Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 31 (5.8.1898)
- Article
- Zur Dreyfus-Affaire
- Date
- 1898-08-05
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 31 Jacobe Seite 2 70/71 denken. Wenn damals in einer Epoche hochgehender nationaler Erregung, Bebel für die Franzosen gegen die Deutschen, für die Commune gegen ganz Europa Partei nahm, hätte er doch fürchten müssen, die Ausbreitung seiner Partei in einem unheilbaren Grade zurückzuwerfen; aber gerade in seiner unerbittlichen Consequenz konnte er sich auf die natürliche organische Entwicklung der socialen Verhältnisse verlassen, welche denn auch am Ende seine Partei zu der stärksten in ganz Deutschland gemacht hat. Aehnlich muss die nothwendige Entwicklung (das Anschwellen des Antisemitismus) den Zionismus immer größer und mächtiger machen, sofern er nur seinem innersten Wesen treu bleibt. Der Sozialdemokratie hat man oft vorgeworfen, dass sie cynischer Weise die grosscapitalistische Entwicklung, welche tausende selbstständige Existenzen ruinire und in ihre Reihen treibe, mit Freuden begrüße; dem Zionismus dürfte vorgeworfen werden, dass er den Juden Leiden wünsche, damit sie seinem Ideale geneigt würden. Beides ist nicht wahr. Weder die eine noch der andere w ü n s ch e n diese Entwicklung, aber sie ist einmal vorhanden, beide Bewegungen müssen mit ihr rechnen. Der Zionismus zeigt schon jetzt von allen politischen Bewegungen den mildesten, vornehmsten, man möchte sagen frömmsten Charakter, und er kann dies gemäß seinem eigensten Wesen, das mit der notwendigen Entwicklung zusammenfällt und ihn in keine Kampfstellung zwingt. Es dürfte schwerlich zu begründen sein, warum er gerade in der Dreyfus-Affaire aus diesem Wesen heraustreten sollte. Bismarck. (1. April 1815—30. Juli 1898). Von S. Josephs. In seinem Essay „On Liberty“ sagt John Stuart Will: „(§& mag bester scheinen, ein John Knox als ein Alkibiades zu sein; aber noch bester als beides ist es, ein Perikles zu sein. Hätten wir einen solchen in unseren Tagen, so würden ihm sicherlich nicht die Vorzüge fehlen, die einem John Knox eigen waren". Deutschland hatte einen solchen. Es war Bismarck. Die große Staatskunst des Perikles hat er mit der unerschütterlichen, rücksichtlosen Consequenz des schottischen Reformators vereinigt. Wenn bei der Beerdigung Knox' Gras Morton die Worte sprach: „Hier liegt der Mann, der nie ein Menschenantlitz fürchtete", so erinnert das unwillkürlich an den wie Schwertschlag klingenden Ausspruch Bismarcks: „Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt". Und der Mann, der das sagte, gebrauchte damit keine Phrase. Ein Herrscher von Gottes Gnaden, ein Prinz aus Genieland sprach anders und handelte anders als andere um ihn und unter ihm. Wie aus einem Guss sei er gewesen, sagt von ihm der gedankenlose Loöredner. Und doch war niemand mehr das Product langer, glücklicher Entwicklung als dieser Mann. Welcher Unterschied zwischen dem Studenten Bismarck, dem preußischen Junker und dem gewaltigen Kanzler! Allerdings eins blieb immer kenntlich in ihm und brach siegreich durch in allen seinen Entwicklungsphasen, seine starke, unbeugsame Individualität. Und gerade das mag nicht wenig dazu beigetragen haben, chm so viele Feinde und aufrichtige Haster zu schaffen. „Tie Ursprünglichkeit, sagt unser Philosoph, bildet nicht einen Theil des Ideals der Mehrheit der Moral- und Gesellschaftsreformer, sondern wird eher eifersüchtig als ein belästigendes und vielleicht auch rebellisches Hindernis desten empfunden, was diese Reformer als das Beste für die Menschheit ansehen".So galt auch Bismarck vielen als Hindernis und neben der trauernden Liebe steht auch der triumphierende Hass an seiner Reiche. Bricht er auch nicht pöbelhaft aus, wie in dem Lager der Drumonts und Rocheforts, so ist er nicht minder tief in Deutschland. Und merkwürdig! Fast gar nicht äußert er sich bei den Juden. Sie haben ja sehr viel Böses von ihm erfahren. Er war ihnen.nicht hold. Zum erstenmale nahm er öffentlich gegen sie Stellung, als am 14. Juni 1847 und an den folgenden Tagen über den Entwurf einer Verordnung verhandelt wurde, welche die Verhältnisse der Juden betraf. Es mögen einige Citate aus seiner damaligen Rede hier Platz finden. Er sagte unter anderem: „Ich bin kein Feind der Juden, und wenn sie meine Feinde sein sollten, so vergebe ich ihnen. Ich liebe sie sogar unter Umständen. Ich gönne ihnen auch alle Rechte, nur nicht das, in einem christlichen Staate ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden ... Deshalb, meine Herren, nehmen wir dem Volke nicht sein Christenthum, indem wir ihm zeigen, dass es für seine Gesetzgeber nicht erforderlich sei.Ich gestehe ein, dass ich voller Vorurtheile stecke. Ich habe sie, wie gesagt, mit der Muttermilch eingesogen, und es will mir nicht gelingen, sie wegzudisputieren; denn wenn ich mir als Repräsentanten der geheiligten Majestät des Königs gegenüber einem Juden denke, dem ich gehorchen soll, so muss ich bekennen, dass ich mich tief niedergedrückt und gebeugt fühlen würde. . . ." Am Schluffe der Verhandlung wurde denn auch thatsächlich die Frage, ob den Juden alle ständischen Rechte wie den Christen zu ertheilen seien mit 220 gegen 219 Stimmen verneint. Selbst ein in der folgenden Sitzung eingebrachres Amendement, das den Juden die gleichen Rechte mit Ausnahme der Wählbarkeit zu Provinziallandtagsabgeordneten einräumte, bekämpfte Bismarck entschieden. Noch bei der Abstimmung über das Referat des Berichterstatters erklärte er: „Es war lediglich meine Absicht zu bestreiten, dass die Emancipation der Juden ein Fortschritt sei; denn sonst würde der Landtag sie gutgeheißen haben." So wussten die Juden vom ersten Augenblick an, was sie von Bismarck zu erwarten hatten. Seit damals war er vielen von ihnen der „mittelalterliche Junker mit den antediluvianischen Ansichten", wie er seinen politischen Gegnern, wie der Abgeordnete von Beckerath einmal erklärte, ein verlorener Sohn Deutschlands war. Die Folge hat bewiesen, wie richtig diese beiden Ansichten waren. Jetzt nennt der officielle Reichsanzeiger Bismarck den größten Sohn Deutschlands, und die Juden haben cinsehen gelernt, dass er zwar ihr Gegner war, aber keineswegs aus antcdiluvianischer Gesinnung her, sondern weil er sie nicht kannte. Er vertrat immer den Standpunkt, dass „ein gewiffer Grad von positivem Christenthum dem gemeinen Manne nbrhig sei"; von diesem Standpunkte aus glaubte er auch jede Verschmelzung mit den Juden ablehnen zu müffen. Das erklärt auch unter anderem seine Stellungnahme gegen die Civilehe in der Sitzung vom 15. November 1849. Diese ablehnende Stellung gegen die Juden hat Bismarck nie aufgegeben. Wohl gab es unter ihnen Männer, mit denen er in freundlichen Beziehungen stand, wohl wusste er auch ihre Fähigkeiten zu schätzen und auch gegebenenfalls auszunützen, aber die Juden werden nie darüber hinwegkommen können, dass er ihrer vollen bürgerlichen Freiheit stets entgegenstand. Er war kein Antisemit im landläufigen Sinne des Wortes. Aus dem Junker war ein großer Staatsmann geworden, der vielleicht seine heftige und offene Stellungnahme von anno 1847 nicht mehr billigte: aber die Juden lvareu ihm nie viel mehr als eine Ziffer in seinen großen Berechnungen, eine Ziffer, die er höchstens etwas höher angab oder schärfer hervorhob, wenn es gerade in seine Politik passte. Für die jüdische Individualität batte er merkwürdigerweise gar kein Verständnis und unzähligemale hat er sie verkannt und gekränkt, auch als er bereits längst über die Leidenschaftlichkeit seiner Jugend hinaus war. Als echter Mann aber wusste er Manneswürde auch beim Juden hoch zu schätzen, und erst vor kurzer Zeit gieng die bekannte Erzählung durch die Blätter, wie er einst achtungsvoll vor dem aus jüdischer Familie stammenden Präsidenten S i m s o n zurückwich, als sich dieser nach einer hochmüthigen Aeußerung Bismarcks auf den uralten Adels seines Judenthums berief. Weniger rücksichtsvoll allerdings verfuhr er mit den jüdischen Parlamentariern, die seine erbittertsten Gegner waren. Gleichwohl darf man sagen, dass ein selbst-