Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- In Basel
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Sk 35 Sette 3 Unterschiede, die Unterschiede des Geburtslandes, Classenunterschiede, Altersunterschiede. Der Satz, der in diesem Lande einst am Rütli gesprochen wurde, wird wieder wahr: Ein einzig Volk von Brüdern! Nichtofficielle Vorkonferenzen. Der große Balkonsaal des Casinos ist der Ort der zufälligen Vorconserenzen. Sie entstehen aus kleinen Anfängen: zwei Delegierte stehen in ein Gespräch vertieft. Gesprächsthema: Zionismus. Sie ereifern sich, die Debatte wird in lebhafterem Tone geführt. Die in der Nähe stehen, werden aufmerksam. Vorübergehende bleiben stehen. Ein Kreis von Zuhörern bildet sich um das Paar. Aber aus den Zuhörern werden bald Discutierende. Sie nehmen Partei für den einen oder den anderen Vorschlag, sie stellen Fragen, sie geben einander Aufklärungen. Das Anfangspaar bleibt Mittelpunkt, es bestimmt noch immer die Linie der Debatte, aber es ist noch außerdem ein kleiner, zufällig gewordener, parlamentarischer Körper da, der auf den Gang der Erörterung Einfluss-nimmt. Diese improvisierten Conferenzen, die so im Fluge entstehen und vergehen, sind charakteristisch für die Stimmung des Congresses. Jeder ist voll von Gedanken und Stimmungen. Das ringt nach Ausdruck. Man ergreift die flüchtige Gelegenheit, um im Vorüberwandeln wenigstens eine Viertel-, eine halbe Stunde in der geliebten Ideenwelt sich zu ergehen. In den fliegenden Conferenzen entlädt sich der ungeduldigste Theil der Congrefsspannung. Der Philozionist. Er ist eine auffallende Erscheinung. Der Talar des christlichen Priesters und der runde Mönchshut mitten im Gewühl der jüdischen Delegierten. Unwillkürlich bleibt das Auge des Beobachters auf dem blonden Kopf mit der unjüdischen Gesichtsbildung haften. Das Interesse, das der Priester an den Zionisten und ihrer Idee nimmt, ist deutlich in seinen Zügen ausgeprägt. Er bleibt bei den einzelnen discutierenden Gruppen stehen, er hält sich im Hintergrund, er mischt sich nicht ins Gespräch, aber er folgt mit sichtlicher Aufmerksamkeit dem Meinungsaustausch. Bald nickt er, bald macht er eine bedenkliche Miene. Das Thema ist ihm offenbar sehr geläufig, und er hat bezüglich der einzelnen Meinungsnuancen seine mitgebrachte, selbstständige Ueberzeugung, Eine gewisse Freude liegt in seinem Gesichtsausdruck. Die Begeisterung der Zionisten, der Eifer, mit dem sie sich für ihren Standpunkt einsetzen, machtauf ihn einen sympathischen Eindruck. So hat er sich die Zionisten gedacht; so und nicht anders müssen sie aussehen. Bei dem Gespräch, das wir mit ihm anknüpfen, stellte er sich als Reverend Sam. Schor aus Liverpool vor. Er verleiht seiner Sympathie für den Zionismus warmen Ausdruck. In der zionistischen Literatur zeigt er sich wohl unterrichtet. Er ist politischer Zionist und setzt sich für den Judenstaat ein. Er gratuliert uns zum blühenden Fortschritte der Bewegung, der seinen Ausdruck im zweiten Congress findet. Die vernachlässigte Stadt. Wenn man aus dem „gemächlichen" Wien kommt, so erscheint einem Basel recht gemächlich. Ein galizischer Jude im langen Rock kann ruhig durch die Straßen gehen, ohne insultiert zu werden. Schon der Dialect des Baselers hat etwas Joviales, Behäbiges. Wenn man aus der Gaffe einen Baseler um eine Auskunft fragt, so antwortet er mit einer so dankbaren Liebenswürdigkeit, als hätte man ihm durch die kleine Belästigung einen ganz besonderen Gefallen erwiesen. Trotzdem also recht günstige Voraussetzungen für ein Herumflanieren in den Straßen gegeben sind, sieht man doch verhältnismäßig wenig Zionisten aus dem Rundgang durch die Stadt. Unter den Zionisten fehlt der Typus des gaffenden Fremden. Es fehlt ihnen gewiss nicht der Sinn für die Schönheiten der einzelnen Gebäude, für den grünen Rhein, der in majestätischer Breite seine Waffer dahinwälzt, — aber die Zionisten haben andere Sorgen. Wenn ihrer zwei oder mehrere durch die Stadt gehen, so sprechen sie über Zionismus, über den Congress. Das absorbiert ihre ganze Aufmerksamkeit, es bleibt ihnen keine Zeit, um an irgend einer Statue die Inschrift zu entziffern oder um an die Nixen des Rheins zu denken. Die meisten Delegierten halten sich tagsüber in den Räumen des Congresshauses aus. Die einzelnen Conferenzzimmer sind dichtgefüllt. in den Couloirs drängen'sich geschäftig hin- und hereilende Menschen. Wenn man jemanden zu einem Spaziergang außerhalb des Congresshauses einlädt, so ist er ganz erstaunt über diese seltsame Zumuthung. In der Baseler Synagoge. Samstag den 27. August, am Vortage der Congresseröffnung, nahmen die Zionisten am Gottesdienste in der Baseler Synagoge theil. In allen Bänken die schwarzgekleideten Andächtigen, an der Brust die blauweiße Rosette mit dem Zionszeichen. Die Juden von Basel, die sich zahlreich eingefunden hatten, kamen den Zionisten in der zuvorkommendsten Weise entgegen. Die Synagoge ist . ein schöner, hoher Bau in maurischem Stile. Farbige ' Arabesken bedecken die Wände bis zu den beiden mächtigen Kuppeln. Oben in den Kuppeln goldene Sterne aus blauem Grunde, gleich den Zionszeichen unten im Betraume. Beim Ausheben der Thora wurde Dr. Herzl zur Thora gerufen. Der leere Congresssaal. Ein leerer Saal ist wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Wenn man die Phantasie spielen lassen will, so kann man die langen Parallelreihen rother Stühle als die Linien auffassen, die beschrieben werden sollen. Aus den Nebenräumen hallt gedämpftes Stimmengewirr herein, durch die offenen Fenster das ferne Glockenzeichen der elektrischen Straßenbahn. Etwas wie Erwartung schwebt durch den großen, einsamen Saal. Was wird morgen hier verhandelt werden? Man blickt sich in der hohen Halle mit jener Anwandlung von Ehrfurcht um, wie sie einen in historischen Räumen zu überschleichen pflegt. Hier zwischen diesen Wänden bereitet sich eine geschichtliche That vor, die noch in ferneren Jahrhunderten im Leben der Völker nachschwingen wird. — Die elektrische Bahn ist näher gekommen, hell und scharf klingt die Glocke durch das Fenster herein. Es ist wie Morgengeläute. — Im Zeitalter der Elektricität will sich ein Traum jahrtausendelanger Nacht verwirklichen. Die Dame». Auch die jüdische Frau denkt an ihr Volk. Wir haben eine Gruppe von Zionistinnen auf dem Congress. Sie verhandeln mit dem gleichen Ernste und der gleichen Sachkenntnis über den Zionismus wie die Männer. Nebenbei haben sie auch reizende Gesichter. Etwas schwermüthig. Oder ist das nur der Ernst der Situation? Die Schönheit der Jüdin, von der so oft erzählt wird, wird auch der Congress beweisen. Nicht selten vertreten ist der Typus: Blaue Augen, braune Haare. Das gibt einen schwärmerischen Gesichtsausdruck. Den braunen Augen ist übrigens in dieser Hinsicht auch nichts vorzuwerfen. Die Toiletten sind einfach und geschmackvoll. Wie wenn die Zionistinnen möglichst wemg unter den Anwesenden auffallen wollten. In der Redekunst stellt die Zionistin sozusagen ihren Mann. Die Ausdrucksweise ist ebenso energisch, aber weniger heftig. Handbewegungen sind ganz unterdrückt. Das Buffet. Das Buffet des Baseler Congresses hat entschieden seinen Berus verfehlt. Das Parlamentsbuffet ist für gewöhnlich ein von allen Vorsitzenden gefürchteter Concurrent