Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Article
- Rede des Chief-Rabbi Dr. Gaster
- Date
- 1898-09-09
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 8J Nr. 36 zu können. Und nun folgt der Nachsatz. — das ist für die eine Partei — nun verlangen wir unserseits, das: der Zionismus unternimmt nichts, was dem jüdischen religiösen Gesetze widerspricht. Ich glaube kaum, dass ich etwas noch hinzuzufügen habe. Sie haben es so stark unterstrichen durch Ihren Applaus, dass ich es nicht besser empfehlen kann. Sie selbst haben gezeigt, dass Sie damit einverstanden sind. Wo das Feuer brennt, brauchen wir kein Licht mehr hinzuzufügen, und wo alle -Kerzen erwärmt sind, kommen wir zu spät mit unserem kleinen Funken. (Tosender, langandauernder, sich wiederholt erneuernder Beifall und Händeklatschen seitens der Delegierten und auf der Gallerie. — .Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.) Dr. Rülf spricht dem Präsidenten des Congresses den Dank der Versammlung aus. *wn I l M i i Pulli 1 ,-u y .1 f p' >, M(T~ Der Schluss des II. Congresses. Neiluli! Der große Tag neigte seinem Ende zu: oder vielmehr der neue Tag brach bereits an. Durch den großen Saal flutete das weiße elektrische Licht. Unten im Saale die Bankreihen der Delegierten dicht besetzt. Aus dem nachtschwarzen Gewoge der dunkeln Männerkleider leuchteten die hellen Toiletten der Frauen. Nach den heftig bewegten Scenen der letzten Stunden war wieder Ruhe eingekehrt, aber die Aufregung fieberte in den durch die dreitägige angestrengte Arbeit erschöpften Körpern. Endlich war die Wahl des Actionscomites vorüber. Eine jüdische Frau hatte aus warmem Herzen dem Zionismus im Namen ihrer Stammesschwestern mit vor Bewegung zitternder Stimme treue Gefolgschaft gelobt. Da erbittet der greise Rülf das Wort. In herzlichen Worten gedenkt er der Leitung des Congresses, die in unermüdlicher Weise bei der Führung der Geschäfte keinem zuliebe und keinem zuleide ihres Amtes gewaltet. Und dann spricht er von den Mühen der Führer überhaupt. Die Stimme nimmt plötzlich eine dunklere Färbung an. Sie schwingt ganz eigenthümlich durch die plötzlich still gewordene Versammlung. Mitunter bricht sie jäh ab. Die zahllosen Lichter im Saale flimmern so eigen. Sie scheinen dem Auge plötzlich wie von einem leichten farbigen Ringe umgeben. Da ertönt der Name des Präsidenten. Wie ein Orkan braust es plötzlich durch den Saal, immer gewaltiger anschwellend. Die erschöpften Leiben empfinden ihre Müdigkeit nicht mehr. Die Augen glänzen, unermüdlich schwenken hundert Hände Hüte, Taschentücher, Papiere, was gerade am nächsten ist. Ernst und gesenkten Hauptes steht der Präsident da. Tiefe Schatten liegen unter den Augen. Die dreitägigen, ununterbrochenen Mühen haben einen müden Zug im Gesichte zurückgelaffen. Wiederholt winkt die Hand ab; aber der Sturm legt sich nur langsam, um immer wieder loszubrechen, sowie die Namen Nordaus, Gasters und Mandelstamms genannt werden. Dann das Schlusswort des Präsidenten — und der zweite Congress ist vorüber.