Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Article
- Rede des Chief-Rabbi Dr. Gaster
- Date
- 1898-09-09
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 36. Seite 7 Wonach sehnt sich unser Volk, wo immer es auch Hingetrieben wird, trotz des materiellen Elends, trotz der Verfolgungen? Es sehnt sich in erster Reihe darnach. Schulen zu errichten. Als die erste jüdische Colonie in Palästina, als die erste jüdische Colonie in Argentinien errichtet wurde, fragte das Volk nicht: Wo werden wir wohnen und wo werden wir uns vor den Stürmen des Winters schützen? Das Volk fragte: Habt Ihr ein Schulhaus gebaut für unsere Kinder? Run, meine Damen und Herren, ein Schulhaus nicht bloß für die Kinder, ein Schulhaus für alle Kinder Israels soll der Zionismus werden. Darum identisicieren wir die Cultur mit dem Zionismus, darum sagen wir, dass mit dem Zionismus der culturelle Fortschritt unzertrennlich verbunden ist, wir geben nichts von den Gütern auf, von den geistigen Errungenschaften dieses oder der vergangenen Jahrhunderte, aber mit dem Vorbehalte, dass sie vollständig in unserer Weise assimiliert worden sind, mit dem Vorbehalte, dass diese Cultur uns in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir diese vollständig jüdisch assimiliert, dem jüdischen Geiste angepasst haben. Was führt uns hier zusammen? Was liegt in dem tiefsten Innern unseres Herzens verborgen? Nicht das gemeinsame Band der Liebe zum Armen, das haben die anderen Völker auch; nicht bloß, dass wir uns politisch und national regenerieren wollen: es existiert ein geheimes Band zwischen uns, welches gar nicht geheim ist, wir brauchen es nicht auszusprechen, weil wir es fühlen, es ist die religiöse Gemeinschaft und die religiöse Tradition. Ich will damit nicht gesagt haben, dass wir alle auf demselben religiösen Standpunkte stehen, denn sonst wäre das nicht eine Vertretung des gesammten Judenthums in allen seinen mannigfachen Erscheinungen; ich sage bloß, dass in dem tiefsten Innern unseres Gemüthes noch die Saite bebt, noch das Echo von den alten Harfen, die die Leviten aufgehängt hatten auf den Weiden von Babylon. Sobald der Wind des Leidens daran streift, hören wir es klingen durch unser Herz, durch unser Gemüth. So haben wir diese Harmonie geschaffen, die uns hier zusammengesührt hat, und diese Harmonie soll ungestört bleiben. (Beifall.) Harmonisch werden wir Zusammengehen (Bravo! Bravo! Widerspruch). Wenn auch manche von unseren Brüdern, wie ich eben höre, gegen die Harmonie protestieren — die Disharmonie, wenn sie geschickt gespalten wird, löst sich in absolute Harmonie aus, das wird ihnen jeder Tonkünstler bestätigen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Die mannigfaltigen Farben des Regenbogens erscheinen uns blos deshalb sichtbar, weil sie sich durch das Prisma brechen. Wo kein Prisma, wo keine scharfen Kanten vorliegen, durch welche das Licht gebrochen wird, haben wir das wunderbare einheitliche Licht des Tages. So ist es mit dem einheitlichen Lichte des Glaubens. Ohne diesen inneren Zusammenhang können wir uns den Zionismus als solchen nicht denken, jedesfalls nicht lebenskräftig denken, wir können nicht einen Augenblick annehmen, dass er gerade diesen Theil seines Lebens abgeben kann, ohne damit auf das Hauptelement abgegeben zu haben. Wir dürfen uns von der momentanen Begeisterung, von dem Rausche gar nicht hinreißen lassen, den uns diese Bewegung vielleicht eingeslößt hat: wenn es eine bleibende Bewegung sein soll, muss sie an das Bleibende und Ewige anknüpfen, wenn es eine Thatsache sein soll, welche in die Geschichte eingreifen soll, muss sie auch auf geschichtliche Thatsachen zurückgeführt . und mit den geschichtlichen Traditionen verknüpft werden. Es geht eine wunderbare Sage von dem Münster in Straßburg: es heißt, dass tief unten, an dem tiefsten Grunde des Gebäudes sich ein Stein findet, ein einziger Stein. Wenn darauf geklopft wird, auch nur leise mit dem Hammer, dann geht ein Beben und ein Zittern durch das mächtige Gebäude und die gewaltigen Thürme schwanken und bewegen sich, es ist der Grundstein des Münsters. Tief in unserem Herzen liegt der religiöse Glaube, und wenn derselbe mit dem Hammer gestoßen wird, wankt das ganze Gebäude des Zionismus, Thurm und Münster zugleich. (Lauter Beifall und Händeklatschen.) Aber es soll daran nicht gerüttelt und geklopft werden, wir müssen uns dazu einverstehen, dass wir gegenseitig uns achten in unserer religiösen Freiheit. Wir respectieren und wünschen individuelle absolute Geistesfreiheit. Wir wollen unter keiner Bedingung in das individuelle Leben des einzelnen eingreifen. Die Zeit der Inquisition ist vorüber, und auch eine entfernte Nachahmung darf nicht geduldet werden. (Erneuter Beifall.) Aber Toleranz ist gegenseitig. «Allgemeine Zustimmung.) Eine Toleranz kann nicht einseitig sein. Wenn es heißt: ich darf und j.du darfst nicht, das ist keine Toleranz'. Wir wünschen gegenseitige absolute Toleranz, wir müssen der Welt ein Beispiel liefern, wie wir uns gegenseitig achten können, wenn wir auch persönlich in unserem religiösen Leben auf extremen Standpunkten stehen. Es handelt sich nicht darum und ich wünsche auch nicht, dass dieser Bewegung ein religiöser Charakter ausgeprägt wird. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich will nicht missverstanden werden, es handelt sich, wenigstens uns, nicht darum, jeden einzelnen durch irgend welche Beschlüsse zu einem religiösen Leben zu zwingen in dem Momente, wo er Zionist wird, das ge.)t uns .-ichts an. Aber der Zionismus ist nicht der Ausdruck einer Partei, er ist nicht der Ausdruck einer individuellen Anschauung, er darf nicht einer einzelnen Geistesrichtung entsprechen: denn dann hört der Zionismus auf, der Ausdruck des gesammten Judenthums zu sein. (Allg. Zustimmung.) Er muss in seinem Innersten den Stein halten, an welchem nicht gerüttelt werden kann, verborgen, wenn Sie wollen, unten, aber der Hammer darf darauf nicht klopfen. Um was handelt es sich uns? Wenn wir Culturbestrebungen in einer Weise unter das Volk bringen, dass dasselbe wirklich dadurch gewinnt, wenn wir das Volk heranziehen können und aus den Schachten der Vergangenheit das Gold graben und es in neue Münze schlagen und unter dem Volke circulieren lassen, dann müssen wir es mit dem Einverständnis, mit der Liebe, mit der Sympathie des Volkes thun. Man kann kein Volk mit Gewalt erziehen, man kann keinem Volke den Mund aufreißen und ihm Kuchen hineinstopfen, man muss das Volk langsam zu den höchsten Resultaten hinaufführen. Es handelt sich deshalb in erster Reihe um absolute gegenseitige Toleranz: ich von meinem Standpunkte verlange, dass ich in meinen heiligsten Gefühlen, wenn etwas von Zionisten unternommen wird, nicht verletzt werde. (Beifall und Händeklatschen.» Ich verlange Respect vor meiner eigenen religiösen Individualität, natürlich ohne sie einem anderen Mitglieds aufzuzwingen, ich respectiere seine Unabhängigkeit genau so wie ich wünsche, dass meine Unabhängigkeit vom Gesetze respectiert werde. Der Zionismus muss deshalb nach unserer Anschauung nach allen Richtungen hin befriedigen. Der Zionismus erstrebt, wie wir es hier formuliert haben, nicht nur die ökonomische und politische, sondern auch die geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes und befindet sich hiebei auf dem Boden der modernen Cultur. an deren Errungenschaften. - er festhält. Wir geben nichts auf, was wir geistig gewonnen haben, (Beifall), wir gehen nicht einen Schritt zurück und wollen nicht geistig verarmen, wir glauben umgekehrt geistig uns immer mehr bereichern