Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- III. Congreßtag
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 24 (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 35 Schattierungen im Judcnthum harmonisch verbinde. Dies sei eines der wichtigsten Verdienste, das der Zionismus für sich in Anspruch nehmen könne. Auf der breiten Basis der Nationalität habe er das ganze Judenthum aufgebaut. Der Zionismus wird noch einmal eine Cnlturmission erfüllen, allerdings in anderem Sinne, wie es uns die Protestrabbiner erzählen. Er wird westliche Cultur wieder nach dem Osten bringen. Fabius Schach hält es nicht für taktisch richtig, wenn auf dem Congresse Auseinandersetzungen zwischen Orthodoxie und Neujudenthum stattfinden. Redner will gleichfalls das Hauptaugenmerk auf die Jugenderziehung gerichtet wissen. Er regt eine Reform der Lesemittel im jüdisch-nationalen Sinne an. Auch die jüdischen Vereine will er nach nationalem Princip constituieren; besonders den Turnvereinen möge man einige Aufmerksamkeit zuwenden. (Beifall.) Die Sitzung wird auf 10 Minuten unterbrochen. Nach Wiederaufnahme der Verhandlungen wird ein Antrag auf Vertagung der Sitzung für den nächsten Tag gestellt. Der Antrag wird abgelehnt. Der Congress beschließt, noch heute die Tagesordnung zu erledigen. Architekt Marmorek erstattet den Bericht des Organisationsausschusses. Der Antrag des Organisationscomitüs wird on bloe angenommen. , Dr. S. R. Landau bittet ums Wort zum Referate Marmorek. Er spricht nicht zur Sache, Lebhafte Schlussrufe. Dr. Landau schließt. Es kommt zu lebhaften Scenen. Die Versammlung drückt per Acclamation der Congrcssleitung die Zustimmung aus. Dr. B od e uh eim e r theilt mit, dass die zur Organisation eingebrachten Anträge dem Actionscomitb zugewiesen wurden. Der Vorsitzende bringt die geplante Vermehrung der A. C.-Mitglieder zur Verlesung. Der Congress ertheilt seine Zustimmung. Die Sitzung wird unterbrochen. Die Landsmannschaften ziehen sich zur Wahlbesprechung zurück. Die galizischen Delegierten, die sich über ihre Liste nicht einigen können, setzen die Erörterungen im Plenum fort. Hierauf werden durch Acclamation gewählt: für Mähren ins . Actionscomitb: Berthold Feiwel, für Ungarn wird Grünwald gewählt; für Galizien: Dr. Schönwetter, Dr. Rosenheck, Doctor Schur; für Russland: Dr. Kohan-Bernstein, Prof. Mandelstamm, Jassinowsky, Gregor Syrkin, Temkin, Tschlenow, Rabbi Dr. Jolsky, Dr. Jampolsky, Ussischkin,- Rabbi Rabbinowitz : für Frankreich und Algier: Bernard Lazare, Dr. Marmorek: Belgien: Dr. Solkowsky; Bulgarien: Herbst: Rumänien: Tr. Lippe, Pineles. I. Ellmann; Deutschland : Dr. Rülf und Tr. Bodenheimer; Schweiz: Veit; England: Mr. Gaster, Mr. I. D. Haas: Amerika: Prof. Gottheil und Doctor Ph. Klein. Hierauf wurde zur Wahl des Wiener Actionscomitvs geschritten. Dr. Herzl wird per Acclamation zum Vorsitzenden des Comit6s gewählt. Nach mehreren Wahlgängen, die durch die Verzichtleistung einiger gewählter Herren nothwendig werden, gehen aus der Wahl hervor: Dr. Schnirer, Dr. Kahn, Dr: Kokesch und Archit. Marmorek. Dr. Herzl, Vorsitzender des Actionscomitös. (Allseitiger, lauter Beifall.) Dr. Heinrich Löwe beantragt den Haag in den Niederlanden als nächsten Congressort zu wählen. Die Zionisten seien der braven Stadt Basel sehr dankbar für ihre Gastfreundschaft, aber die Bewegung müsse durch die Congresse in die verschiedensten Länder getragen werden. Präs. Es liegt ein Antrag von Katzmann vor, die Mitglieder des Actioncomit6s zu besolden. Das Actionscomit^ verwirft entschieden diesen. Antrag; auch der Congress solle seine Meinung darüber äußern. Der Congress lehnt den Antrag Katzmann ab. Nun besteigt unter dem jubelnden Beifall der Anwesenden Delegierte Frau Ellmann die Tribüne. Sie verliest folgende Erklärung: Die unterfertigten Frauen, Delegierte und Gäste des zweiten Baseler Congresies, haben sich als provisorisches Comit^ zur Schaffung, eines Weltvereines jüdischer Frauen mit dem Sitze in Wien und Zweigvereinen überall, wo es ein jüdisches Gemeinwesen gibt, constituiert und erwarten, dass alle jüdischen Frauen sich diesem Vereine anschließen werden. Frau Bodenheimer, Frau Professor Clara Schapira, Frau Fany Wolffsohn. Frau Fany Emma Gottheil, Frau Rozia Ellmann, Frau Bertha Marcus, Frau Malvine Herbst, Frau Sidonie Kahn, Fräulein Professur agregee, d’Universito Marie Schach, Frl. Marie Sorolow, Frl. Doctorand Stein- - berg, Rosalie Jmas, Bertha Markus. Es erhebt sich Rabbiner Dr. Rülf, der als Beisitzer des Congresies auf der Tribüne seinen Platz hat. Mit von innerer Erregung bebender Stimme richtet der ehrwürdige Greis an die Versammelten die Mahnung, eingedenk zu sein des Schwures der freien Eidgenoffen: „Lasst uns ''ein ein einzig Volk von Brüdern!" Hieraus bringt Rabbiner Rülf ein dreimaliges Hoch auf das Präsidium des Congresies aus. Es erhebt sich ein frenetischer Beifall; betäubende Rufe werden laut, man schwenkt Tücher und Hüte, die Versammlung gleicht einer tosenden See, aus dem wie stürmisches Wellenbrausen der Ruf: Hoch Herzl emporklingt. Dann tönt es: Hoch Nordau, Hoch Gaster, Hoch Mandelstamm, Hoch Rülf. Dr. H e r z l spricht zunächst den Bürgern von Basel den herzlichsten Dank für die Freundlichkeit aus, mit der sie den Congress in ihrer Stadt ausgenommen. Er dankt allen christlichen Freunden, die mit solcher Theilnahme der Conferenz gefolgt sind, und aus den Verhandlungen die Ueberzeugung geschöpft, haben, dass unsere Bewegung die Oeffentlichkeit nicht zu scheuen brauche. ,Jn diesem letzten Augenblicke des Cou gresses wird es uns wie ein Gefühl der Wehmuth überfliegen. Der Zionismus ist nicht eine traurige Nothwendigkeit, wie man ihn oft nennt, er ist auch ein erhabenes Ideal. Wir aber wandeln auf neuen Pfaden. Das Judenthum ist jetzt auf moralischen Wanderungen begriffen. Wohin der Pfad führt?... Wir hoffen zu besseren Tagen. — Der zweite Zionistencongress ist zu Ende!" Neuestes in der Dreyfus-Affaire. Paris, 31. August. Oberstlieutenant Henry, Cbef der Jnformations-Bureaux des Großen Generalstabes, hat gestern abends dem Kriegs minister eingestanden, dass er jenen Brief, welchen Cavaignac in der Kammersitzung am 7. Juli als unwiderlegbaren Beweis der Schuld Dreyfus verlas, selbst fabricicrt habe. Die Fälschung sucht Henry damit zu rechtfertigen, dass es zur Rettung des Generalstabes nothwendig gewesen sei, neues Beweismaterial gegen Dreyfus anzuhäufen. Cavaignac, tief bestürzt durch diese Enthüllung, ordnete sofort die Verhaftung Henrys an. Hierauf begab sich Cavaignac zu Brisson. Brisson billigte rückhaltlos das Vorgehen des Kriegsministers. Paris, 31. August. Oberstlieutenant Henry hat im Gefängnis einen Selbstmord begangen. Generalstabs-Chef Boisdeffre demissionierte. ComsM-e»?kll. Oesterreich-Ungarn. Lemberg. Die Aufhebung der Geschworenengerichte in mehreren galizischen Bezirkshauptmannschaften gibt verschiedenen Blättern wieder Gelegenheit, mit neuene benso Phantasie reichen als lächerlichen Beschuldigungen gegen die Juden aufzutreten. Da wird von einer Seite behauptet, mau habe jüdische Agenten gesehen, welche die Bevölkerung provocierten, förmliche