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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 19

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
II. Congreßtag
Date
1898-09-02
Page
19 (sequence 3)
Language
German
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Sk. 35 3. Unter „zweckdienlicher Besiedlung" Palästinas versteht man die Colonisation, die nach einer von der türkischen Regierung dazu erlangten Erlaubnis und nach einem Plane und unter Leitung einer vom Kongresse gewählten Commission durchgeführt werden soll. 2. Diese zur Ueberwachung und Leitung der Colonisations- Angelegenheiten eingesetzte Commission besteht aus 10 Mitgliedern und hat ihren Sitz in London. Zu dieser Commission entsenden: England 3, Russland 2, Galizien 1, Deutschland 1, Rumänien 1 und das Actionscomit'e 2 Mitglieder. Mindestens 3 Mitglieder genannter Commission wüsten ihren ständigen Wohnsitz in London haben. Die für die Administrations-Ausgaben nöthigen Mittel bestreitet das Actionscomite. 3. Die ersten Colonisationsschritte sollen mit den in der Türkei sich aufhaltenden Juden vorgenommen werden. 4. Zur Erwirkung einer Colonisations-Erlaubnis bei der türkischen Regierung soll die Thätigkeit der Colonialbank beitragen. 5. Der Congress verpflichtet die Zionisten, ihren Einfluss dahin zu benützen, dass alle Colonisations-Gesellschaften nach einem den obigen Beschlüsten entsprechenden Plan zu arbeiten sich bestreben. 6. Der Congress ersucht das Actionscomite, wissenschaftliche Untersuchungen zur Klarlegung der rechtlichen Lage der Juden in der Türkei, besonders in Palästina, zu veranlassen." Nachdem Herr Pineles diese mit großem Beifall aufgenvmmene Erklärung verlesen, ergreift Herr Rabbiner Rabbinowitz (Poltawa) das Wort. Er tritt in hebräischer Sprache für den politischen Zionismus ein und lehnt die bisher übliche Colonisarion ab. Da eine große Anzahl von Rednern vorgemerkt ist, wird beantragt, die Debatte zu schließen. Der Antrag wird angenommen und die Redezeit auf fünf Minuten festgesetzt. Herr Son erhält das Wort. Nachdem er auf das Wort verzichtet hatte, weil er in fünf Minuten seine Erklärungen nicht beendigen könne, ertheilt der Präsident Herrn Aron Markus das Wort. Der Redner spricht sich über die Colonisation folgendermaßen aus: Die Colonisationsfrage ist für uns das Alpha und Omega . des religiösen Zionismus. Sie zerfällt für uns in zwei Probleme, die wir in dem Ausspruche vereint finden: 122' Er wird sein Land und sein Volk versöhnen. Zuerst das Land, dann das Volk. Selbst diejenigen Juden, die allen Gefahren des Kampfes ums Dasein unverzagt die Stirne bieten, betrachten die Colonisation des Heimatlandes als das heiligste Werk. In zweiter Linie steht für uns die Schaffung eines Asyls für die Heimatlosen. Das zweite Kind ist uns ebenso ans Herz gewachsen, wie das erste. Wir begrüßen daher in dem Baseler Congress eine Körperschaft, welche die Judenheit als ersten, rein politischen Vertretungskörper seit 1600 Jahren aus sich selbst heraus, geschaffen hat. Wir erkennen dieser Körperschaft alle politischen Rechte zu. Wir wollen aber Thaten sehen oder wenigstens Proben von actueller Leistungsfähigkeit. Als Delegierter von Krakau habe ich das Mandat, in erster Linie folgende Bitte dem hohen Congress zu unterbreiten. Die Juden in Krakau waren leider diejenigen, welche der Colonisation Argentiniens aus dem etat d’etude, dem Stadium des Studiums, zur traurigen Wirklichkeit verholfen haben. Da geschieht aber ein Verbrechen, dessen Mitschuldige wir sind. Um allen Dementis ein Ende zu bereiten, habe ich einen Colonisten mitgebracht, der ein spanisches Certsicat der jüdischen Administration besitzt, wonach er das Land verließ, nachdem seine Tochter in seinen Armen erschosten worden ist. Dieser Fall ist leider nicht vereinzelt. Die ..Jewish Colonisation Association" gibt das Leben von 7000 Seelen dem Mordstahl der Gauchos preis. Aber noch schlimmer ist die Unterdrückung, welche gewistenlose Administratoren ausüben, darunter Verbrecher unter falschem Namen, die Russland wegen Fälschungen verlasten mussten, die Hunderte Juden ins Verderben gestürzt haben. Wir haben hier in unserer Mitte ernen Herrn Colonel Henryk Son aus Buenos Ayres, der von zwei russischen Kaisern ausgezeichnet worden ist für seine Erfindungen. Dieser Herr bezeugt die totale Unhaltbarkeit der argentinischen Colonie. Das Programm des Congrestes bedeutet Hilfe für 7 Millionen Juden. Wohlan, wir haben 7000 Seelen, die inzwischen durch eine merkwürdige Collision des wohlthätigen Wollens mit dem praktischen Können auf einer Teufelsinsel schmachten. Misst sich der Congress die Fähigkeit zu, mit den Machthabern der Erde zu verhandeln, so soll er eine kleine Probe davon gegenüber jüdischen Machthabern ablegen. Wir verlangen- oder bitten vielmehr um nne Resolution, welche der Jewish Colonisation Association die Missbilligung über die geschaffenen Zustande ausspricht und das Verlangen enthält, eine sichere Commistion unter einem Mac Kennan, der sich wohl finden wird, hinzusenden, und wann die Colonie aufgegeben werden muss, das unglückliche Experiment definitiv aufzugeben. Was soll mit diesen 7000 Seelen geschehen? Wir wollen sie als Pionniere für die Ziele des Congrestes verwenden und damit gleichzeitig eine Vermittlung zwischen den divergierenden Ansichten über die Infiltration hinstellen. Diese Juden haben keine Heimat. Die Jewish Colonisation Association hat ungeheuere Mittel, die nutzlos im Sande verrinnen mästen. Siedeln wir diese Leute in Palästiua an, wir werden damit Tausende von Brüdern vom Untergange retten und selbst bewiesen haben, dass wir gewillt sind, einen energischen Schritt nach vorwärts zu thun. Ich empfehle Ihnen diese Resolution zur Annahme." Unter lebhaften Beifallsrufen schließt der Redner seine Ausführung'. Nach der Rede des Del. Aron Markus ergreift Herr S ch enkin das Work. Er spricht russisch. Die Versammlung, die schon durch einige Zeit Zeichen der Ermüdung gegeben, ist sehr unruhig. Nachdem der Redner unter dem Beifall der russischen Delegierten seine Rede beendet hat. stellt Herr O. Marmore! den Antrag, die Sitzung zu schließen. Der Antrag wird angenommen und beschlossen, in der Vormittagssitzung das Referat der Bankcommission zu erstatten und nach demselben die Debatte über die Colonisation fortzusetzen. Ern Telegramm des Sultans. Bafel, 1. September. Doctor Herzl hatte in seiner Gigenschaft als Congresspräsident dem Sultan zum gestrige« Jahrestage der Thronbesteigung gratuliert und erhielt vom ObcrstcercmonieumcisterMuuirPascha nachstehende aus Hildiz- Kiosk datierte Depesche: „Seine kaiserliche Majestät der Sultan hat mit Befriedigung die Glückwünsche zur Kenntnis genommen, welche Sie an den Stufen des Thrones, anlässlich des glückliche» Jahrestages seiner Thronbesteigung, Uiederlegteu. Munir." * * III. Congresstag. (Vormittags-Sitzung.) Eröffnung */a 13 Uhr. Präsident Dr. H e r z l: „Zunächst mussich auf die gestrige Sitzung zurückkommen. Die Bemerkungen, welche über das Weltereignis der Friedensconferenz hier gemacht worden find, wurden offenbar Jjott ewigen Herren der Preste missverstanden.Gewiss nicht aus mangelndem Wohlwollen. Es kann uns aber nicht gleichgiltig sein, wenn eine Depesche von hier hinausgeht des Inhaltes, dass der Antrag eines Delegierten, die Entwaffnungsproposition mit einer Zustimmungskundgebung zu beantworten, den Widerspruch der Delegierten hervorgerufen hätte. Das Gegentheil ist richtig. Es wurde, wie Sie sich erinnern, nach der erklärenden Rede des Herrn Dr. Bodenheimer mit Acclamation die Zustimmung zu diesem großartigen Ereignis beschlosten. Es hat sich keine Stimme dagegen erhoben. Es hat sich in diesem Saale niemand dagegen ausgesprochen. Es konnte vielleicht einen persönlichen Zwischenfall geben, der

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