Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-08-19 · 33 (19.8.1898) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
33 (19.8.1898)
Article
Bismarck und die Juden
Date
1898-08-19
Page
5 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315776-3362090--07572-3362245
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 33 Seite 5 das Genie des Geldes und der Geduld (und vor allem etwas Geist und Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt) Hinzuthun, hinzuzüch'en ließe." So schrieb Nietzsche, und man kann sagen, dass er in diesen Worten das künftige Programm Bismarcks vorwegnahm. Der Mann, der sich um Bildung einer moderndeutschen Aristokratie, um ein Cartell zwischen dem preußischen Degen, der modernen Industrie und der Ackerscholle bemühte, rechnete ein wenig auch mit den Juden. Der Schlossherr von Friedrichsruh ließ nachmals verlautbaren, dass ihm die Methode des Radauantisemitismus nicht genügend erscheine, um die Judenfrage zu lösen. Er schätzte die jüdische Intelligenz und Thatkraft sehr hoch, er hielt die Juden sogar für gefährlich und behauptete allen Ernstes, dass sie, trotz aller Unterdrückung, in Russland die Macht in der Hand hätten. Eben darum suchte er in späterer Zeit die Juden mit seiner neudeutschen Aristokratie vorsichtig zu verschmelzen. Sie hätten ein moussierendes und aufstachelndes Element in den deutschen Charakter hineingebracht. Und das, meinte Bismarck, wäre sehr wertvoll. In seinen letzten Lebensjahren verkehrte er auch wieder viel mit Juden aus der Gesellschaftsschichte des sich bildenden Neuadels, mit dem Finanzaristokraten Bleichröder und mit Maximilian Harden. Bismarck, der Junker, hatte einst der Gleichberechtigung auch nur der preußischen Juden heftig widerstrebt. Bismarck, der Grandseigneur, wollte den Geist und die Rassentugenden der deutschen Juden der von ihm ersehnten, neuen Herrschaftsclasse einverleiben. Es war dies sein letztes Wort in der Judenfrage. Freilich, Philosemil ist Bismarck nicht geworden und liberaler Gleichmacher auch nicht. Die historisch in Deutschland eingewurzelten Juden nahm er hin — nicht mehr. Nach dem Osten sperrte er die Thüren zu und erschwerte in jeder Weise die Naturalisation neu einwandernder Juden. Denn er sagte sich, dass jede Nation in ihrem Hause Herr bleiben müsse und nicht mehr fremde Elemente in sich aufnehmen dürfe, als sie verdauen könne. Das aber sagt der Zionismus auch, genau so. Auch der Zionismus erkennt, dass jede Nation eine besondere Heimat besitzen müsse, auch der Zionismus wehrt sich gegen das Aufgehen in fremde Elemente, gegen ein völliges Absorbiertwerden. Auch der Zionismus will den Juden, die schon ganz fest im fremden Lande eingewurzelt sind, die Verschmelzung nicht erschweren. Die anderen Juden aber, aus dem Osten und anderswo, will er nicht auf die ganz anders gearteten europäischen Völker sinnlos herniederstürzen. Denn ebensowenig wie Bismarck glaubt der Zionismus an eine absolute Gleichheit aller Menschen, sondern hat, ganz wie einst der große Todte, ein sehr starkes Gefühl für die historischen. nationalen und Rassenunterschiede. Und wie Bismarck, der heißblütige Patriot, die deutsche Volkssehnsucht erfüllte und trotzdem ein „guter Europäer" blieb, so will auch der Zionismus der noch viel älteren jüdischen Sehnsucht zur Erfüllung verhelfen und dabei die innige Berührung mit Europa nicht verlieren. Fast möchte man es bedauern, dass der große Staatsmann nur die Anfänge unserer Bewegung erlebte, und dass diese Anfänge nie in seinen Gesichtskreis traten. Was hätte er wohl dazu gesagt? Die Waffenfabrik. Von Joseph Benjamin. Ein neuer Finanzscandal macht jetzt in Wien viel von sich reden. Wie fast bei allen größeren Streichen der letzten Jahre wird auch diesmal ein gewisser Taussig wenig rühmlich genannt. Dieser Taussig ist leider ein Jude, und darum fühlen wir das Bedürfnis, uns mit dem Falle kurz und deutlich auseinanderzusetzen. Es wäre zu traurig, wenn, wie schon so oft bisher, die Handlungsweise eines Einzelnen der ganzen Judenschaft zur Last gelegt werden könnte, ohne dass ein Wort der Verwahrung von der betroffenen Seite vorgebracht würde. Dass der vielgenannte Finanzkünstler nicht etwa für Rechnung irgendeiner jüdischen Gemeinschaft operiert, sondern für seine eigene Tasche, das wird nicht berücksichtigt. Man will auch nicht sehen, dass seine Umgebung nicht aus Juden besteht. Ihm wird natürlick kein Haar gekrümmt werden, Und eine Anzahl besoldeter Federn sorgt dafür, dass der Spectakel nicht zu groß werde. Umso nöthiger ist es. dass wir von unserem jüdischen, rein jüdischen Standpunkte die Sache klarstellen. Die Waffenfabrik in Steyr war früher ein prosperierendes Unternehmen, mit dem es aber eines Tages bergab gieng. Da wurde der Ritter Taussig von der Bodencreditanstalt zu Hilfe gerufen. Der Ritter Tanssig trat in die Verwaltung der Waffenfabrik ein und begann zu operieren. Er ließ den Fürsten Starhemberg zum Präsidenten und sich selbst zun» Vicepräsidenten wählen. Die übrigen Barone, Ritter und Hofräthe des Verwaltungsrath es sind weniger intereffant. Das sind lauter kleine Retter der Industrie. Generaldirector und Procurist ist der frühere Bicepräsident Dr. Hochhäuser. In der Generalversammlung vom 19. December 1896 erstattete der Berwältungsrath einen Bericht, der die Lage der Gesellschaft im rosigsten Lichte erscheinen ließ. Das Unternehmen floriere derart, dass es unbedingt nöthig sei. diese günstige Periode auszunützen und das Actiencapital zu erhöhen, um die Unternehmungen im großen Style fortsetzen zu können. Die Erhöhung des Actiencapitals um 1.200.000 fl. wurde thatsächlich beschlossen. Das Gesammtcapital stieg dadurch auf 4-.2v0.000 fl. Die neuen Actien wurden zu 250 fl. auf den Markt gebracht, und in Anbetracht deffen, dass der Ritter von Taussig das Eisen der Waffenfabrik schmiedete, fast vollständig von den alten Actionären übernommen. Die Bilanz 1896/97 wies einen Reingewinn von 379.111 Gulden auf. Der Julicoupon von 1897 wurde mit 5 fl. eingelöst, außerdem eine Dividende von 7 fl. gezahlt. Auf das Conto des neuen Berichtjahres wurden 16.806 fl. vorgetragen. Wie viel fortgetragen wurde, war aus der Bilanz nicht zu ersehen, darauf sind auch heute noch die Aktionäre gespannt. Diese Spannung und Neugierde wurde eigentlich erst durch den Courssturz der Actien in den letzten Wochen acut. Man weiß, dass es zu einer förmlichen Krise kam. Ein beeideter Sensal gab große Mengen Waffenfabriks-Actien ab. Zugleich erzählte mau an der Börse von einem neuen Raubzug, ohne dass man den Ritter und sein Fähnlein zu nennen wagte, die ihn veranstaltet hatten. Zum Unglück für die unternehmungslustigen Waffenhändler wirbelte die Sache sehr viel Staub auf. Da erschien ein offenbar inspiriertes CommnniquO, das den Leuten etwas verblümt erklärte, dass sie betrogen worden seien. Die Schuld wurde auf den Director Dr. Hochhäuser geschoben. Zur Beruhigung der Actiouäre fand sich am Schlüsse der Mittheilung folgende Bersichcrrmg: „Es ist aber zu hoffen, dass es gelingen wird, ohne jedes u n n ö t h i g e Aufsehen die mit a l l e r E n e r g i e und Aufopferung in Angriff genommene S an i er u u g dieser großartigen Unternehmung durchzuführen und derselben wieder die Prosperität zu verschaffen, für welche die Grundbedingungen gewiss noch immer vorhanden sind." Leider wollte diese Aufforderung, jedes u u n ö t h i g e Aufsehen zu vermeiden, bei den meisten Actionären nicht verfangen. Auch war man sich nicht recht darüber klar, für wen das Aufsehen unnöthig sei. Am meisten Erbitterung rief aber der Paffus hervor, der von einer Sanierung sprach, die mit aller Energie und Aufopferung durchgeführt werden sollte. Die Leute sagten sich nämlich, dass sie verloren seien, wenn man sie erst zu sanieren anfangen wolle. Ueberdies erinnerte man sich, wie es das Geschick wollte, dass der Herr Vicepräsident immer zu Sanierungen berufen war, und cS merkte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.