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Die Welt · 1898-09-09 · 36 (9.9.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
36 (9.9.1898)
Article
Der Congress
Date
1898-09-09
Page
2 (sequence 1)
Language
German
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Serie 2 I**f** Nr. 36 Der Congrrss. Von Dr. Sieg. Werner. Es war im Zelle des Zeugnisses, da grünte der Stab Aarons, trieb Knospen und Blüten, und hatte süße Frucht angesetzt. Zu einem solchen Zelte des Zeugnisses sollte auch das Eongresshaus der Zionisten in Basel werden, dass man erkenne, wo noch Blüte und Frucht zu finden sei in unserem Volke. Mit größeren Erwartungen als dem vorjährigen sah man daher dem heurigen Eongresse entgegen. Was unterschied ihn vom ersten, was hat er uns gebracht? Als nach jahrzehntelangen sruchtlosen Versuchen im natioualjüdischen Lager endlich die Formel gesunden wurde, die klar und exact ausdrückte, was das jüdische Volk wolle, und wie es das wolle, da verschloss sich niemand der Einsicht, dass damit ein Schritt von größter Tragweite erfolgt sei. Diese Formel ist das Programm des politischen Zionismus, von H e r z l aufgestellt, von der ersten jüdischen Nationalversammlung des Goluth ratificiert. Es war ein nie gesehenes Schauspiel, das sich da der Welt bot. Nach zweitausendjähriger Erstarrung zeigte ein Volksorganismus urplötzlich kräftige Lebenszeichen. Den größten Eindruck musste dieses weltgeschichtliche Ereignis aus die Theilnehmer des ersten Eongresses selber machen. Da gab es keinen, der nicht erfüllt war von dem Bewusstsein, Großes mitzuerleben, und keinen, dem nicht das Ahnen einer schöneren Zukunft das Herz erhob. Unter diesem gewaltigen Eindrücke brach die Begeisterung der Theilnehmer des ersten Eongresses immer wieder mit elementarer Wucht hervor. Der erste Eongress war, was er sein sollte und konnte, eine Manifestation voll Würde und Enthusiasmus. Nicht was der erste Eongress geleistet, sondern dass er überhaupt stattgefunden hatte, in solcher Weise vor sich gegangen war. macht ihn denkwürdig und unvergesslich. Das war das Aufflammen der Lebenskraft des jüdischen Volkes. Damit hatte es sich wieder constituiert. Nun kam ein Jahr harter Arbeit. Das Errungene musste nicht nur gewahrt, sondern auch gemehrt werden. Unsere Gegner völlig überrascht und ganz außer Fassung gebracht durch Erfolge, die sie nicht einmal geahnt hatten, thaten alles, um uns zu stören. Ihre Mühe war vergebens. Vor dem ersten Eongresse haben sie wenigstens noch die Hoffnung gehegt, uns stören zu können. Heute ist auch diese Hoffnung verschwunden. Der Eongress ist kein Experiment, keine Improvisation mehr — er ist eine Einrichtung. Das jüdische Volk hat diese Einrichtung sanctioniert. Das zeigte der zweite Eongress. Mit untrüglichem Jnstincte nützt auch das niedrige Lebewesen alles aus, was ihm irgendwie im Daseinskämpfe zum Vortheile dienen kann. Der Mensch hat den Schritt vom Jnstincte zum Bewusstsein gemacht. Will er bestehen, so muss er seiner Daseinsbedingungen bewusst und ihnen gerecht werden. Das gilt vom Einzelnen, das gilt auch von einem Volke. Das jüdische Volk, dem sein Kampf ums Dasein nur die kräftigsten, widerstandsfähigsten Glieder gezüchtet hat, kann leichter als ein anderes erkennen, was ihm nützt. Die jüdischen Massen, die mehr als andere vom Willen zum Leben erfüllt sind, würden es sofort merken, wenn sie ein Schädliches bedrohte, ebenso wie sie mit der durch Jahrhunderte aufs Feinste entwickelten Empfindlichkeit auf alles "Nützliche kräftig reagieren. Und diese Massen sind durchdrungen von der Wichtigkeit und der Autorität des Eongresses. Er ist ihnen zu einem „idealen Nationalgut" geworden. Sie werden es nimmer missen wollen, so lange sie leben. Sie werden es nicht missen können; denn alle ihre Wünsche und Hoffnungen haben sie darauf gesetzt. So ist der Eongress für sie eine Einrichtung geworden, deren Gesetzmäßigkeit sie erkannt und anerkannt haben, darum sandten sie ihre Vertreter- Heuer in die „große Versammlung". Darum war der heurige Eongress nicht mehr eine enthusiastische Kundgebung, sondern eine Versammlung von Leuten, die durch Mandate legitimiert, sich zu ernster Arbeit zusammengefunden hatten. Der Verlauf der Verhandlungen zeigte, dass man es wirklich bereits mit einer geregelten Versammlung zu thun habe. Wie in jeder Körperschaft, die nach bestimmten Gesetzen von vielen Volksgruppen gewählt ist, zeigten sich auch beim zweiten Eongresse die Anfänge von Parteien. Es liegt für uns nichts Beunruhigendes darin. Im Gegentheil. So manches bedarf einer gründlichen Berathung. Da wäre es nicht gut, wenn nicht verschiedene Meinungen gehört würden. Alan hat sie auch ruhig angehört, wenn.man nicht Ursache hatte, an Böswilligkeit und absichtliche Störung zu denken. Die Eongresstheilnehmer konnten da vielen Parlamentariern als Beispiel dienen. Wohl kam es auch hie und da zu einer lebhafteren Scene. Wir aber, die wir die Parlamentsscandale der letzten Jahre noch frisch in Erinnerung haben, müssen constatieren, dass die Haltung der Delegierten mit kaum nennenswertsten Ausnahmen eine jederzeit würdige. Achtung und Vertrauen erweckende war. Auch ihre physische Arbeitskraft war eine erstaunliche. Wer der denkwürdigen Schlusssitzung des zweiten Eongresses angewohnt hat, wird dies bestätigen können. Vom Abend bis Uhr morgens nahmen die Delegierten unermüdlich an den Verhandlungen theil und mit ihnen — das soll hier rühmend constatiert werden — die Gesinnungsgenossen und Freunde, welche die Gallerie dicht gefüllt hatten. Das zeigt, dass die Juden sehr leicht parlamentarisch zu schulen sind, das ist aber auch ein wichtiges Argument gegen die Behauptung, dass es den Juden an politischem Sinne mangle. Unter solchen Verhältnissen waren die Berathungen des Eongresses von höchster Wichtigkeit, denn bei solchem Eifer und solcher Ausdauer durfte man hoffen, selbst das große Programm des Eongresses erledigen zu können. Da musste freilich auch der unnützen Vielrednerei eine Einschränkung auferlegt werden. Das diente einigen Herren als wohlfeile Ausrede, um den Versuch einer Störung zu begründen. Der Eongress ließ sich aber nicht beirren. Er wollte seine Arbeit ganz thun. Er hat auch dieses Ziel erreicht. Für unsere Gesinnungsgenossen aber mögen selbst diese missglückten Versuche eine Warnung sein. Die Zionisteu mögen sich bei den Wahlen zum nächsten Eongress genau überlegen, wen sie als Vertreter ihrer Wünsche und Interessen zu den Berathungen entsenden. Wenn die Vertreter Galiziens auf dem Eongresse eine für sie selbst nichts weniger als rühmliche Scene hervorriefen, so ist das nur ein Beweis, dass die Wähler mit zu wenig Achtsamkeit vorgegangen sind. Glücklicherweise darf man sagen, dass auch Die Mehrzahl der galizischen Delegierten voll Arbeitsfreudigkeit und in klarer Erkenntnis ihrer Pflichten zum Gelingen des Eougresses beigetragen habe. Die wenigen anderen werden erkannt haben, dass die Mehrheit unserer Gesinnungsgenossen eine jede Störung unserer Einigkeit aufs schärfste verurtheile. Es wäre auch mehr als traurig, wenn der Eongress, die Frucht mehrjähriger mühseliger Arbeit durch einige Uebelwollende oder Scheinfreunde in seiner Bedeutung-.sollte verkleinert werden können. Die Einigkeit, die sich der Eongress zu wahren wusste, hat denn auch die glückliche Erledigung der wichtigsten Frage der heurigen Berathungen zur Folge gehabt. Die jüdische Colonialbank ist jetzt gesichert. Anfangs Oc tober wird die officielle Gründung in London ftattsinden. Damit hat sich unsere Bewegung jenes mächtige Instrument geschaffen, das zur Erreichung ihrer Ziele un-

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