Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 32 (12.8.1898)
- Article
- Der zweite Baseler Congreß
- Date
- 1898-08-12
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315775-3361930--07464-3362030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 IfcSflw: Nr. 32 Rumänien. Moinesti: Dr. Theodor H erzl, Dr. Karl Lippe, Dr. O. Kokesch. B r a i l a: Samuel P i n e l e s, I. H. E l l m a n n, Oskar Marmoreck, Jlia Grünberg, Paul N a s ch a u e r, Prof. Cesare Lombrvso. Gala tz: Michael D elyn es, Bildhauer Friedrich Beer, Rechtsanwalt Dr. Schauer, Samuel Pineles, M. H. Schein, Leonidas G o l d st e i n, M. Weißmann. Pitesti: Sam. Pineles, Dr. Siegmund Werner. Jassy: Heinrich B i r k e n st e i n (Frkst.), Dr. Alex. Marmoreck (Paris), Dr. Karl Lippe, I. Hirschensohn. B aslui: Dr. TheodorH erzl, Dr. Alex. Marmor eck, I. H. Ellmann, L. Klepper. Negresci: Berel Soref. Ferner wurden gewählt in Oesterreich-Ungarn: Dr. Theodor H e r z l, Dr. S. Schur, Dr. B. F e r n h o f, Dr. D. N e u m a r k (an mehreren Orten Galiziens), M. Lederer, Dr. Alexander Marmor eck, Robert Schey, Dr. Schauer, Dr. M. Ebner, Dr. M e n c z e l, S. Melzer, Löbel Taubes, Dr. A. Salz, Dr. Leopold Zaloszer, Dr. Jakob K o h n, Dr. Leopold Kahn, Bernard Lazar e, Dr. H. S. Loebl, Dr. N. Birnbaum, M. Melzer, Dr. H. Gabel, Dr. I. Landau, Jacques B a - har, S. Rub in stein. In Wien wurden außer den bereits genannten Delegierten gewählt; Max Bernhardt (6. Bezirk)- Fabrik. H. König (7. Bezirk), E. Torczyner (8. Bezirk), Dr. Max Ros enthal (10. und 11. Bezirk), Dork-Steiner (Maria-Enzersdorf und 4. Bezirk.) Außerdem wurden gewählt: Ingenieur Lazarus, Wertheimer, Max Cohn, Leo van T) u n g, Walter N a g e l st o ck, Ignaz Brüll, Craus, E. G. Segall, Klappert, Hirschensohn, Frl. R. R o s e n t h a l, Max Schlechter, Max Jacobsohn. Die Preise der Fahrt von Wien über Innsbruck und Zürich nach Basel und retour sind : I. Cl. fl. 78.50, II. Cl. fl. 53.45, HI. Cl. fl. 24.50. Giltigkeitsdauer der Fahrkarten 45 Tage. Die Fahrkarten III. Cl. sind nur für Personenzüge giltig. Bon Russland fährt man, wie uns ein russischer Gesinnungsgenosse mittheilt, am billigsten von der Grenzstation Alexandrowo aus auf folgende Weise: In A l e x a n d r o w o löst man ein einfaches Billet nach T h o r n, in Thorn eine sogenannte „Anschlussrückfa hrrarte mitGutschein" nach Berlin und zurück, in Berlin eine „S ommerkart e* nach Basel. Die ganze Reise Alexandrowo-Basel und zurück kostet auf diese Weise II. Clasie 128 Mark HI. Clasie 87 Mark. Giltigkeitsdauer der Fahrkarten 45 Tage und Freigepäck 25 Kilogramm. ♦' Die Woche. Wien, 10. August 1898. Der galizische Bauer hat sich bekanntlich zur Zeit der Judenunruhen das Missfallen des gesammten judenfeindlichen Publicums zugezogen. Man nahm es den Excedenten übel, dass sie sich hinreißen ließen, Hab und Gut der Juden zu vernichten und diese selbst an Leib und Leben zu schonen. Man machte den Plünderern den Borwurf der Einseitigkeit, ja hie und da wurde sogar der Verdacht ausgesprochen, der galizische Bauer wäre in seinem Umgang mit Juden nicht ganz frei von menschlichen Empfindungen. Dem also Verdächtigten ist es nun gelungen, alle Zweifel, die gegen seine Verthiertheit laut wurden, erfolgreich zu zerstreuen. Im Dorfe Przychody bei Przemyslany überfielen galizische Bestien, die sich von ihren vierbeinigen Berufsgenosien in der Mordarbeit nur durch den Gebrauch praktischer Instrumente unterscheiden, zur Nachtzeit den jüdischen Schankwirt und metzelten chn sammt seinen Angehörigen nieder. Die Zeitungen melden die Blutthat in lakonischen Telegrammen, vier bis sechs Zeilen, und dann ist nicht mehr davon die Rede. Fünf jüdische Leichen schwimmen ein Weilchen — von der Herausgabe des Abendblattes bis zur .Herausgabe des Morgenblattes — aus der Oberfläche des Oceans, der schon Ungezählte ihres Volkes verschlungen, dann flicken fie still und unbemerkt unter, und es ist wieder Friede über den Gewässern, als hätte sich nichts ereignet. Es hat sich auch nichts ereignet. Das Alltägliche ist kein „Ereignis". Ein Ereignis ist es, wenn einige Wochen verfließen, ohne dass irgendwo Juden ausgeraubt oder erschlagen werden. Darum melden die Blätter Judenermordungen mit einer gewisien mürrischen Berdrosienheit. Schon wieder ein paar erschlagene Juden! Jeden Moment sind sie da! Ach Gott, es ist eine furchtbar lästige und zudringliche Gesellschaft, diese erschlagenen Juden! In Ungarn trifft man wieder Vorkehrungen, um die Einwanderung galizischer Juden zu verhindern. Wenn das Hungergefühl einen galizischen Juden aufs ungarische Gebiet treibt, so jagt ihn die Gendarmerie wieder zurück. Bor ihm die Gendarmerie, hinter ihm der famose heimatliche Herd, aus dem sich das Elend breit und behaglich niedergelasien hat, — zwischen diesen beiden Marksteinen kann der galizische Jude ruhig auf- und abschreiten und auf eine Besierung seiner Lage sinnen. . Der Gendarineriecordon, der die ungarische Grenze gegen die Einfälle semitischer Nomadenschwärme vertheidigt, ist eigentlich ein Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Denn diese jüdischen Jammergestalten schleppen den „Antisemitismus" wie einen treuen Schatten mit sich herum. Sie haben das entgegengesetzte Verlangen wie Peter Schlemihl. Sie wandern von Ort zu Ort, um dem Antisemitismus zu entrinnen, aber er lässt nicht von ihnen. Auch in den Straßen der ungarischen Städte würden sie den unangenehmen Schatten werfen, und er wäre umso schärfer contouriert, je mehr Glanz und Licht auf dem Pflaster läge. Die Magyaren wisien das und treiben Satan durch Beelzebub aus; durch die antisemitische Maßregel der Judensperre bewahren sie ihre Seele vor Antisemitismus. Der Anblick des Elends weckt gewöhnlich Mitleid; aber jüdisches Elend weckt gewöhnlich Hohn und Widerwillen — oder mit einem euphemistischen Fremdwort: Antisemitismus. Warum höhnen die Völker? Sie sehen die Nachkommen eines großen Volkes in Schmutz und Erniedrigung dahinziehen, die Urenkel der biblischen Könige und Propheten handeln mit Zahnbürsten und Hemdknöpfen, die Caricatur einer glanzvollen Vergangenheit geht da auf der Erde herum, und es lacht der Pöbel, wie er jeder gefallenen Größe lacht, wie er hinter dem entthronten König herläuft und Spottlieder singt. Es gibt ja kein Volk, dessen Ahnengeschichte so populär ist, wie die der Juden. Vormittags liest irgend ein fronnner Nichtjude in der Bibel von David, dem König über Israel, und nachmittags sieht er einen heruntergekommenen Hausierer, in dessen Adern vielleicht das Blut des königlichen Sängers rinnt. Der erste antisemitische Witz ist sicher von so einem Bibelleser gemacht worden. Und weil das jüdische Elend eine stumme Anklage gegen die Völker ist, die den Juden in den Staub gestoßen haben, darum empfinden die Völker einen Widerwillen gegen das jüdische Elend. Es ist der Widerwille des Schuldtragendeil