniere könnten sie ins Werk setzen als diejenigen, die der Zionismus bereithält! P Congressnachträgr H. Referat von Leo Mozkin über Palästina. (Fortsetzung.) Was den Besitz anbetrifft, so ist derselbe sehr verschiedenartig. Diejenigen, welche von einer gewissen Gleichheitunter den Colonisten sich Vorstellungen machen, dürften in Palästina recht arg enttäuscht werden. Es gibt z. B. in Mischmar Besitze zwischen 2 und 15 Hektar, Weiupslanzungen von V2 bis 1 Hektar. Das ist allerdings in einer derjenigen Colonien, die nicht große Unterschiede auszuweisen haben. In Sichron, allerdings einer Colonie, die von der Administration völlig verwaltet wird, sind gewöhnlich die Weinpflanzungen 5 Hektar, in Rechoboth gibt es Besitz von 1 bis 87 Hektar, in Durchschnitte wären das 8'/, Hektar, von 1 bis 11 Hektar bepflanzt. Die Vertheilung ist also durchaus nicht gleich, so auch in Pethach-Tikwah. wo es geradezu einezusammengewürselte Gesellschaft gibt, ähnlich in Rischon-Lezion u. s. w. Und darüber darf man sich auch nicht wundern. Alle diese Colonien sind ja zum großen Theile von Gesellschaften gegründet worden, die aus verschiedenen Besitztheilhabern bestanden haben. Auf dem reinsten Grundsätze des Individualismus, keineswegs auf dem Grundsätze der Genossenschaft, sind demnach alle diese Colonien gegründet. Es gibt eine einzige Colonie, die von all diesen eine gewisse Ausnahme bildet, das ist Mmlich die Colonie Katra, wo allerdings der Besitz ziemlich gleichartig ist. Sie wissen ja wahrscheinlich, dass Katra überhaupt eine romantische Vergangenheit hat. Es waren ja Studenten und sonstige Akademiker, die ihre Studien ausgegeben und sich nach Palästina gewendet hatten, um dort ein Colonistenleben zu beginnen. Schon vor 16 Jahren! Ich bin nicht in der Lage, auf alle Einzelheiten der Leiden dieser Colonisten einzugehen. Ich müsste darüber einen speciellen Vortrag halten. Vielleicht dürfte es nicht uninteressant für spätere Congresse gerade in der Zukunft sein, diese Vergangenheit kennen zu lernen. Denn, meine Damen und Herren, die erste Colonisation Palästinas gleicht in gewisser Beziehung einem Kriegszustand. Darüber dürfen wir uns nicht täuschen. Leiden mussten dort durchgemacht werden, die vielleicht schlimmer waren, als selbst in einem Kriege. Man musste sich dort großen Gefahren aussetzen und einem Hungerleben und Entbehrungen an Cultur, wie man sie sich kaum vorstellen kann. Und das ist einer der Vortheile eines großen Theiles der Colonisten von Palästina, dass sie dieses wohl empfunden haben, dass bei ihnen die Empfindung gelebt hat, dass sie die Befreiungsthat beginnen. Es war auch für die Katrenser, als sie nach Palästina giengen. nicht etwa der Plan vorhanden, auch eine Colonie zu gründen, sondern sie betrachteten das als einen Theil der Befreiung des jüdischen Volkes. Auch bis zur Gegenwart sind dort die Besitze daher nicht sehr verschieden. Natürlich haben sie mit der Zeit sich etwas geändert. Da die Besitzthümer verschieden sind, sind auch die Einnahmen nicht gleichmäßig, von einigen 100 Franken bis zu 13.000 und 14.000 Franken sich erhebend. Wiedermn ist in Katra keine so große Differenz, natürlich, da dort durchschnittlich ein Colonist etwa 2000 Francs jährlich verdient. Kein Colonist darf sich rühmen, vollständig sicher-gestellt zu sein. Die Gründe habe ich schon vorher erörtert. Außer Rothschild betheiligen sich verschiedene Vereine an der Subventionierung der Colonien, in ziemlich großem Maße die Qdessaer Gesellschaft, aber jetzt in noch größerem und in unverhältnismäßig größerem Maße die ,.Je\vish Colonisation Association**. Von dieser Gesellschaft sind nach Angaben, die mir von einer glaubwürdigen Quelle zur Verfügung gestellt worden sind, für Chedera, Rechoboth. Wad-el-Chanin, Katra, Mischmar und Mikweh etwa 000.000 Francs zur Verfügung gestellt worden, davon allein zur Installierung von 13 Familien in Mischmar 250.000 Francs, zum Häuserbau in der winzigen Colonie Wad-el-Chanin 200.000 Francs und desgleichen in Chedera 220.000 Francs. Diese Gesellschaft zeichnet sich vor der Rothschild' scheu Administration insoferne aus, dass sie direct Anlehen und keine Unterstützung gewährt. Die Ländereien sind auch hypothekarisch verpflichtet, und im. Laufe von 20 Jahren müssen die Gelder zurückerstattet werden. Einige Colonien befinden sich im Uebergangsstadium, so z. B. Sichron und Rischon, andere dagegen sind noch ganz so wie im Anfang. So machell Rosch - Pina, Ekron, Pethach-Tikwah und andere, abgesehen von ihrem Aeußeren, einen sehr traurigen Eindruck. Ferner kann ich noch von traurigen Dingen berichten. Alle Colonien sind gefährdet durch die Phylloxera, die bereits in schrecklicher Weise in sichron wüthet. Sie wissen, was diese schreckliche Weinkrankheit in Frankreich angerichtet hat, dass sie ungeheuren Schaden den Weinpflanzungen verursacht, dass sie eigentlich die Weinpflanzungen total vernichtet. Im Laufe der letzten zwei Jahre wurden daher die Weinpflanzungen geändert. Anstatt der französischen Reben werden jetzt amerikanische Reben gepflanzt. So herrscht jetzt überall in allen Colonien eine gewisse Unsicherheit, ein Missbehagen, das bei den Colonisten häufig Pessimismus oder Aphathie bewirkt. In gewisser Beziehung, aber nur in gewisser Beziehung, bildet eine Ausnahme die wahrhaft ländliche Ackerbau-Colonie Kastinijeh, die wegen des Getreidebaues eine etwas sicherere Existenz hat. Ich will damit nicht gesagt haben, dass diese Colonie bereits ihrem Ziele vollständig uahegerückt ist. Das Ganze ist bis jetzt zum allergrößten Theile ein Wohlthätigkeitssystem. Ich weiß, dass ich mit diesem Ausspruche sehr vielen nahetreten werde. Die Odessaer Gesellschaft und noch andere derartige Vereine werden die Behauptung aufstellen, dass sie durchaus nichts mit der Wohlthätigkeit