Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 32 (12.8.1898)
- Article
- Leben
- Date
- 1898-08-12
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 jpk«wr Nr. 32 zu thun. Ich Hab' mich ja selber gefragt, warum. Ich weiß es nicht.. Aber ich musste." „Aber, lieber Berger, — ich will ja nichts sagen — nur gerade bei Ihnen hätte ich das nicht für möglich gehalten. Nein — ich — denken Sie doch: Rudolf Berger, cand. jur. — und „unglückliche Liebe"!" „Seh'n Sie, Doctor, ich nehme Ihnen nicht einmal Ihren Spott übel. Aber es ist halt so nach und nach gekommen. Ich habe das Mädchen anfangs kaum beachtet. Humanitätsball — Concordiaball — da gehen sie ja zwölf auf's Dutzend. Dann Hab' ich einmal eine kleine Ungeschicklichkeit gegen sie begangen und musste einen Besuch machen, mich zu entschuldigen. Na — und — im Hauskleid ist man eben doch eine Individualität. Und was für eine! Nein, nein, fürchten Sie nichts, ich will nicht lyrisch werden. Ich constatiere thatsächlich, dass ich ihr nie den Hof gemacht habe. Aber — ich kam öfter hin — und nach ein paar Monaten wusste ich, dass wir zusammengehörten — ich glaube, sie wusste es auch. Es war wunderschön — lachen Sie mich meinetwegen aus — es war — so — so einzig war es — so in Ordnung war alles — so ruhig — so ohne Wunsch nach was Anderem — kurz, man kann's eben nicht sagen — es gibt kein Wort, das stimmt —" »Oho, ein Wort gibt es schon! Verliebt einfach. Nun — und kamen zum Schluss die Eltern dahinter — oder — Aber Sie hören ja nicht, Berger!" „Wie? Ach so! Entschuldigen Sie, ich habe an alte Zeiten gedacht. — Die Eltern? Aber was fällt Ihnen ein? Das wäre ja ein ganz dummer Roman! Und dann gab's ja auch gar nichts, worauf die Eltern hätten kommen können. So ernsthaft alles und so unschuldig! An's Heiraten Hab' ich gedacht. Sie haben da vorhin von Heine gesprochen. Nun, wenn es eine Gotteslästerung ist, beim Gedanken an Heine von ein paar Versen zu sprechen, die ich selber damals machte — wenn es eine Gotteslästerung ist — so sagen Sie's halt niemand! Ich kann mich ohnedies blos an den Schluss erinnern — aber in den ersten vier Zeilen stand ungefähr, dass sie mich einmal fragte, wie gern ich sie Hab' — und die zweite Strophe hieß: „Ich liebe Dich, wie ich mein Leben lieb'", Hab' ich Dir im Scherz zur Antwort gegeben. Doch fragst Du mich ernsthaft, so sag ich Dir: »Ich liebe Dich mehr als mein Leben!" — Das mag schlecht gedichtet sein — aber wahr ist's eben gewesen." „Nun — und?" „Ja so — das Ende! Es ist wirklich eine zu — „dumm" ist gar nicht das richtige Wort — eine zu blöde Geschichte. Also — hm — Sie — Sie wissen ja — dass ich ein Jude bin. — Ja — ja — Sie haben mir das ja schon verziehen — und — das ist eben das Wahnsinnige an der Sache — das Mädel hätte es mir auch verziehen — die Leute sind ganz vorurtheilslos — sie hätte mir's gewiss verziehen — wenn sie's gewusst hätte. Aber seh'n Sie, Doctor — auf meinem Krankenlager Hab' ich's im Kopf gewälzt — nicht nur, dass nur nicht sagen dürfen, dass wir Juden sind — schon das kann einen ja aufregen zum Berrücktwerden — auch nicht verschweigen dürfen wir's. Ein gemeiner Verbrecher darf schweigen, wenn man ihn ausholen will — und wir müssen reden, selbst wenn kein Mensch uns fragt- Aber das war ja mein Fehler, Dass ich nichts sagte. Dass ich's kurz mach'! Einem jungen Herrn stach das Mädel in die Augen. Und da er anders nichts ausrichten konnte, kam er auf ein raffiniertes Mittel gegen mich. Auf einem Ball unterhält sich während einer Tanzpause eine größere Gesellschaft im Wandelgang. Martha an meinem Arm in der Mitte, und der Kerl immer ihr zur Rechten. Es wird vom Essen gesprochen, dann vom Fasten — und dass man sich in der Fastenzeit Fisch statt Fleisch ganz gut gefallen lassen könne. Da sagt er auf einmal: „Aber die Juden dürfen an Fasttagen überhaupt nichts essen, nicht wahr, Herr Berger? Sie müssens doch wissen?" — Er lächelt. Die jungen Leute um uns, Herren und Damen, lächeln ebenfalls, und Martha wird brennroth vor Verlegenheit. Das Gespräch will nicht wieder vom Fleck, und Martha bittet mich, sie zu ihrer Mama zu führen. Wenn ich dann mit ihr sprach, blickte sie immer ängstlich um sich — es könnte uns jemand sehen. Ich könnt' Ihnen schwören, sie hat mich gern gehabt — aber sie hat sich nicht getraut. — Sie hat sich geschämt — sie hat sich vor den Leuten, des Juden geschämt. Das brachte uns langsam, langsam auseinander. Ich kam nicht wieder ins Haus, und als ich ihr einmal auf der Straße begegnete, und sie sich abwandte — da gieng ich hin und that es. Ich werde es nicht wieder thun. Den Tod werde ich nicht noch einmal suchen — aber leben? — Leben werde ich auch nicht mehr. Oder — kann man vielleicht auch als Jude leben?" II. Viele. Drei alte Leute kehrten von dem Friedhof in Kletschew nach der Stadt zurück. Sie hatten draußen am Grabe ihres Vaters gebetet und hatten sich dabei der äüeren Brüder erinnert, die noch vor ein paar Jahren am Todestag der Eltern regelmäßig mtt chnen in der Geburtsstadt zusammengekommen waren. Dort weiitte man und fastete und betete und erzählte einander von dem vielen Bösen und dem wenig Guten, das man wieder erleben musste, seitdem man sich zum letztenmal gesehen hatte. Vor vier Jahren aber kamen statt der sieben Brüder nur sechs. Der älteste war gestorben. Und im folgenden Jahre starb der zweite, und der nächste ließ nicht lange aus sich warten. So hatten sie sich fast daran gewöhnt, dass sie in derselben Ordnung, in der sie das Licht der Welt erblickt hatten, diese Erde wieder verlassen müssten Heuer aber schien es. als ob die Reihe unterbrochen werden sollte. Der jetzt unter ihnen der Zweitälteste war, lag drinnen im Orte krank darnieder und wand sich in Schmerzen. Und die alten Leute, denen ihr Glaube ein Kleinod war und Gottes Gebote eine zärtliche Liebe, hatten jetzt die schmerzhafte Freude, zwei Vorschriften ihrer Religion gleichzettig befolgen zu können, die zu erfüllen, einen Lohn erwirkt, hüben und drüben: Todte zu ehren und Kranke zu pflegen. Der Kranke hatte allein sein Lebenlang den Wohnsitz der Eltern nicht verlassen müssen und war zurückgeblieben als Hüter ihrer Gräber. Er hatte keine Kinder und so hegte er mit seiner ganzen Seele die Erinnerung an seine Todten. Er liebte die Vergangenheit, weil seine Seele an keiner Zukunft hieng. Eine Bubenhand hatte den Stein über des Vaters Grab zerschmettert. Das dursten sie dem siechen Bruder nicht sagen. Doch ihr Schmerz ließ sie lange von nichts anderem sprechen, als sie an seinem Lager saßen. „Du Aron", sagte da der Kranke, „ich kann meine Erde von Erez Israel nicht finden. Worauf soll mein Kopf liegen, wenn ich sterbe? Du musst mir Deine schicken. Ich werd' sie doch bald brauchen." „Du^ Was fällt Dir ein, Jankel?" erwiderte ruhig der älteste. „Ich werde der nächste sein. Du bist ja der jüngere." Da keine Antwort kam, spann er den Gedanken an die Erde aus dem Lande der Väter fort. Er hatte als Pächter in einem Dorfe ein paar Felder bebaut und sein Wohlstand blühte. Doch als er die Aecker dann kaufen konnte und ein Haus darauf erbaute, da schlugen ihm die Bauern die Fenster ein. Er musste das Haus und die Felder verkaufen und büßte dabei sein Vermögen ein. Der Fremde durfte nicht ansässig werden. — Und wie er daran dachte, sagte er ttaurig: „Ja, wer doch leben könnte — im eigenen Land — und inmitten seines Volkes!" »Inmitten seines Volkes? Du hast große Wünsche. Meine Frau und meine Kinder warten auf mich von Sabbath zu Sabbath — und ich muss mich Herumtreiben in den Dörfern