Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- II. Congreßtag
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 18 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 18 Nr. 35 Präsident: Wir gehen nun zur Tagesordnung über. Das Wort hat Herr Dr. Mandelstamm. (Das Referat Mandelstamm bringen wir in der ' B e i l a g e. D i e R e d.) Dr. Mandel stamm spricht mit großer Wärme. Sein Vortrag wird zeitweilig durch stürmischen Beifall unterbrochen. Vicepräsident Dr. MaxNordau ertheilt das Wort Herrn Dr. Friedemann, Referenten der Wahlprüfungs-Commission. Referent führt Folgendes aus: „Wix haben principiell eine Sache zu prüfen gehabt, die nicht nur wichtig für diesen Eongress ist, sondern auch für alle künftigen: die Frage, ob Delegierte, welche mehrfach gewählt'find, ihre Mandate auf andere Mandatare übertragen können, ohne dass die Wähler die Namen dieser Mandatare kennen. Wir haben 14 Fälle zu prüfen gehabt — eine nicht gerade große Zahl —, bezüglich welcher derartige Bedenken vorgebracht wurden. Die Wahlen sind in diesen Fällen so vorgcnommen worden, dass man aus verschiedenen Orten eine bestimmte Person delegierte, und dass diese nachträglich, entweder auf dem Kongresse selbst oder vor demselben die Doppclmandate auf dritte Personen übertrug, ohne dass die Wähler über diese Personen informiert wurden. Es ist noch hervorzuheben, dass das nur von russischer Seite geschehen ist, und wir haben geglaubt, den eigenartigen russischen Verhältnissen und der mangelhaften Wahlordnung Rechnung tragen zu sollen, indem wir die angefochtenen Mandate bestätigten. Werte Congressaenoffen! Eine Uebertragung von Mandaten, ohne dass die Wähler davon unterrichtet werden, ist weder im Jnteresie der Gerechtigkeit noch im Jnteresie des wählenden jüdischen Volles. Wir kämen zu den merkwürdigsten Consequenzen, wenn wir gestatten wollten, dass ein Herr sich in 10 Orten wählen lässt und dann sagt: „Ich Überträge meine Mandate an eine meinen Wählern unbekannte Persönlichkeit, die vielleicht nicht einmal Mitglied der zionistischen Partei ist." Wir kommen in dre Lage, Gegner unserer Bewegung den Eongress füllen zu sehen. Wir haben geglaubt, dass diese Umstände wichtig genug seien, um folgende Resolution zu fassen: „Die Wahlprüfungs-Eommission bedauert, dass 14 Mandate übertragen worden sind ohne Auftrag der betreffenden Wähler, da dies weder im Sinne des Zionismus noch der Gerechtigkeit ist. Sie bestätigt aber für diesesmal die Mandate." Wir schlagen Ihnen folgende Resolution bou „Der Eongress wolle beschließen, dass nur diejenigen Delegierten als legal gewählt zu betrachten sind, welche aus directen Wahlacten hervorgegangen sind oder als Stellvertreter in den Wahlprotokollen namentlich bezeichnet worden sind." Man hat weitergehend gefordert, dass jeder Delegierte nur ein Mandat annehmen dürfe. Mit Rücksicht auf die Verhältnifle in Russland und Rumänien schien dieser Vorschlag unannehmbar. Schon die Entfernungen machen es unmöglich, in allen Fällen zu bestimmen, ob die gewählte Person unter allen Umständen den Eongress besuchen kann. Aber wenn die Wähler die Möglichkeit wahren wollen, dass eine andere Person als die, welche sie gewählt haben, zum Eongress kommt, so mögen sie das im Wahlprotokoll festlegen. Ich werde mir heute nachmittag erlauben. Ihnen den weiteren Bericht zu erstatten." (Lebhafter Beifall.) Das Wort erhält Del. Dr. Heinrich Loewe. Er spricht über die Organisation von Ortsgruppen. Vicepräsident Dr. Mar Nordau macht ihn darauf aufmerksam, dass er nicht zur Sache spreche. Es sprechen die Herren S ch e n k i n und Dr. Friede- Rabbiner Seph stellt einen Antrag, der sich auf die Organisation jüdischer Eulturvereine bezieht. Vorsitzender: Ich werde diesen Vorschlag dem Organisations-Ausschuss zuweisen. Del. Ufsischkin beantragt, das Referat über die Colonialbank nicht auf den letzten Congresstag zu lasten. Der Vicepräsident spricht sich gegen diesen Antrag aus schon deshalb, weil diese Verschiebung nach §. 23 der Geschäftsordnung nicht angehe. Dr. H e r z l spricht sich gleichfalls gegen den Antrag Ussischkin aus, um den Referenten der Bankcommission Zeit zur Erledigung der letzten Vorbereitungen zu lassen. (Nachmittagssitzung.) Dr. Nordau macht zunächst einige Mittheilungen über die Arbeiten der Ausschüsse und verliest dann einen Theil des Einlaufes; darunter befindet fich ein Brief Lombrosos an Dr. Herzl: Lieber Collega! Ich danke Ihnen für Ihren Brief, aber ich hatte schon nach Braila telegraphiert, dass ich das Mandat nicht annehmen könne.' Dasselbe habe ich Herrn Dr. Nordau, der mir in Ihrem Namen schrieb, geantwortet. Einer der Hauptgründe meiner Haltung ist der, dass ich mit dieser, mir ganz neuen Bewegung kaum in Berührung gekommen und zu alt bin, um mich auf ein so neues und gefährliches Gebiet zu wagen. Zu alt an Körper und Gehirn, doch nicht zu alt an Gefühl, bitte^ich Sie, Ihren Freunden in meinem Namen zu sagen, dass ich, wäre ich um 30 Jahre jünger, einer der heißblütigsten Anhänger sein würde. Cesare Lombroso. Eine große Zahl von Telegrammen wird angezeigt und der Aufgabeort verlesen. Es sind bis jetzt 330 Telegramme, die bereits geordnet sind. Außerdem liegt noch eine große Menge von Telegrammen da, die noch nicht registriert sind. Aus Lodz ist erne Begrüßung eingetrosten, die mit mehrern tausend Unterschriften bedeckt ist. (Lebhafter Beifall.) Das Wott hat Rabbiner Sonnino aus Neapel zur Programmfrage. Rabbiner Sonnino wird beim Betreten der Rednertribüne lebhaft begrüßt. Er spricht italienisch. Während der Verlesung des Einlaufes wurde seine Rede bereits an die Congressmitglieder in französischer Sprache gedruckt vertheilt. Die Delegierten können daher den Ausführungen des Redners richtig folgen, der Vorschläge zur Hebung des Selbstbewusstseins erstattet und insbesondere auf die Nothwendigkeit einer starken Agitation hinweist. Interessant sind seine Bemerkungen über die jüdischen Frauen und die Fürsorge für die Kinder. Präsident: Es liegt ein Antrag des Herrn Bambus vor. Er lautet: „Wir bitten, über das Progrämmreferat des Herrn Prof. Mandelstamm in keine Discussion einzutteten und dadurch die Zustimmung der Versammlung zu den großen Gesichrspuntten, die Herr Mandelstamm aufgestellt hat, auszudrücken." Bambus: „Ich glaube kaum, meinem Antrag viele Worte beifügen zu müssen. Tatsächlich stimmen wir, wenn auch bei einigen wenigen Punkten Abweichungen bestehen mögen, mit Herrn Mandelstamm überein. Wir würden den Eindruck nur zerstören, wenn wir an diese oder jene Einzelheit anknüpfen wollten." Präsident: „Da kein Widerspruch laut wird, nehme ich an, der Anttag sei einstimmig accepttert worden." (Beifall und Händeklatschen.) Der nächste Probrammpunkt betrifft die Eolonisatton. Der Berichterstatter wird eingeladen, seinen Platz einzunehmen. (Das nun folgende Referat Mozkins, das uns zu wichtig erscheint, als dass wir es kürzten, werden wir Raummangels halber in nächster Nummer vollinhaltlich nachttagen.) Das Referat wird mit nicht endenwollendem Beifall ausgenommen. Hierauf wird die Sitzung unterbrochen. (A b e n d s i tz u n g.) Nachdem Dr. Herzl die Sitzung eröffnet hat, erhält Herr Bogdadli (Alexandrien) das Wort. Er beanttagt, die Grüße der Colonisten in Palästina zu erwidern und Herrn Mozkin für seine mühevolle Arbeit den Dank auszusprechen. (Lebhafter Beifall.) Präsident: Mr. Greenberg fragt an, ob morgen das Referat über die Colouialbank^der erste Verhandlungsgegenstand sein werde und ob ein Prospect vorliegen wird. Der Prospect wird hoffentlich morgen früh vertheilt werden können. Wir werden noch heute Nacht eine Sitzung der Bankcommission zusammenberufen. Sollte die jetzige Debatte zu lange dauern, so fände sich dann der Ausweg, dass die Bankcommission morgen ftüh Sitzung haben wird. Die öffentliche Sitzung wird dann um 11 Uhr abgehalten. — Ich glaube, annehmen zu dürfen, dass der Eongress mit dem Anttage des Herrn Bogdadli einverstanden ist, Herrn Mozkin für sein ausgezeichnetes Referat den Dank auszusprechen. (Beifall.) Eine Abstimmung halte ich nicht für nothwendig. Pineles: Ich habe die Ehre, Ihnen die Anttage der Colonisattons-Commrssion mitzutheilen: Anträge der Colonisations-Commission: „Der Eongress. welcher der bereits begonnenen Eolonisatton in Palästina sympathisch gegenübersteht und die weitere Colonisation zu fördern wünscht, erklärt: