Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Article
- Die Ungarn
- Date
- 1898-08-19
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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j*owac Nr. 33 spielen sie eine Rolle und sind seit jeher Pächter der Großgrundbesitzer. Dieser große wirtschaftliche Aufschwung der Juden blieb aber nicht ohne Rückwirkung auf die Empfindungen ihnen gegenüber. Sie begiengen den großen Fehler, ihre Duldung als einen Ausfluss der inneren Ueberzeugung und Neigung zu nehmen, während sie seit jeher ein Ergebnis der Vernunft und Selbstüberwindung war. Der Ungar brauchte ihre Handelstätigkeit. Der Jude bildet fast ausschließlich den productiven Mittelstand, während das Ungarthum die Bauernmasse liefert und die herrschen- - den Kasten: Militär, Beamte und Großgrundbesitzer. Außerdem bilden heute die dreiviertel Millionen Juden einen wichtigen Bestandtheil der staatstreuen Völkerschaften dieses vielsprachigen und in seinem Wesen disparaten Staates. Trotzdem hat der Neid vielfach über die Staatsraison gesiegt und das ungarische Kleinbürgerthum, die Beamtenschaft und der Adel sehen mit heimlicher und oft auch offener Wuth den steigenden Wohlstand der Juden. Der heftige Umschlag im Jahre 1882 und die ebenso plötzliche Beruhigung nach der Assaire von Tisza-Eszlar geben ein Bild von den Stimmungen, wie sie auf dem Grunde der Volksseele oft unbewusst ruhen, aber auch von der zielbewussten Thalkraft der Regierenden. Merkwürdig ist auch, dass in diesem an sich so gar nicht antisemitischen Volke eine gesellschaftliche Kluft zwischen Juden und Christen liegt wie in wenig anderen Ländern mit Ausnahme Galiziens. Selbst in Deutschland ist diese große Scheidung jetzt erst eingetreten. In Ungarn machen Juden und Christen ihre Geschäfte zusammen, sie treiben gemeinschaftlich Politik, aber sie verkehren fast gar nicht von Haus zu Haus. Dass sie aber gemeinschaftliche Politik machen, muss der Jude dort büßen, wo die zahlreichen und oppositionellen Nationalitäten in der Mehrzahl sind. Zwischen den Serbocroaten im Süden, den Rumänen im Osten und den Slovaken im Norden wird ihre Lage immer peinlicher. Diese Volksstämme beherrschen große Gebiete in compakten Mafien. Ihre Politik ist eine dem Centralstaate abgeneigte, und sie klagen über eine mit nachsichtsloser Strenge und Hätte geübte Magyarifterung. Davon muss vieles zugestanden werden, wenngleich es für die Regierenden eine Entschuldigung gibt: Kampf ums Dasein. Die Magyaren bilden etwa 45 Percent der Bevölkerung und suchen mit aller Macht und auch mit aller Gewalt so viele Deutsche, Slaven und Rumänen als nur möglich, in ihr Lager zu bringen. Dass der leichter bewegliche Jude sich rascher den Forderungen des Staates anbequemte, hat ihn nun recht unbeliebt gemacht. Noch mehr verübelt aber wurde ihm, dass er oft agitatorisch auftrat. Namentlich in der Studentenschaft haben die Juden viel zu rasch, viel zu oft und viel zu laut bei chauvinistischen Kundgebungen mitgethan. Auch die Deutschen im Lande sehen mit scheelen Augen diese Entwicklung, besonders die Sachsen in Siebenbürgen und die deutschen Bewohner der Oedenburger, Wieselburger und Eisenburger Comitate, die von jeher den Juden abgeneigt waren und sich nunmehr stark christlichsocial geberden, mit Wiener Färbung und von Wien beeinflusst, wo diese Pattei das freie und das für Juden freie Ungarn bekämpft. Die magyarische Gesinnung der Juden wird auch von der Regierung oder vielmehr von ihren Organen dazu benützt, damit sie bei Verwaltungs- oder politischen Wahlen für den Regierungscandidaten nicht nur stimmen, sondern auch mit allen Mitteln Propaganda machen. Dadurch setzen sie sich immer wieder in Gegensatz zur Masse der nichtmagyarischen Bevölkerung. Sie sind nun umgeben von Feinden an der Peripherie des ganzen Reiches und nur in Croatien, also im Südwesten, leben sie mit der Bevölkerung in Harmonie, weil sie im Einklang mit dem politischen Empfinden der Massen blieben. Aber auch sonst werden sie als Sturmbock benützt, so z. B. in der Frage der Civilehe. Das Eherecht Ungarns war freilich zerrüttet, und die Zivilehe, selbst die Noth-Zivilehe existiette nicht, so dass Ehen.zwischen Juden und Christen nicht anerkannt wurden. Gaarz überflüssigerweise aber verquickte die Regierung diese Frage mit der Recipierung der Juden, d. h. mit -der -formellen religionsrechtlrchen Anerkennung, die -e^entlich eine leere Formalität darstellte, weil die Gleichberechtigung längst durchgeführt war. Dazu kam die obligatorische Zivilehe mit magyarischer Matrikelsührung. Diese war für den Staat das Wichtigste. Er wollte und will immer und immer die 55 Percent Nichtmagyaren an die ungarische Sprache binden. Vom Tage der Geburt bis zum Augenblick des Begräbnisses bei jeder bürgerlichen und Familienbewegung soll man die Hoheit des magyarischen Staates fühlen. Die katholische Geistlichkeit aber fühlt sich nicht gerne als Sack, den man schlägt, wenn man einen anderen meint, und sie stemmte sich mit aller Macht gegen den ganzen Complex von Gesetzen.. Im Jahre l 884 verwarf das Magnatenhaus, das der Clerus beherrschte, die Vorlage. Tisza reorganisierte unter dem Beifall des ganzen liberalen Europa und den Dankrufen aller Juden das Oberhaus. Nach seyr hatten Kämpfen und gewaltigen inneren Erschütterungen ist es endlich einem dritten Ministerium erst gelungen, diese Reformen durchzuführen, für die auch die Juden mit viel Kraftaufwand gekämpft hatten, weil sie angeblich für sie und für ihr Wohl gedacht waren. Der verarmte Adel, der zum großen Theil aus dem Oberhaus hinaus reformiert wurde, erklätte sich offen als Judengegner. Der Clerus Ungarns, der liebenswürdigste und freisinnigste der Welt, war auch gezwungen, eine Kampfstellung gegen die Juden einzunehmen und die freisinnigen Prälaten mussten der kampflustigen Kaplanokratie das Feld überlassen. Diese verbündete sich überall mit den unzufriedenen Nationalitäten, denen der Schlag galt, und nun Hetzen sie gemeinschaftlich gegen die Juden, die ewig schuldtragenden. Das ist die Lage der . Juden in Ungarn, soweit sie ihr Verhältnis zur Majorität der Bewohner betritt. Aber auch auf die Magyaren blieb dieser Kampf nicht ohne Einfluss. Die katholisch Gesinnten wandten sich von den Juden ab, denen sie die Schuld an diesem Cultürkampf. aufluden, und auch die Protestanten stellen sich kühler. Ein Wort ist es, dass sie stött. Die Antisemiten haben es erfunden: Judäo-Magyaren. Man will ja den Juden wohl, man toleriett sie, man braucht sie, man schätzt sie. Aber man will um Gotteswillen doch nicht mit ihnen in einen Topf geworfen werden. Und am liebsten möchte man der Welt zeigen, dass man die Juden nicht braucht. Und wenn man sie nicht brauchen wird, dann wird man es auch zeigen. Und wehe den Juden, wenn man sic ° den bis zum Fanatismus erregten Nationalitäten ausliefern wird. Die Abkehr des Magyarismus vom Judenthum würde genügen, es moralisch zu vernichten, in sich selbst zu erschüttern und zu werfen, weil den ungattschen Juden jedes Ideal fehlt, jedes ethische Streben, insoweit es nicht im Drang zum Ungarthum verkörpett ist. Dott liegt ihr ganzer Halt, sofern sie einen suchen, ihre ganze ethische Entwicklung, soweit sie eine solche erreichen. Die Masse der Wohlgenährten aber verkommt im ödesten Banausenthum, versinkt in Genusssucht und Frivolität. Nur wenige Judenfamilien ragen durch Geist und Bildung aus dieser Masse empor, während sie durch angeborene Intelligenz, durch Besitz und Stellung sowie durch die von den Eltern übernommene Summe von Tugenden