Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Article
- Der Congress
- Date
- 1898-09-09
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Seite ä bedingt nöthig war. Auch unsere böswilligsten Gegner werden jetzt das Sprüchlein von der Träumerei und Schwärmerei nicht mehr hersagen können. Die Realität unserer Bewegung ist durch die Bank auch dem Ungläubigsten klar geworden. Die wichtige Einigung, die in der Colonisationsfrage zustande gekommen ist, darf als zweite folgenreiche Arbeit des Congresses angesehen werden. Es ist ja zweisellos, dass auch durch die heurigen Congressbeschlüsse noch nicht alle Factoren befriedigt sein werden. Doch der Anfang einer Verständigung ist da. Wir haben den ehrlichen Willen, dieses Werk fortzusetzen, Nicht an uns wird die Schuld liegen, wenn es nicht so rasch und vollkommen zustande kommt, wie es alle wahren Freunde unseres Volkes wünschen müssen. Nicht weniger erfreulich ist es, dass die Behandlung der jüdischen Culturfragen zu wichtigen Auseinandersetzungen und in weiterer Folge zu sehr weittragenden Beschlüssen geführt hat. Es ist speciell dieses Eapitel unserer Bewegung ein noch nicht allgemein gewürdigtes. Die gewählte Eulturcommifsion hat eine überaus schwere und heikle Arbeit vor sich. Die Versöhnung der Couservatwen mit den Modernen, welche der Zionismus so glücklich inauguriert hat, wird besonders in den zielbewussten und wohl erwogenen Arbeiten dieser Commission feste Stützen suchen und hoffentlich auch finden. Gerade die Culturcommission dürste am nächsten Congresse ein besonders wichtiges Material vorzulegen haben. Wir können nicht genug wünschen, dass sie das Entgegenkommen und die Würdigung finde, die ihr sicherlich gebüren. Die Organisations- und die Programmcommission haben eine Reihe von Anregungen gegeben und Anträge formuliert, welche das Actionscomita zu erwägen, respecnve auszusühren hat. Dieser überaus wichtige Lheil seiner Arbeit wird Heuer in vollem Umfange durch geführt werden können, da eine Decentralisatron in manchen Agenden es gestalten wird, die Zeit und Arbeitskraft desselben für diese wichtigen Fragen in Anspruch zu nehmem Es ist kein Zweifel, dass dies besonders der Agitation zugute kommen wird. Allerdings muss dabei viel mehr als im Vorjahre auf die thätige Mithilfe der einzelnen Actionscomtwmitglieder in den verschiedenen Ländern und auf die Landesorganisationen gezählt werden tonnen. Bei der Selbstständigkeit, mit der jede derselben vorgehen kann und bei dem raschen Wachsthum der zionistischen Bewegung ist dieser Lheil unserer Arbeit besonders achtsam zu oeyandeln. Wenn sich die Zahl unserer Ortsgruppen im letzten Jahre verneunfach! hat, so ist das ein Hinweis, wie eifrig gerade das Gebiet der Agitation zu pflegen, und wie viel Erfolg bei geordneter planmäßiger m'beit für uns zu erringen ist. Und dieser Erfolg kann nicht ausbleiben; denn heute wird der Zionismus von der öffentlichen Meinung Europas bereits als eine Bewegung anerkannt, die aufmerksame Beachtung verdient. Wir haben Gegner, aber man spottet unser nicht mehr. Auch mit der gerne geübten Taktik des Lodtschweigens har man fast überall gebrochen. Unter den europäischen Bewegungen hat der Zionismus seinen Platz eingenommen. Seme Bedeutung kann keinem politisch Gebildeten mehr entgehen. Er hat das Problem der Judensrage mit Offenheit und Festigkeit zur Discussion gestellt. Er hat den Weg umschrieben, den jeder ernste Versuch beschreiten muss, er hat die Zukunft des Judenthums proklamiert, indem er dessen unvergängliche Verdienste um die Menschheit von der frühesten Vergangenheit bis aus den heutigen Lag reclamierte, seine unverführbaren Rechte auf eine würdige Position zur Geltung brachte und die ihm sicherlich zukommende Bedeutung für die Weiterentwicklung der Allgemeinheit festftellte. Die politische Bedeutung des zweiten Congresses ist demnach eine eminente. .Das jüdische Volksparlament, das in Basel tagte, ist von viel größerer politischer Wichtigkeit als vorläufig erkennbar gemacht werden kann. Wir wollen nur aus die Depesche des Sultans Hinweisen, welche als Antwort auf die Gratulations-Depesche des Congresspräsidenten einlangte. Damit ist von türkischer Seile in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise anerkannt, dass die zionistische Bewegung nicht als eine der Türkei irgendwie nicht genehme sondern als eine ihr sympathische zu betrachten sei. W i r können hierbei auch die Mittheilung machen, dass nie seit dem Bestände der zionistischen Bewegung die politische Situation für uns eine so günstige war, wie eben in diesem Augenblick. Freilich, auf müßige Fragen einzugehen, wäre eine Thorhert und geradezu ein Verbrechen gegen unsere Bewegung. Gibt es doch viele unter diesen Fragestellern, die nur aus Perfidie fragen, weil sie delicat zu behandelnde Dinge in eine rüde, öffentliche Discussion zerren möchten. Wären wir ganz sicher, dass nicht auch Einfältige und Böswillige sich der Sache in einer schädlichen Weise bemächtigten, so würden wir auch das Halbfertige auszeigen. So aber gebietet es die Vorsicht und Vernunft, lieber zu schweigen und sich durch eine in ihren Mitteln oft nicht wählerische Opposition nicht aus der Reserve herauslocken zu lassen. Wenn man die Schwäche hätte, diese Leute durch verfrühte Miltheilungen befriedigen zu wollen, würde man vielleicht die ganze Arbeit gefährden. Wir glauben, uns mit diesen Bemerkungen und mit dem Hinweis auf mehrere in unserem Blatte schon früher publicrerte Artikel politischen Inhaltes begnügen zu können. 'Roch eines wunderbaren Zufalles wollen wir gedenken. Unmittelbar nach Schluss des Congresses kam die Meldung von der plötzlichen Wendung in der Affaire Dreyfus. Wer die Worte Nordaus und die Begeisterungs- Bezergungen für Bernard Lazare nicht vergessen hat, öer wtrd ermessen können, mit welcher Genugthuung uns diese Botschaft erfüllte. Wir Juden sind ein „Volk der Gerechtigkeu", wie es in unseren heiligen Schriften immer wieder betont wird. Wir haben auch in der Dreyfussache nur den Gerechtigkeitsstandpunkt verfochten, als wir für ihn eintraten. Der Zionismus, der nie außeracht gelassen hat, dass er eine ethische Bewegung kal/exoclien ist. hat sich nicht nur in dieser Angelegenheit, sondern auch bei Bekanntwerden der Friedensbotschaft des Czaren als solche ~ legitimiert. Unter stürmischer Acclamation des Congresses wurde von der Initiative des russischen Kaisers Act genommen. Der Congress in Basel war die erste Vertretung eines Volkes, die sich der welthistorischen Bedeutung dieses Schrittes bewusst war und ihn freudig begrüßte. In dem Zelte des Zeugnisses blüht der Stab des zionistischen Judenthums. W Congressnachträge. Co ngrefs-Cindrücke. „Ich begreife jetzt, warum die Antisemiten auf die Cultur und die Intelligenz der Juden eifersüchtig find." Diese Worte geben den Eindruck wieder, welchen der Congress auf einen englischen Juden gemacht hat, den ich am Morgen der ersten Sitzung auf der Gallerie traf. „Sie sehen," fuhr er dann fort, „ich bin hergekommen, ich bin kein Gegner des Zionismus." Es ist also die Regierung, von der mein Freund geheilt worden ist. Em anderer Engländer, der als Delegierter gekommen ist. war, als er Donnerstag zum Casino fuhr, von dem