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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
In Basel
Date
1898-09-02
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 tm Seite 4 des Verhandlungssaales. Es gehört zu den liebsten Gewohnheiten des Deputierten, dass er sich mehr oder minder verschämt von seinem Sitze wegschleicht und sich in einer schöneren Welt der Geschäftsordnung unterwirft, welche auf der Speisekarte notiert ist. Das Baseler Buffet ist ein Ausnahmsbuffet. Es ist sehr schwach belebt. Alles debattiert, conferiert, recherchiert, und ans Essen und Trinken will niemand denken. Das Baseler Buffet ist daran nicht schuld. Es ist gewiss ebenso trefflich bestellt wie die Buffets der verschiedenen Parlamente -7— aber die Baseler Deputierten sind anders als anderswo. Der Festabend im Sommercafino. Samstag den 27. August veranstaltete abends der Baseler Verein „Jungzion" einen Festcommers im Sommercasino. Viele hundert Personen hatten sich eingefunden. Die jüdischen Bürger von Basel waren fast vollzählig erschienen. Der elektrisch erleuchtete Garten mit der dichtgedrängten Menschenmenge machte im Festschmuck einen erhebenden Eindruck. Als unsere Führer erschienen, wurden sie mit tosenden Hochrufen empfangen. Es wurde eine Reihe von Reden gehalten, die unter den Festestheilnehmern lauten, begeisterten Anklang fanden. Erst in später Nachtstunde schloss die schöne Veranstaltung, für die gewiss jeder Theilnehmer dem Vereine „Jungzion" Dank wissen wird. m „Hoch die Jude!" „Zum erstenmale vielleicht seit zweitausend Jahren," sagte Jacques B a h a r in einer glänzenden Rede bei dem Feste der Baseler Zionisten, „hörte man von einer jubelnden Menge von Christen den Ruf „Hoch die Jude!" Es ist wunderbar, was wir als Zionisten erleben!" Es war auch wunderbar. Durch die Straßen der Stadt Basel kam der Feftzug zurück, der zur Erinnerung an den glorreichen Kampf der Eidgenoffen gegen die Armagnaken am 26. August 144-4 alljährlich abgehalten wird. Der Festzug bietet ein wundervolles Bild. Die Spielleute, die jeder Abtheilung des langen Zuges vorausgehen, die Theilnehmer, die in getrennten Einserreihen in endlosem Zuge vorübermarschieren, die festlich gestimmte Menge, die ihrer Begeisterung in lauten Zurufen Luft macht — alles das wirkt zusammen zu einem nachhaltigen Eindruck. Auch am Congresshaus zogen die Colonnen vorüber. Da waren Delegierte im großen Balkvnfaal bei einer Vorberathung. Als das Helle Spiel der Pfeifer und Trommler erschallte, da zog cs erst einen und den anderen, dann Hunderte in den Saal und auf den Balkon. Und als die frischen, strammen Leute vorüberzogen und die Delegierten hörten, es gelte, einen Freiheitskampf zu feiern, da scholl es plötzlich hundertstimmig hinunter: „Hoch die Schweizer! Hoch die freiheitsliebende, gastfreundliche Schweiz!" Tücher wurden geschwenkt, laute Zurufe erschallten, in bengalischem Lichte erglühte die Straße. Und die Fahnen des Zuges senkten sich und grüßten das jüdische Banner, das vom Balkone flatterte, und grüßten die Vertreter eines Volkes, das nun auch in den Freiheitskampf gezogen. Hell tönten die Juchzer und Zurufe der Schweizer, neue Fahnengrüße, neuer Jubel und plötzlich erschallte es hell und freudig zum Saale empor: „Hoch die Jude? Hoch Zionischte! Hoch der Congress!" I. Congrejskag. (B 0 rmittagssitzung.) Für 10 Uhr ist der Beginn der Eröffnungssitzung bestimmt. In allen Räumen, auf allen Treppen und Gängen des großen Congresshauses verkünden große Placate in deutscher oder französischer Sprache die Tagesordnung. Noch einmal bleibt man stehen und betrachtet die Ankündigung. Man kennt sie schon auswendig, aber man kann sie nicht genug oft lesen. Man sieht auf die Uhr. 'J210 Uhr! Es ist Zeit, in den Saal zu kommen. Wer nicht zeitlich genug kommt, findet keinen guten Platz. Allmählich füllt sich der Saal. Fast jeder bleibt beim Betreten desselben eine Weile stehen. Er will den Anblick des großen, schönen Raumes auf sich wirken laffen. Aber lange kann er nicht verweilen. Die nachfolgende Menge drängt vorwärts. Das ist ein Summen und Schwirren. Selten hört man ein lautes Wort oder lange Gespräche. Die Spannung, von der alle er stillt sind, lässt das nicht zu. Bald ist der ganze Raum gefüllt. Nur die ersten beiden Sitzreihen bleiben leer. Da werden die Mitglieder des ActionscouritHs und die Frauen der Delegierten sitzen. Auch auf der Präsidententribüne erscheint nur hie und da ein Comitemitglied, um noch einmal sich zu überzeugen, ob alles in Ordnung sei. Der große Fauteuil des Präsidenten auf der erhöhten Estrade streckt die weiten Arme wie sehnsüchtig in den leeren Raum hinein. Da kommen die Frauen. Einzelne Namen klingen durch den Raum. Frau S ch a p i r a! Theilnahmsvoll haftet jedes Auge an der schwarzgekleideten Frau, die von einem der. Ordner respectvoll an ihren Platz geleitet wird. Frau Markus/ Bahar, Gottheil, Delines, Lippe, Ellmann, Frau" Jasinowsky, Frl. I m a s, Fr.K ahn, Frl. Dr. S t e i n b e r g.. Frau von Corvin-Piotrowska, Frl. M a n d l st a m m —/ unmöglich alle die Frauen und. Mädchen auszuzählen, die herbeigeeilt sind, um den Anrheil zu reclamieren, den die Frauen an der Wiedererweckung unseres Volkes nehmen. Sic haben schon in zwei Borconferenzen wacker gearbeitet, jetzt wollen sie auch an den Berathungen theilnehmen. Man hat ihnen selbstverständlich dieselben Rechte eingeräumt wie den Männern. Sie füllen die ersten Sitzreihen. Hinter ihnen Mitglieder des Comites und die Vertrauensmänner. Der Saal ist voll, übervoll. Auch die Journalisten — etwa 60 — sind schon vollzählig auf ihren Plätzen. Da schlägt die Uhr zehn. Erwartungsvolle Stille tritt ein. Der Congress soll beginnen. Die Spannung wird fast unleidlich. Dr. H e r z l erscheint auf der Tribüne. In diesem Augenblicke erhebt sich ein tosender Beifall. Die Delegierten erheben sich von ihren Sitzen, Tücher werden geschwenkt, man winkt mit den Händen, brausende Hochrufe dröhnen durch den Saal, man stampft mit den Füßen, man applaudiert und applaudiert — der Beifallsorkan will kein Ende nehmen. Eine Weile legt sich der Sturm, Dr. Herzl begrüßt die auf der Tribüne placierten Delegierten. Mit dem Momente aber, wo sich Dr. Herzl der Versammlung wieder zuwendet, bricht der Applaus von neuem los. Da beginnt Dr. Herzl zu sprechen. Die markanten Stellen seiner Rede werden von donnernden Beifallssalven unterbrochen. Dort, wo die Rede den Wandel in der Taktik gegen die Gegner des Zionismus proclamiert, will sich der jubelnde Applaus gar nicht zähmen laffen. Auf den Gesichtern der Delegierten sieht man es wie Kampfbereitschaft blitzen — Kampf gegen die, die der Bewegung Hindernisse in den Weg legen wollen. Dieselben Ovationsscenen wiederholen sich am Schliffs der Rede. Man eilt auf die Tribüne und beglückwünscht den Redner, jeder will ihm die Hand reichen, auf den Gallerten neigen sich die Gäste über die Brüstung und winken mit Tüchern und Hüten. Noch lange schwingt die Begeisterung in der Versammlung nach. Rede des Dr. Herzl. Geehrte Congressmitglieder! Der Zionismus hat einen Jahresring angesetzt, seit wir zuerst versammelt waren. Heute sind wir abermals hier zusammengekommen, weil wir keinen befferen Ort finden könnten, und weil ein Band von Dankbarkeit uns nun mit dieser Stadt verknüpft, in der unsere vordem heimatlose Bewegung alle Wünsche und Beschwerden gedrückter Menschen aussprechen durfte. Als ein Fremdes, vielen Unbegreifliches war die neue jüdische Bewegung vor der Welt aufgetaucht. Manche hielten sie für ein Gespenst aus vergangenen Zeiten. Denn das

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