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Die Welt · 1898-08-12 · 32 (12.8.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
32 (12.8.1898)
Article
Leben
Date
1898-08-12
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Seite 15 Nr. 32 und muss die Bauern bitten, mir eine Hasenhaut zu verkaufen oder ein Pfund Federn. Und wenn sie spotten, so muss ich ruhig sein, weil ich an Weib und Kinder denke. Und wenn die Magd bloß schimpft, so wird der Knecht wohl schlagen. Im Lande der Väter! Wer doch nur leben könnte, bei Weib und Kind zuhaus!" „Warum im eigenen Land? Und warum bei Weib und Kind?" sagte der Dritte. Seht doch, ich wohn' in der Khille und Weib und Kind Hab' ich bei mir. Gar gerne wollten sie mir helfen in meinem Geschäft. Aber — der reiche Jude kaust beim reichen Christen — und der reiche Christ kauft beim reichen Juden — und der arme Bauer nimmt die Ware und bringt kein Geld — und der arme Iud kaust zu Sabbath einen Häring. — lind ich sag' Euch nur das Eine: es ist ein Glück, wenn man überhaupt noch leben kann." Da aber seufzte der Kranke tief auf und begann bitterlich zu weinen. Und als die Brüder erschreckt fragten, was über ihn gekommen sei, rang er mühsam nach Fasiung, suchte nach Worten für die Qual seiner Seele, und nach einer Weile sagteer: „Leben wollt ihr. —Alle wollt ihr leben. — Ich aber, ich will ja nicht mehr leben. — Aber denkt an unseren todten Vater, dem sie den Stein überm Grab zerschmettert haben. Eh' ihr es sähet, Hab' ich's ja gewusst. — Seht ihr, meine Brüder — in meinen Nöthen rufe ich zu Gott — wenn wir schon nicht leben dürfen — Herr meiner Väter — so sollen sie uns doch ruhig sterben lassen!" Itl. Alle. Zum alten Rabbi kommt der liebste seiner Schüler. Ec hat die Bibel in der Hand, und auf seiner Stirn lagert wie eine sinstere Wolke, die Sorge des Zweiflers. „Rabbi", beginnt er, „schaut doch her! Ich Hab' es oft gelesen und behielt blos die Worte. Jetzt aber las ich's Mieder — und mich hat der Sinn erschreckt." Der Rabbi that einen Blick in das Buch der Bücher. Er kannte jeden Punkt in diesem Buche und nichts war ihnr nen darin. „Nun, was ist's?" stagte er milde den Jünger, hat Dir Amalck heute gcthan?" „Hört doch, Rabbi, das Wort der Schrift! Es hat mich die Nacht nicht schienen lassen. „Gedenke, was Dir Amalek that, auf dem Wege, da Jhr auszoget aus Aegypten. Wie er Dich an griff auf dem Marsche und niedermetzelte, die hinter dem Zuge schwankten. Du aber w a r st in ü d e u ir d matt... D u s o l l st e s n i ch t v e r g e s s c n! — Sagt mir, Rabbi, wie kann das jener Gott geboten haben, der da spricht: „Du so l lst Dich nicht rächen, und Du s ollst den Groll nicht n a ch t r a g e n, der Gott, der dem Thier des Feindes uns helfen heißt, wenn wir's verirrt auf dem Wege treffen? Und jetzt befiehlt er, den Feind zu vertilgen und sein Andenken zu vernichten, unlcr dem Himmel? Wie eint sich das? Wie versteh' ich das? Mit Schmerzen such' ich nach der Deutung." Der Rabbi aber lächelt und spricht: „Mein Sohn, wir suchen nie vergebens. Du kannst es im Midrasch lesen. Aus dreien Gründen kann Krieg entstehen. Weil man dem Nachbar seine Grenze neidet — weil man für übermüthigen Schimpf sich rächen will — und weil man fürchtet, dass der Andere uns mit seiner Uebermacht erdrückt. — Neid führt zum Raube, der verletzte Stolz verlangt nach Blut, und jedermann schlägt lieber selber los, als dass er Hiebe duldet. — 3o spricht der Deuter. — Und nun sage mir, mein Sohn, was wollt' Amalek. Den Sand, auf den das Volk die Füße setzte, könnt' es noch kaum sein Eigen nennen. Und wird wohl der den Mächtigeren beschimpfen, der selber erst die Schmach des Sclavenjochs von seiner Schulter schüttelt? Und Furcht war's auch nicht, die Amalek trieb, die anzugreifen, die auf dem Wege fielen. — Was wollt er?" — Morden! — Nichts als morden! — Und deshalb zweimal das Gebot: Du sollst es nicht vergessen!" „Verzeiht, Rabbi, ich möcht' es anders verstehen. Du sollst Deinem Feinde vergeben. Gut! Deinem Feinde. Was aber jemand Deinem Volke gethan, was er den Kranken und Schwachen gethan, was er denen gethan hat, die auf dem Wege fielen — das sollst Du nicht vergessen! — So will's Gott." Der Jünger empsieng das Lob aus dem Munde des Meisters und gieng.- Und nicht lange währte es, da kam er wieder. „Nein, Rabbi. ' Ich habe Gott gelästert. Gott gebietet nie die Rache. Wir aber haben Ohren und hören nicht. Thoren sind wir und haben sein Wort nicht verstanden. „Du sollst es nicht vergessen" — das hat Gott nicht gesagt. — Seht doch das Wort der Bibel an. „Du wirst es nicht vergeben", heißt es von Amalek. Man wird Dich nicht vergeben lassen!" Die Goidschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (14. Fortsetzung.) VI. Ueber alles Erwarten rasch fand sich für das junge Paar ein pasiendes Heim. Dr. David hatte nämlich darauf bestanden, dass Karl-Raphael seine bisherige Stellung als Buchhalter kündige und sich auf eigene Füße stelle. Mit umsichtiger Klugheit hatte er erkannt, dass Lisi von nun an die leitende, bevormundende Rolle statt seiner in des frommen Vetters Leben übernehmen würde. Wie ab«r konnte sie dieser Aufgabe gewachsen sein, wenn sich das ganze geschäftliche Gebaren des Gatten ihren Augen entzog. Nun traf es sich, dass das Hirsch'sche Paramentengeschäft in der Mariahilferstraße eben zum Verkaufe stand. Kurz entschlossen erstand es der Journalist für den Vetter. Es war in ,Was der That ein seltener Gelegenheitskauf. Denn abgesehen davon, dass schon die Art der Ware dem frommen Sinne Karl-Raphaels Zusagen musste, genoss die Firma einen ausgezeichneten Ruf und verfügte über einen nicht nur in politischer Gesinnung sondern auch in geschäftlichen Verbindungen conservativen Kundenkreis. Das Goldschild'sche Ehepaar hatte also nichts anderes zu thun, als in die im zweiten Stockwerke des Hauses gelegene Wohnung des früheren Besitzers zu ziehen und seinen Platz hinter dem Ladentische einzunehmen. Da man aber ein klebriges thun wollte, gab man der Einrichtung einen frischen, l'chten Anstrich. Auch ein großes neues Schild wurde über die Thüre gehängt. In goldenen Buchstaben stand darauf zu lesen: „Werzel's Nachfolger Karl- Raphael Goldschild." So konnte bereits für die erste Decemberwoche der Hochzeitstag festgesetzt werden. Die Trauung fand in der alten, ehrwürdigen Pfarrkirche in Perchtoldsdorf statt. Nach Tisch fuhr man dann in einem großen Omnibus gemeinsam nach Schönbrunn, wo dem zoologischen Garten der traditionelle Besuch abgestattet wurde. Gegen Abend wurde das junge Paar seinem Schicksale überlasten. Vater, Mutter und Sohn Holzer fuhren nach Perchtoldsdorf zurück, während Dr. David sich beeilte, die Redaction des „Freien Blattes" zu erreichen. Bis spät in die Nacht hinein saß er dort an seinem Schreibtisch. Er hatte keinem seiner Collegen — nicht einmal dem Ur-Germanen — das Ereignis in seiner Familie mitgetheilt. Wozu auch! Er hätte nur Spott von ihnen geerntet. Wie groß war daher sein Erstaunen als Kuno Müller, vom Redacteur der Tagesneuigkeiten gefolgt, die letzte Nummer eines Concurrenzblattes wie eine Siegestrophäe schwingend, ein-

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