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Die Welt · 1898-08-19 · 33 (19.8.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
33 (19.8.1898)
Article
Bismarck und die Juden
Date
1898-08-19
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 J*AWÄ Nr. 3H Solche untergebene Learte waren ihm damals noch die Juden, die nun, wenn der Liberalismus durchdrang, womöglich seine Herren und Vorgesetzten werden konnten!. Begreiflich genug, daß der urwüchsige Junker aus der Mark sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte. Gegen den bevorstehenden jüdischen Richter und Beamten empfand er einen grimmigen Hass, nicht aber gegen den Juden als Person. Bismarcks Freund, Kleist-Retzow, äußerte in einer Landtagsrede: „Ich will gern mit einem Juden essen und trinken und sogar in einem Bette liegen. Gott aber bewahre, daß eine Jude Schultheiß oder Richter wird." Diese Worte gaben getreulich auch die damalige Ansicht Bismarcks wieder. Die Jahre verrollten; die Stürme der Revolution und Reaction brausten vorüber, und die blindwüthige Jugend aus beiden Lagern wuchs allgemach in ein reifes und thatkräftiges Mannesalter hinein. Der beschränkte und leidenschaftliche Junker aus der Mark wurde schließlich ein gewaltiger Staatsmann und der Begründer des Reiches. Mit seinem scharfen, realpolitischen Blick erkannte er, dass er bis zu einem gewissen Grade der Mithilfe des Liberalismus bedurfte, und dass ohne Concessionen diese Hilfe nicht zu erlangen war. So gewährte er denn mancherlei: allgemeines Wahlrecht, Gewerbefreiheit, theilweise Parlamentsherrschaft, Civileherecht. Zu den frühesten, bedeutendsten Zugeständnissen gehörte auch die vollständige Emanzipation der Juden. Gerade zwei jüdische Parlamentarier, Lasker und Bamberger, standen ihm damals nahe und liehen ihm ihre nicht;u verachtende Unterstützung. Aber, wie Bamberger frühzeitig erkannte, es war kein freiheitlicher, sondern ein politischer (realpolitischer) Instinkt, der Bismarck zu diesem Bündnis mit dem Liberalismus veranlasste. Sein Herz wusste nichts davon, sondern schlug nach wie vor für eine patriarchalische und „gottgewollte" Gesellschaftsordnung. Damals geriet er auch in einen erbitterten Krieg mit der Socialdemokratie, Ursprünglich hatte er gehofft, die Arbeiter in ein patriarchalisches Verhältnis zu einer für sie väterlich sorgenden Regierung hineinzustellen. Diese Hoffnung scheiterte und er musste erleben, dass die Arbeiter den Gleichheitsgedanken noch viel radikaler und auch wortgetreuer und trivialer durchzuführen strebten als die Liberalen. In dem früheren märkischen Junker und künftigen Grandseigneur bäumte sich jeder Blutstropfen dagegen auf, und er warf der verhassten Bewegung klirrend den Fehdehandschuh hin. Gleichzeitig aber strebte damals noch eine andere Partei empor, deren Grundtendenz ihm viel sympathischer sein musste, weil sie seiner Natur entsprach — die Christlich- Socialen. Der Gleichheitsgedanke hat in der That ungeheure Gefahren, so lange es noch eine sociale Frage gibt, so lange zwischen der staatsrechtlichen Construction und den thatsächlichen Verhältnissen ein Abgrund klafft. Zwei Wirkungen werden durch diesen Widerspruch hervorgerufen: eine revolutionäre (Rührung bei heißblütigen Staturen in social abhängiger Stellung und ein Bedürfnis nach patriarchalischer Unterordnung und idyllischer Zufriedenheit um jeden Preis bei den schwächeren Elementen. Die einen wollen den Abgrund gewaltsam überspringen, die anderen schließen davor die Äugen. Die einen sind die Socialdemokraten, die anderen sind die Christlich-Socialen. Diese letzten wollten in den Tagen Stöcker's königstreue Männer bis auf die Knochen sein und hassten erbittert diejenigen, die ihnen den Liberalismus predigten, die ihnen gewaltsam die Augen öffnen und den Abgrund zeigen wollten. Die Juden aber waren damals die hervorstechendsten Wortführer der Liberalen und Socialdemokraten, und so wurden die Christlich-Socialen zu Antisemiten. Bismarck befand sich in einer eigenthümlichen Lage Der orthodox-kirchliche Anstrich der neuen Partei war ihm eigentlich widerwärtig, und er ist eS gewesen, der das Hohnwort von der „Stöckerei und Muckerei" geprägt hat Dagegen hochsympathisch war ihm die social-patriarchalische und königstreue Tendenz der neuen Partei. Hier endlich fand er, was er ursprünglich bei den Socialdemokraten gesucht und nicht gefunden hatte. Somit bediente er sich dieser Bundesgenossen gegenüber der revolutionären Arbeiterbewegung und gegenüber dem verhassten gleichmacherischen Liberalismus. Er folgte dabei durchaus dem kategorischen Imperativ seiner Natur, die ihn nun einmal dazu zwang, mit patriarchalischen Augen in die Welt zu schauen und mit Klauen und Zähnen die patriarchalische Gesellschaftsordnung gegen den Zeitgeist zu vertheidigen. An die Juden dachte er dabei kaum und hat sie vielleicht gar nicht einmal gesehen, wie auch ein leidenschaftlich zum Ziel hinstürmender Riese nicht sieht, was er unterwegs an kleinem Gethier und Pflanzen niedertritt. Er achtete auf die Juden nicht, wie der Feldherr in der Schlacht auch nicht auf den einzelnen Soldaten und nicht auf ganze Regimenter Achtung gibt. Und wenn wir gerecht sein wollen: Was bedeuteten für den Kanzler eines Volkes von vierzig Millionen fünfhunderttausend Juden gegenüber der Gefahr einer socialen Revolution! Unbedenklich hat er damals die Juden seinen realpolitischen Rücksichten hingeopfert. Trotzdem war Bismarck niemals ein eigentlicher Antisemit im Sinne Stöckers. Denn natürlich konnte das staatsmännische Genie, der Minister einer europäischen Großmacht, nicht in den kleinbürgerlichen Schranken und in dem kleinbürgerlichen Hass des Hofpredigers befangen bleiben. Die Zeit einer strammen und väterlichen Junkerherrschaft über getreue Kleinbürger war eben ein für allemal vorüber. Bismarck suchte nach anderen Formen und Mitteln für seine patriarchalische Regierungsweise, und er glaubte sie im Cartell gefunden zu haben. Der Grundgedanke deS Cartells war ganz einfach: Verschmelzung der liberalen und der conservativen Aristokratie. Diesem Gedanken blieb der Fürst bis zu seinem letzten Athemzuge treu, auch noch nach seinem Sturze, an dem Stöcker mitwirkte, und diese Auffassung bestimmte recht eigentlich sein späteres Verhältnis zu den Juden. Als den eigentlichen Phifosophen der Bismarckepoche werden spätere Historiker zweifellos Friedrich Nietzsche bezeichnen. Zwischen beiden Männern, die oft als Gegensätze ausgespielt werden, bestand ein tieferer Zusammenhang, als man ahnt. Auch Bismarck, obgleich durch sein Wirken die Hochflut des deutschen Chauvinismus entfesselt wurde, sah über den Heckenzaun nationaler Vorurtheile weit hinaus. „Er war ein guter Europäer", versicherte noch kürzlich Christoph Tiedemann in seiner Broschüre. Und Nietzsche, der durchaus und überall an die Vereinigten Staaten von Europa dachte, der sich über die Verflachung des deutschen Geistes damit tröstete, dass dafür ein anderes Volk vertieft würde; Nietzsche blieb doch auch nicht frei von deutsch-patriotischen Beklemmungen. Er hatte auch viel über die Judensrage nachgedacht und legte die Resultate dieses Nachdenkens im Aphorismus 254 seines Buches „Jenseits von Gut und Böse" nieder. Er wollte die Thüren nach dem Osten, nach Russland und Oesterreich, zumachen, damit die noch junge deutsche Art nicht von der uralten jüdischen Rasse ausgesogen würde. Den schon ansässigen Juden dagegen sollte man es in Deutschland möglichst heimisch machen und ihre eigenartigen Rassetugenden vorsichtig und mit Auswahl dem neuen deutschen Volksthum einverleiben. „Es liegt auf der Hand, dass am unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester geprägten Typen des neuen Deutschthums mit ihnen einlaffen könnten, zum Beispiel der adelige Opicier aus der Mark: es wäre von vielfachem Interesse zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Befehlens und Gehorchens — in beiden ist das bezeichnet Land heute classisch —

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