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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
None (sequence 3)
Language
German
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Zum zweitenmal weilen die Vertreter der sich neubildenden jüdischen Nation in der alten Schweizer Bischofsstadt, die innerhalb ihres Weichbildes schon manches historische Schicksal sich abspielen sah. Nur von uns und unserer heißen Arbeit hängt es ab, ob auch diese zweite Versammlung zionistischer Vertreter von künftigen Jahrhunderten mit leuchtenden Lettern in das Buch der Geschichte eingetragen wird. Wichtige und bedeutungsvolle Arbeiten harren jetzt unserer Vertreter, und es ist keine Täuschung darüber möglich, dass gegenüber dem ersten Congress, diesem hohen und heiligen Festtag der neujüdischen Geschichte, unsere zweite Nationalversammlung im schlichten Grau des Werkeltages vor uns herschreiten wird — herschreiten muss. Der erste Congress war eine Revolution, oder mit anderen Worten, der explosive Durchbruch einer neuen unbekannten Kraft, die mit stürmischer Energie und stürmisch jauchzender Lebensfreude von ihrem Dasein Kunde gab und ihre Hoffnung und ihr Verlangen nach allen vier Himmelsgegenden machtvoll austönte. Wer, dessen Herz für Macht und Lebensfreude, für jüdische Lebensfreude noch empfänglich war, musste nicht hell einstimmen in den jubelnden Chor, nicht ausjauchzen mit den begeisterten Scharen, die von Ost und West, von Nord und Süd herbeigestromt waren, um in der alten Bischofsstadt der ganzen Welt von ihrem Dasein Kunde zu geben. Das war vor einem Jahr. Und heute? Nun, auch an uns bewährt sich der Spruch eines alten Dichters, dass die unerbittlichen Mächte vor jedem Siegesziel des Lebens unendlichen Schweiß gesetzt haben und eine unendliche Arbeit, die zu dem Bau der Ewigkeiten von Minute zu Minute Sandkorn auf Sandkorn häuft und, unbeschadet ihres weiten, welthistorischen Blickes, es nicht verschmäht, auch jedem winzig kleinen Factum treue und liebevolle Aufmerksamkeit zuzuwenden. Revolution war die Losung im vorigen, Organisation ist die Losung in diesem Jahr. Von der Höhe mit ihrem weiten und entzückenden Anblick treten wir in die Niederungen des Lebens, und ein solcher Uebergang erfordert zweifellos schwere Opfer. Zunächst müssen wir unserer Begeisterung, die ewig im Herzen brennt, die große lodernde Flamme versagen und mit ruhigem und eiskaltenl Verstand die Facta und Probleme mikroskopisch prüfen und eine Auswahl und Entscheidung treffen. Dann aber gilt es, wenn man mir diesen Ausdruck erlaubt, ein national-jüdisches Volapük zu finden. Wir sind aus den verschiedensten Lagern und denverschiedenstenCulturenherübergekommenund sprechen die allerverschiedensten Sprachen. Die mehr als tausendjährige Zerstreuung des jüdischen Volkes, die jedes einzelne Glied hilflos der Masse gegenüberstellte, war eben nicht ohne- Spuren geblieben und zerstörte schließlich jede große und einheitliche Fortbildung der jüdischen Cultur. Im vorigen Jahr freilich bildete die große lodernde Flamme den Einheitspunkt, der alles an sich zog und uns alle zwang, ausjauchzend mitzuverlodern. Diesmal ist es anders, der Alltag tritt in sein Recht und mit ihm die Sprachen- und Culturverwirrung, die viele Jahrhunderte im Judenthum zurückgelassen haben und die der Zionismus heilen will. Eine wirkliche Heilung kann freilich erst die langsame und leise Macht der Entwicklung bringen. Vorläufig müssen wir uns verständigen um jeden Preis, und es wird nicht ausbleiben. dass jeder Theil von seiner Sprache und Cultur und Sehnsucht manches trivialisieren und verflachen muss, um überhaupt verstanden zu werden. Und manches andere wird man zurückstellen und einer fernen, ach wie fernen Zukunft überlassen müssen, weil wir eben noch, darüber täusche man sich nicht, am Anfang stehen, und weil es noch lange dauern wird, bis die Kluft, welche die Fortgeschrittensten unseres Volkes von der großen und geduldig nachrückenden Masse scheidet, einigermaßen überbrückt erscheint. Zwei große Fragen werden den Congress diesmal beschäftigen: die Banksrage und die genaue Feststellung der Grenze zwischen Colonisation und Organisation. Hier sind die Meinungen noch nicht genügend abgeklärt, und neben schwerwiegenden sachlichen stehen sich gemüthliche und culturelle Differenzen in dieser Frage gegenüber. Und es ist nicht mehr möglich, diese Differenzen durch einen Aufschrei der Begeisterung kurzer Hand zu erledigen

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