Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Article
- Französischer Orient
- Date
- 1898-09-16
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 3' Stop** ,, Französischer Orient." Zur Palästinafahrt Wilhelms II. Von O. Erter. Gibt es einen französischen Orient? Vor fünfzig Jahren veröffentlichte E. Charrwre in Paris eine sehr umfassende Sammlung aller die Geschichte der französisch - osmanischen Beziehungen betreffenden diplomatischen Actcnstücke und in der Vorrede machte er die Bemerkung, dass durch diese Sammlung ein „französischer Orient ans Licht gezogen" werde. Die Bemerkung Charrwres hatte bis zu einem gewissen Grade ihre Richtigkeit. Seitdem Franz I. von Frankreich im Jahre lö2ö in einem durch Johann Frangipani überbrachten Schreiben den Sultan Soliman den Großen zu einem Bündnisse mit Frankreich aufgesordert hatte, war zwischen Paris u"d Constantinopel ein Verhältnis begründet, mittelst dessen Frankreich eine Art Schutzrecht über die Christen im Orient erhielt, das durch drei Jahrhunderte in den sogenannten Capitulationen seinen Ausdruck fand. Eine Art Schutzrecht, nicht ein Protectorat! Insbesondere in der Levante suchte Frankreich diese gewohnheitsrechtliche Hebung seiner Fürsorge für die orientalischen Christen geltend zu erhalten und zum Schluffe gerieth es wegen derselben in den Krieg mit Russland, zu welchem bekanntlich der Streit um die Heiligen Stätten den Anlass gab. Viel früher schon, gegen Ende des zehnten Jahrhunderts, war es der erste Franzose auf dem päpstlichen Stuhle, Sylvester II., gewesen, der an die gesammte Christenheit den ersten Hilferuf für die christlichen Heiligthümer in Palästina erlassen hatte. Als dann die französische Ritterschaft an den Kreuzzügen den hervorragendsten Antheil nahm, in Jerusalem und Constantinopel französische Throne errichtete, Guy de Lusignan nach seinem Sturze vom Throne Jerusalems von dem Sultan Saladin die Erhaltung der Sanctuarien erreichte, bildete sich, noch bevor irgend welche völkerrechtliche Gründe vorhanden waren, gewissermaßen eine Legende von dem bevorzugten Antheil Frankreichs an dem Schicksale der orientalischen Christen. So thaten Papstthum und Kreuzfahrer die Vorarbeit, auf welche sich später der diplomatische Anspruch Frankreichs aus den Schutz der orientalischen Christen gründete — allerdings ein Anspruch, zu dem Franz I. durch das allerunchristlichste Mittel, die Aufforderung an Soliman zum Bündnisse, gegen Karl V., das Fundament legte. ' Es genügt, sich dieses Herganges in seinen großen Umrissen zu erinnern, um zu verstehen, warum man in Frankreich durch die nahende Palästinasahrt Wilhelms II. so tief bemnuhigt ist. dass der französische Cardinal Langenwux den Papst als Zeugen für die französische Schutzherrschaft über die orientalischen Christen anrief. Leo XIII. hat diesem Rufe Folge geleistet und erklärt, Frankreich habe im Orient ein ihm von der Vorsehung anvertrautes und durch nationale Verträge befestigtes Protectorat, das unter allen Umständen aufrechterhalten werden müsse. Ist nun aber dieses Protectorat rechtlich und geschichtlich so wohlbegründet, dass es von aller Welt, auch der nichtkatholischen, schlechterdings respectiert werden müsste? Die Berufung auf den Papst Sylvester II. und die französischen Kreuzfahrer ist offenbar völlig unver-' kindlich; romantische Reminiscenzen begründen kein Recht. Und die angeblichen „Verträge" — sind sie in der Thak so unanfechtbar, dass man sie lediglich zu citieren braucht, um völkerrechtlichen Beweis zu machen? Es sind, wie oben schon gesagt, die sogenannten Capitulationen, die aber durchaus einseitigen Character haben. Die Sultane gewähren in denselben, dank der Vermittlung Frankreichs, Erleichterungen für die Christen, aber sie verpflichten sich zu nichts, weder dazu, jene Erleichterungen nicht zu widerrufen, noch dazu, Frankreichs Vermittleramt als ein ewiges anzuerkennen. Sehr bezeichnend ist in dieser Richtung die Denkschrift, welche im Jahre 1672 der nach Constantinopel entsendete außerordentliche Botschafter d'Arvieux an Ludwig XIV. richtete. „Der Sultan", heißt es in dieser Denkschrift, „duldet wohl, dass der König der Franzosen die lateinischen Christen schütze, aber nicht, dass er sich in die Angelegenheiten der Christen menge, die seine Unterthanen sind." "Verträge kann man also wohl die Capitulationen nicht nennen und Abdul Hamid, der gegenwärtige Sultan, strebt, wie allen europäischen Staatskanzleien bekannt, nichts mit größerem Eifer an, als ihre Aufhebung. Noch weniger aber begründen sie ein Protectorat Frankreichs, das sich nach französischer Auffassung nicht bloß auf die französischen Christen, sondern auf alle Christen im Orient erstrecken soll. Wenn nun Frankreich davor zittert, dass die Palästinafahrt Wilhelms II. das Prestige Deutschlands im Orient erhöhen, das französische erschüttern könnte, so mag es seine guten Gründe dazu haben. Aber einen ung»rechten Einbruch in seine orientalische Einflusssphäre wird niemand in der Fahrt Wilhelms II. erblicken können, auch nicht, weil der Papst den französischen Anspruch bestätigt. Fürs erste ist es zunächst nur französische Gespensterseherei, dass Wilhelm II. nach der Levante komme, um für sich und sein Reich ein Protectorat zu reklamieren: fürs zweite gibt es aber auch nichts Selbstverständlicheres, als dass die großen Mächte den Schutz i.)rer christlichen Angehörigen im Orient selbst besorgen, anstatt ihn anderen zu überlassen. Als Frankreich noch die weltbeherrschende europäische Macht war, ergab es sich von selbst, dass ihm das Schutzrecht über die orientalischen Christen zusiel; nun existiert aber ein großes deutsches Reich mit einer mächtigen Orientpolitik, und es ist doch von diesem zuviel verlangt, dass es den Schutz der katholischen Deutschen im Orient den Franzosen einräume. Der von Frankreich beanspruchte Rechtstitel, der von Anfang an sehr zweifelhaft war, ist eben durch die historischen Thatsachen hinfällig geworden und diesen Thatsachen widerspricht es auch, dass der Papst ihn neuerdings anerkennt. In seiner genialen Persönlichkeit repräsentiert Wilhelm II. die moderne Wirklichkeit, er kommt, von allen guten Geistern unserer Zeit gelenkt, nach Jerusalem als der Freund des Sultans, und ohne dass er einen Finger zu rühren braucht, erhöht er das deutsche Prestige im Orient. Dagegen stehen Frankreich und der Papst auf dem schwanken Boden einer verblassten Romantik, die sich ohnmächtig gegen das historisch Gewordene stemmt. Französischer Orient! In jener Denkschrift des Gesandten d'Arpieux an Ludwig XIV. kommt der Satz vor: „die Türken sind nur Freunde von denen, die sie misshandeln." Die Palästinafahrt Wilhelms II. ist doch ein leuchtender Beweis, dass dÄrvieux die Türken nicht verstanden hat. Durch Jahrhunderte haben mit d'Arvieux auch die europäischen Mächte die Türkei nicht verstanden. Wilhelm II. kommt ohne Vorurtheil und ohne vergilbte Rechtstitel, als Cultur- und Friedensfürst nach Jerusalem, er braucht sich nicht vom Papste als der Arm der Kirche legitimieren zu lassen, er ist die ungeheure moralische Potenz, die durch sich selbst wirkt und für die ferneren Geschicke Palästinas, für die Würdigung des Wertes, den es in der Entwicklung des Orients haben kann, für die Erneuerung seiner durch zwei Jahrtausende verschütteten Wohlfahrt wird der Besuch des deutschen Kaisers jedenfalls von größerer Bedeutung sein als der obsolete französische Protectoratsanspruch. Es sind hier Jmpondera-