Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 32 (12.8.1898)
- Article
- Unsere nationale Wissenschaft
- Date
- 1898-08-12
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Sette 4 Skr. 32 Zunz, Lu zzatto, Grätz, Geiger und vielen anderen Bekenner. Die jüdische Wiffenschast löste durchaus nicht das bedeutenden Gelehrten aus die Höhe der zeitgenössischen historischkritischen Forschung gehoben zu werden. Zwei Hauptrichtungen lassen sich von Anfang an unterscheiden: eine, die das Judenthum aus seiner Literatur heraus verstehen und erklären will und die andere, die die Geschichte des jüdischen Volkes zum Lehrmeister sür die Gegenwart machen will. Als noch niemand einen klaren Begriff von unserer Literatur und Geschichte hatte, haben zwei Pfadfinder jene Richtungen mit sicherer Hand bestimmt: Die Größe von Zunz und Grätz wird erst klar, wenn man bedenkt, dass sie schon in jungen Jahren verständnisvoll sich ihre Ziele gesteckt und die Mittel erkannt haben, durch die das jüdische Volk sich und seinem Glauben treu erhalten werden könnte. Beide haben am Ausgangspunkt ihrer Thätigkeit sich den Plan und die Linien für ihr künftigs Lebenswerk mit Seherblick vorgezeichnet. Als Zunz 1818 mit seiner ersten Schrift*) vor die Oeffentlichkeit trat, hatte er schon divinatorisch die ganze jüdische Literaturgeschichte erfasst und in wenigen Jahrzehnten war dieselbe wirklich unter dem Zauberschlag seines Geistes aus dem Staub der Bibliotheken erstanden. Ebenso hat Grätz seinem großen Geschichtswerke eine kleine, aber hochbedeutsame Arbeit vorangehen lassen,**) in der er die äußere Geschichte, wie die innere Entwicklung des Judenthums von ihren Anfängen bis auf die Gegenwart in ihren Angelpunkten seststellte. Wenn man den Juden ihre Literatur und Geschichte wiedergab, so hatte man den Anknüpfungs- und Bermittlungspunkt sür alle Parteien.Die orthodoxen Juden ebenso wie die fortschrittlichen mussten sich dann angezogen fühlen, das ganze jüdische Volk hatte ja daran gleichen Antheil. das allen gemeinsame nationale Moment führte die sich bekämpfenden religiösen Richtungen zusammen, ähnlich wie heute der Zionismus die Vertreter der verschiedensten Anschauungen unter sein Banner vereinigt. Die junge Wiffenschast wollte „die verschiedenen Seiten des Judenthums in ihrer Fülle und Reichhaltigkeit zum Bewusstsein bringen", sie sollte „die geschichtliche Erkenntnis des Judenthums" werden. Den assimilationssüchtigen Juden tönte aus der Geschichte der flammende Protest des - jüdischen Bolksgeistes entgegegen: wollt Ihr wirklich all das aufgeben, was Euch seit dem Untergang Eures Staates verbunden hat, ist Euer Ohr taub für den Klang der heiligen Sprache, Euer Sinn verschlossen für den Geist Eures Schristthums? Ist die Erinnerung an Eure Leiden, deren Stempel Ihr noch im Gesichte tragt, schon verwischt? Haben etwa die Juden, die unter den Griechen, Römern und Arabern sich niedergelassen hatten, den Zusammenhang mit ihren Glaubens¬ und Stammesbrüdern verloren? Wollt Ihr wirklich glauben, dass Euch mit den Juden der anderen Länder kein innigeres Band zusammenhält, als die Katholiken und Protestanten der verschiedenen Länder? Habt Ihr nicht etwa an Körper und Geist das Gepräge Eures Stammes mit allen seinen Vorzügen und Fehlern bewahrt? „Jene große organische Schöpfung der jüdischen Literatur, die drei Jahrtausende hindurch mit innerer Nothwendigkeit aus dem nationalen Wesen des Judenthums hervorgewachsen ist"**"), die hier zum erstenmale vor den Augen der überraschten Welt entrollt wurde, lehrte das Judenthum von einem höheren Standpunkte aus betrachten, stellte es als eine große Einheit dar trotz der einander oft widersprechenden Anschauungen seiner *) Etwas über die rabbinische Literatur. Berlin 1818. **) Die Construction der jüdischen Geschichte, eine Skizze. (Frankel's Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums lfc40.) Die heute ganz unzugänglich gewordene und fast ungekannte Schrift verdiente Durch einen. Neuabdruck verbreitet zu werden und könnte in weitere Kreise getragen sehr auftlärend wirken. ***) Hess, Rom und Jerusalem 1862. Judenthum von seiner Religion los, wollte jedoch in der Religion nur seine Haupterscheinungsform betrachtet wissen, durch die allein es noch nicht erschöpfend definiert sei. Tie jüdische Literatur des Mittelalters erschien hier in ihrer Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit, als ein nationales Schriftthum, in dem die Poesie und oie Profanwiffenschaft neben der religiösen Weisheit einen ebenbürtigen Platz einnimmt. Alles, was in hebräischer Sprache und auch in anderen Sprachen von Juden geschrieben wurde, gehört in den Rahmen unserer Nationalliteratur. Die jüdische Wissenschaft unseres Jahrhunderts erfüllt zwei Bedingungen, um national genannt zu werden: ihr Gegenstand ist das jüdische Volk, und ihre Vertreter gehören ausschließlich unserem Stamme an. Kein christlicher Gelehrter hat bisher eine bedeutende und selbständige Leistung auf unserem Gebiete vorgelegt. Und doch fehlt ihr noch Eines zu einer wahrhaft nationalen Wissenschaft: sie muss sich ans ganze jüdische Volk wenden. Sie kann nicht früher Gemeingut unserer Nation werden, bis sie in einer allen verständlichen Sprache vorliegt, d. h. bis sie aus den verschiedenen europäischen Sprachen ins- Hebräische übertragen ist. Freilich muss vorher auch jeder Jude hebräisch verstehen, und vorläufig sind wir leider noch weit von diesem Ideale entfernt. Wir sind erst dann im vollen Sinne des Wo "tes wieder ein Volk, wenn wir alle uns in unserer nationalen Sprache verständigen können. Die erste Aufgabe ist also, die Kenntnis dieser Sprache in immer weitere Kreise zu tragen und sie gleichzeitig zu einer modernen Cultursprache zu erheben. Wie ist das zu bewerkstelligen? Etwa durch Errichtung einer Universität in Palästina? Dazu ist der Zeitpunkt noch nicht gekommen. Aber eine hebräische Akademie kann schon gegründet werden, deren vornehmlichste Aufgabe es wäre, die hebräische Sprache zu fixieren, ein großes hebräisches Wörterbuch herauszugeben. Bis jetzt herrscht noch eine ungeheure Willkür, um nicht zu sagen Verwilderung, in der hebräischen Literatur, jeder bildet neue Formen und neue Ausdrücke für moderne Begriffe, ein Schriftsteller versteht oft nicht das Hebräisch des anderen. Dem muss vor allem abgeholfen werden. Unter thunlicher Wahrung des althebräischen Sprachgutes, das, bereichert mit dem im Rabbinischen erhaltenen hebräischen Sprachschatz, schon einen mächtigen Grundstock bildet, sind vielleicht nach Analogie des Neuarabischen — der dem Hebräischen am nächsten verwandten lebenden Schwestersprache — alle dem Hebräischen fremden Worte und Begriffe durch die Akademie festzustellen. Ein solches Riesenwerk kann natürlich nur aus einer Reihe einzelner Monographien hervorgehen. Die hebräischen Uebersetzer des Mittelalters haben uns hier schon vielfach vorgearbeitet. Nachdruck der „Welt". Seit dem Erscheinen der „Welt" hat unser Blatt den erfreulichsten Erfolg zu verzeichnen: jede Zeile wird von zahllosen Blättern nachgedruckt. Wir sind damit ganz einverstanden, da es sich uns vor allem um die Verbreitung unserer Ideen handelt. Nur bedauern wir, dass nicht alle unserer Collegen sich genau an die Schicklichkeitsregel halten, den Ursprung der von ihnen so emsig nachgedruckten Artikel und Notizen anzugeben. Es erscheinen an verschiedenen Orten Blätter, welche die „Welt" einfach von Anfang bis zu Ende Nachdrucken, ohne jede Quellenangabe. Das ist nicht zulässig. Wir hoffen, dass diese kurze Bemerkung genügen wird, um die Herren an ihre Pflicht der Nennung des ausgezogenen Blattes zu mahnen. Mögen sie es uns ersparen, diejenigen zu nennen, welche sich dergleichen zu Schulden kommen ließen. Wir wollen annehmen, dass es bisher ein Versehen war. 'Die Redaetion.