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Die Welt · 1898-08-19 · 33 (19.8.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
33 (19.8.1898)
Article
Die Ungarn
Date
1898-08-19
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr 33 Seite 3 und sittlichen Begriffen imstande wären, sich eine überragende und überhaupt unantastbare Stellung zu erwerben. Die Juden haben gewonnen, das Judenthum hat verloren. Während sie berufen gewesen wären, es zur Blüte zu bringen, ähnlich jener der spanischen Epoche des Maimonides, haben sie es bisher eher geschädigt. Der Grundfehler liegt in der inneren Abkehr vom Judenthum, die ihrer seelischen Entwicklung jede Kraft nimmt. Jene, die ihrer Meinung nach zum Judenthum halten, bekräftigen ihre Gesinnung höchstens durch die Pflege des kirchlichen Cultus, des Synagogenbesuches bei Orgel und Gesang, und in großer Kleidergala. An vielen Orten höÄ auch das auf. Und nun ein großer Gegensatz — trotzdem bekennen sie sich stolz zum Judenthum, dem sie so indifferent angehören. Dieses Urtheil ist kein allgemein giltiges. Im Nordwesten, im flovakischen Hochland, wo man am wirtschaftlichen Aufschwung des Landes gar keinen Antheil hatte, und wo auch viele aus Mähren zugewanderte Juden sich niederließen, ist die jüdische Bevölkerung strenger, herber und durch ihre Vereinsamung im Slovakenthum etwas jüdischer. Pressburg und die ^Selieiva-Xlnlles^, die sieben Gemeinden im Oedenburger und Eisenburger Comitate leben sogar in starrer Orthodoxie, und in einigen Theilen Siebenbürgens, sowie in einem Comitate des Nordostens, herrscht der Chassidismus. Aber diese Vielfältigkeit brachte auch den Zwiespalt ins Judenthum. Im Jahre 1868 versuchte es der unsterbliche Eötvös, damals Unterrichtsminister, den Juden eine gemeinschaftliche Kirchenverfassung zu geben, die dann zur streitlosen Recipierung geführt hätte. Aber die Entfernung zwischen den Orthodoxen allerstrengster Observanz und zwischen den Neologen, wie sie aus den Bestrebungen Chorins, Löws u. A. emporgewachsen waren, ließ sich nicht überbrücken. Der einberufene Congress gieng resultatlos auseinander. Nun gibt es zwei organisierte jüdische Confessionen, die orthodoxe und die reformierte, jede durch eine Centralkanzlei in Budapest bei der Regierung vertreten und unorganisierte sogenannte „Status qiu>~ Gemeinden. Und zwischen diesen drei Arten von Judencultus sickert das Judenthum in unfruchtbares Erdreich. Neologe und Orthodoxe rücken sich so ferne, dass jedes Gemeingesühl, jede Empfindung der Zusammengehörigkeit erstirbt. Einerseits scheue Abkehr von den „Abtrünnigen" anderseits vollständiges Vergessen der jüdischen Geschichte, des ethischen Judenthums, das ist die Folge. Der sittliche Kern des Judenthums geht verloren und neue moralische Begriffe werden nicht eingetauscht. Die Zweisprachigkeit, ja die Nothwendigkeit in drei oder vier Sprachen zu verkehren, hinderte die Vertiefung in einer, so dass auch die Bildung oft eine ganz oberflächliche bleiben muss. Die Heranwachsende Generation würde den moralischen Verband des Judenthumes brauchen, weil sie zwischen Sprachen und Nationen eingezwängt ist. Und was tauschen die Heranwachsenden jungen Leute dafür ein? Die reichen imitieren den genusssüchtigen Adel in seinen üblen Eigenschaften bei Rennen,Spiel und Gelagen, dieMittelclassen suchen ihr Vergnügen in auffallendem Putz, in schalen Tingel-Tangeleien. Einhungriges Proletariat,daskeine Arbeit findet, wie in Galizien, kennt man im ganzen Lande nicht. Und doch stehen die Massen moralisch tiefer, als die galizischen, auf die man mit solchem Stolz hinabsieht. Als schlagenden Beweis führe ich folgendes an : man sehe sich die rüden, frivolen, ja unsittlichen, zotenhaften Stücke der Budapester jüdischen Volkssänger-Gesellschaften an, mit denen sie jetzt logar reisen, die aber in Oesterreich durch die Censur sehr an Unsittlichkeit verloren haben, und vergleiche sie mit den oft rohgezimmerten, aber in der Tendenz edlen Stücken der polnischen Juden, der Jargontheater, die stets geeignet sind, die Cultur zu heben und das Gefühl für die eigene Geschichte, für die Helden des Judenthums zu erwecken. Und doch hat der Zionismus von Ungarn viel zu erwarten, weil die Juden Ungarns diesen erlösenden Gedanken brauchen, um nicht moralisch zu verkommen. Der ungarische Jude ist ein Product seiner Umgebung, wie es alle Juden sind, er ist frivol und genusssüchtig geworden, aber auch die guten Eigenschaften des Magyaren hasten ihm an, Krastgefühl, Muth und Stolz und trotz temperamentvoller Abweichungen ein starkes Zweckbewusstsein, politische Denkfähigkeit. Dies beweisen unsere Führer, die zum großen Theile ungarischen Juden entstammen. Die Zeit wird kommen, wo sie sittliche Regeneration suchen werden, weil sie zu klug sind, um ihren moralischen Untergang ruhig herankommen zu lassen, und sie werden ihn finden, im jüdischen Bewusstsein, iw. Zionismus, der bei ihnen keine totale Abkehr vom ungarischen Staate sein wird, dem ihre ewige Dankbarkeit gebürt. Werden sie aber nicht freiwillig Zionisten, suchen sie nicht auf Basis ihres angeborenen Volksthums ihre seelische Wiedergeburt zu erringen und fahren sie fort, sich als Urmagyaren zu geberden, dann werden sie die Nationaltäten und vielleicht auch die Magyaren mit Fußtritten in unser Lager jagen. Bismarck und die Juden. Von S. Lublinski. Fürst Bismarck war eine aristokratisch-patriarchalische Natur. Er wusste nicht nur, wie jeder gute Beobachter, dass es Herrscher und Beherrschte zu allen Zeiten geben würde, sondern er wünschte es auch und fühlte sich in diesem Verhältnis innerlich wohl. Aber er schwärmte auch nicht für die rohe Faust und sinnlose Brutalität, sondern er war von aufrichtigem Wohlwollen gegen den kleinen Mann erfüllt, für dessen Bedürfnisse und Gutbesinden er bereit war, innig zu sorgen, vorausgesetzt, dass sich dieser kleine Mann nicht beifallen ließ, gleichen Antheil an der politischen Herrschaft zu begehren. Diesen patriarchalischen Standpunkt bewahrte Bismarck sein Leben lang vom Beginn seiner politischen Laufbahn, wenn auch die äußere Form wesentlich wechselte. Als kleiner und vasallentreuer Junker trat er in die politische Arena, und als der vornehmste Grandseigneur eines großen, von ihm begründeten Reiches ist er fünfzig Jahre später gestorben. Die Grundthatsache seiner Natur aber, dass er mit patriarchalischem Auge in die politische Welt blickte, wurde durch diesen grandiosen Schicksalswechsel in keiner Weise alteriert. Bismarck's Stellung zur Judenfrage fiel natürlich auch unter diesen Gesichtswinkel. Der Liberalismus, der von der absoluten Gleichheit aller Menschen ausgieng, hatte dieses Problem in die gährende Zeit hineingeworfen, und Bismarck, der an eine solche Gleichheit nicht glaubte, sondern nur an Herrscher und Beherrschte, wurde folgerecht ein Gegner der Emancipation der Juden. Oder, mit anderen Worten, der märkische Junker wollte nicht, dass Judeen Lehrer und Beamte, kurzum nicht in irgend einer Weis seine Vorgesetzten würden. Er war allerdings bereit, auch dem jüdischen Vorgesetzten, der seinen König vertrat, zu gehorchen, aber er erklärte zugleich, die Freudigkeit des aufrechten Pflichtgefühles würde ihn dabei verlassen. Mit Freuden gehorsam war er nur seinem König und seinen Standesgenossen, die dieser König zu seinen Vorgesetzten machte. Dafür aber wollte diese patriarchalische und vasallengetreue Natur doch auch ihrerseits auf einer höheren Stufe stehen, als mancher andere, und den kleinen Leuten, die unter ihm standen, Wohlwollen eiweisen.

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