Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 32 (12.8.1898)
- Article
- Unsere nationale Wissenschaft
- Date
- 1898-08-12
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr 32 Seite 3 Zeit besser getrotzt als das Christenthum, das in zahlreiche Secten gespalten und innerlich ganz zersetzt nur mehr dem Namen nach eine Einheit ist. Von einer Sectenbildung, die immer den beginnenden Medergang und Zerfall einer Religion anzeigt, blieb das Judenthum glücklicherweise verschont, selbst die Karäer, die einige Jahrhunderte hindurch eine gefahrdrohende Spaltung in unserer Mitte heraufzubeschwören schienen, vermochten nicht auf die Dauer die Einheit der jüdischen Religion zu trüben. Ein weiterer fundamentaler Gegensatz, der von christlicher Seite schon oft zu unseren llngunsten gedeutet wurde, liegt in der Abneigung des Judenthums gegen jede Profelytenmacherei, die jüdische Natton konnte und wollte sich eben nur aus sich selbst heraus verjüngern und durfte nicht ihre Reihen durch Zuzug von außen stärken. Diese Abschließung verhindette jedoch die Juden durchaus nicht, sich mit der Wissenschaft der Völker, unter denen sie lebten, verttaut zu machen. Eine alle, weise Mahnung, die gleichsam das ganze Culturprogramm des Judenthums enthält, lautet: „Wenn Dir jemand sagt, es gebe Thora bei den Völkern, so glaube es nicht. Sagt Dir dagegen jemand, es gebe C h o ch m a bei den Völkern, so glaube es." So oft das Judenthum mit einer überlegenen Cultur zusammenttaf, wusste es mit gesundem Jnstincte alles von sich fernzuhalten, was seinem Geiste zuwiderlief. Mit desto größeren! Eifer suchte es alle wertvollen Elemente der neuen Cultur in sich aufzuuehmen und wusste sie schnell und geschickt zu verarbeiten, so dass sie zur Wahrung, Befestigung und Vertiefung des eigenen geistigen Gutes der Nation beitrugen. Als die Juden in Alexandrien mit der griechischen Philosophie verttaut wurden, schöpften sie daraus neue Ideen zur Belebung und Beftuchtung der jüdischen Lchre. Philo hat den Jdeenkreis des Judenthums unendlich erweitett, indem er es mit den Systemen der großen griechischen Denker zu vereinigen und zu versöhnen suchte. Auf der anderen Sette erkannten die Juden Epikurs Lehre als schädlich und verwerflich und stigmattsierten sie förmlich, indem sie jeden Gottesläugner mit dem Namen Dmp'SK belegten. Ueberhaupt hat die Vorliebe für griechische Denkart und die Bewunderung für die Schönheit der griechischen Sprache unseren Vorfahren durchaus nicht den Blick getrübt und sie nie über die innere Hohlheit des absterbenden Griechenthums hinweggetäuscht. Die geistigen und geistlichen Führer arbeiteten durchaus nicht auf ein Aufgehen im ftemden Volksthum hin; hätte man Philo geftagt, welcher Nation er angehöre, er hätte sich sicher als Jude und nicht als Grieche bezeichnet. Und doch war dieser Jude in viel höherem Grade vom griechischen Geiste durchdrungen, als die meisten heutigen Protesttabbiner vom deutschen Geiste; wir können ruhig behaupten, dass nicht nur mehr Geist, sondern auch mehr deutscher Geist auf der Sette unserer Führer zu suchen ist, und dass unsere Gegner nicht nur keine großen Schriftsteller, sondern manchmal sogar recht schwache Sttlisten sind. Auch im Mittelatter, als die christlichen Staaten in Rohheit und Barbarei versunken waren, und die Wissenschaft nur in Spanien am Hofe erleuchteter Chalifen eine Pflegestätte fand, ttanken die Juden durstig aus den Quellen arabischer Weisheit uud wurden bald selber aus Schülern Meister. Sie übersetzten die bedeutenden Werke der maurischen Gelehrten ins Hebräische *) und schufen so eine wisienschastliche Ltteratur, wie sie keine der großen europäischen Nationen aufzuweisen hatte. Die jüdischen Uebersetzer spielen eine große Rolle in der Culturgeschichte, denn durch ihre Vermittlung wurden den abendländischen Völkern ganze Wissensgebiete erschloffen; so verdankt die lateinische Ueberfetzung des Aristoteles, die in der Scholastik eine so große Rolle spielle, jüdischer Mithilfe ihre Entstehung. Doch nicht bloß recepttv und reproductiv, sondern auch selbstthättg schöpferisch bekundete sich der jüdische Geist. Theils in *) Vgl. das monumentale Werk von Steinschneider „Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters". (Preisschrist der französischen Akademie.) arabischer, theils in hebräischer Sprache arbeiteten die Juden an dem Ausbau aller Wissenschaften, die unter der milden Sonne des Islam blühten. Wir begegnen unter ihnen schon früh berühmten Aerzten, Mathematikern, Astronomen und Naturforschern, deren Namen weit über die Grenzen Spaniens drang. Mit besonderem Eifer wurden daneben jene Wisienszweige gepflegt, die dem Judenthum und seinem religiös-nationalen Erbe unmittelbar zugute kamen. Zunächst wurde die arabische Sprachwissenschaft aufs Hebräische angewandt, die Grammatik und das Wötterbuch wurden systematisch behandelt, und — was das Wichtigste ist — eine gesunde Exegese der heiligen Schrift brach sich allmählich Bahn. Ja ein kühner Bibelkritiker erstand sogar in I b n E s r a, doch musste er selbst fühlen, dass seine Zeit für einen solchen Geistesflug noch nicht reif sei, und hüllte darum seine Untersuchungen in ein halbmystisches Gewand, so dass sie viele Jahrhunderte hindurch unbeachtet und unverstanden blieben, bis Spinoza in seinem Traktat den Schleier lüftete und die bahnbrechenden Entdeckungen ins helle Licht rückte. In dieser Beziehung konnten sich doch auch die Juden nicht vom Geist ihrer Zett emancipieren. Die Wissenschaft wagte es nicht, an der Tradition zu rütteln, die zu tief im Bolksbewusstsein wurzelte. Es galt weniger zu erkennen, als zu beweisen, man wollte den geistigen Besitz wahren, aber nicht mehren. Das Hauptbestreben war darauf gerichtet, die religiösen Urkunden zu erklären, aber nicht sie zu prüfen, den Tradttionsstoff zu sammeln und zu sichten, aber nicht sich kritisch darüber zu erheben. So wollte auch die Religionsphilosophie vor allem nur die Lehren der Religion beweisen, die Berechtigung des Glaubens gegenüber der Philosophie, oder der Philosophie neben dem Glauben darthun, und wenn auch manche großen Geister über dem Versuche, Religion und Wissenschaft zu versöhnen, sich zur wahren Denkfreiheit emporgeschwungen haben, blieb es doch erst unserer Zeit Vorbehalten, das Ideal einer voraussetzungslosen Wissenschaft zu verwirklichen. Es mussten verschiedene Factoren Zusammenwirken, um eine so merkwürdige Erscheinung wie die „jüdische Wissenschaft" unseres Jahrhunderts zu zeitigen. Aufs innigste verwachsen mit den Emancipationsbestrebungen, die schon bald nach Mendelssohns Tode sich geltend machten, namentlich aber nach den deutschen Befteiungskriegen eine greifbare Gestatt annahmen, kann sie nur aus den politischen und religiösen Verhältnissen jener Zeit heraus verstanden werden. Die Juden waren aus ihrer Abgeschlossenhett herausgetteten, sie waren Bürger der verschiedenen europäischen Staaten geworden und hatten die Landessprache angenommen. Es drohte ihnen nun vielmehr das Gefühl der Zusammengehörigkeit verloren zu gehen, das die gemeinsamen Leiden und die damit unzertrennlich verwobene hebräische Literatur durch fast zwei Jahrtausende der Zerstreuung in ihnen erhalten und großgezogen hatten. War doch auch das Judenthum bis in seine innersten Tiefen erschüttett durch den Kampf der starren, unbeugsamen Orthodoxie mit der jungen, immer weiter siegreich vordringenden Reform. Zwei Aufgaben standen also auf dem Programm: erstlich den Juden das historische Bewusstsein zurüüzugeben und so ihr Aufgeyen in den übrigen Völkern zu verhüten; sodann einen neuttalen Boden zu schaffen, auf dem die Vertteter der verschiedenen religiösen Richtungen sich zu einer gegenseitigen Verständigung und Annäherung zusammenfinden könnten. Die glückliche Lösung dieser beiden Aufgaben danken wir vornehmlich der „jüdischen Wissenschaft." Die jüdische Wissenschaft hat den Grund gelegt zu dem, was wir uns gewöhnt haben histo-risches Judenthum zu nennen, d. h. ein Judenthum, das in der Gegenwart wurzelt, aber den Zusammenhang mit der Vergangenheit aufrechterhalten will. Schon in ihrer Entstehung deutet die jüdische Wissenschaft auf diesen Charakter hin. Begründet durch einen Atann wie Rappaport, der noch hebräisch schreibt und der alten Schule angehött, dabei von modernen Ideen erfüllt ist, ragt sie noch in das alte Judenthum hinein, um dann von