Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 29 (22.7.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-07-22
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 29. Seite 7 diente, hat natürlich Gebrechen, weil es nicht die gewöhnliche bankmäßige war. Der Gang ist etwas schleppender, manche Missverständnisse kommen vor, weil auch einfache Leute eifrig sammeln, die nicht alle Vorschriften des Comites beachten. So senden viele das Anzahlungsgeld an das vorbereitende Comitö statt an die bekanntgemachten Depotstellen. Aber aus all dem Uebereifer geht nur umso deutlicher hervor, wie das Bankproject überall in den Massen gewirkt hat. Es lässt sich heute schon ruhig sagen, dass die Colonialbank, die das jüdische Volk für sich selbst macht, rasch eine populäre Einrichtung sein wird, eine finanzielle Bertrauensperson gerade für die Kleinsten. Es gibt dafür manchen packenden Beweis. So hat das Comitü diese Woche aus Belgrad von einem Zeichner ein Depot von 125 Francs als Anzahlung für 50 Shares bekommen. Der Einsender bemerkt dazu, dass er ein Hausierer sei und diese 125 Francs seien erspartes Geld. — Eine Bank, die auf die provisorische Bekanntmachung von der bevorstehenden Gründung hin solche Zeichnungen hervorruft neben Zeichnungen von 2OO0, 10.000 und 20.000 Shares, kann wohl als ein volksthümliches Unternehmen angesehen werden. Bon einem angesehenen Gesinnungsgenossen in Warschau wird die Anregung gegeben, die Thätigkeit der Bank auch auf das Versicherungswesen auszndehnen, da dieses bedeutende Erträgnisse abwerfe und ein von vorneherein von solcher universeller Popularität getragenes Unternehmen rasch einen großartigen Bersicherungsverkehr erlangen könnte. Der Antragsteller macht auch die Erwägungen geltend, dass durch eine solche Einrichtung tausende von fachlosen Leuten als Jnspectoren, Agenten und Subagenten beschäftigt werden tonnten! — Die Anregung soll hier nur verzeichnet werden. Es muss späteren Entschließungen Vorbehalten bleiben, ob sich die Colonialbank direct oder indirect auch mit dem Versicherungswesen beschäftigen wird. Aus dem Einlaufe dieser Woche ist hervorzuheben eine Zuschrift aus Perm, worin neunzehn Subscribenten sich mit begeisterten Worten anmelden. Aehnliche Aeußerungen wie diese von der Grenze Sibiriens finden sich auch in Briefen aus Südafrika, Amerika, Kleinasien. — In Johannesburg wurden Subscriptions- und Depotstellen von der Transvaal Zionist Association eingerichtet bei den Herren H. Salomon, N. Richardson, S. Goldreich, S. Sacke, S. Lennox-Loewe. Der diese Woche eingelaufene Subscriptionsbericht meldet 2250 Shares. — Aus Baltimore, Bereinigte Staaten, wird angezeigt, dass die diesmonatliche Zionistenconferenz die planmäßige Subscription organisieren werde. — Aus Poltawa 600 Shares. — In Brest 1100, in Pinsk 1400 Shares. — In Moskau diese Woche eine Zeichnung von 200 Shares und viele kleinere. — Aus 17 kleineren Orten in der Umgebung von Kiew 4000 Shares. — Aus Siedlec 152, Grajewo 251, Czestochowa 300, Bleistadt 46, Wistinetz 85, Charkow 1500 Shares. — Aus Pialra 919, Pitesci 200 Shares. — Ferner Anmeldungen aus Krakau, Borisogliebsk (60), Krotoschin, Halberstadt, Köln, Constantinopel, Eupatoria (225) u. s. w. — Aus Cairo schickt der Verein „Bar Kochba" 400 Subscriptionen. Die einzelnen Posten sind von 1 bis 20 Shares. Braila, 17. Juli (Korrespondenz der „Welt"). Bis heute und hier 9e00 Shares der Colonialbank gezeichnet worden. Die 8000 Stück, über die ich Ihnen berichtet habe, setzten sich zum größten Theile aus Zeichnungen über 10 Shares zusammen, so dass nur ein geringer Theil der Bevölkerung als Zeichner figurierte. Von 8000 aufwärts jedoch werden die einzelnen Beträge geringer, die Namen zahlreicher und die Arbeit schwieriger. Für die kleineren Geschäftsleute, Handwerker und Arbeiter ist eine directe Zeichnung beim Bankhause ein schwieriger und zeitraubender Mechanismus. Sie müssen deshalb in ihren Wohnungen aufgesucht werden. Um das gewissenhaft und gründlich durchzuführen, hat der Vorstand des „Erez Israel“ neun (9) Commissionen ernannt, jede aus einem Vorstandsmitglieds und einem achtbaren Bürger bestehend, die die Stadt in neun verschiedenen Rayons bearbeiten. Diese Maßregel hat sich als sehr praktisch erwiesen und beginnt gute Früchte zu tragen. Es ist ein wahres Volksplebiscit, in dem jeder, ohne Ausnahme, seine Slimme fteudig zugunsten der Colonialbank abgibt. Man muss diese armen, geplagten Leute sehen, wie sie die zehnpercentige Anzahlung nach gut jüdischer Art mit einem frommen Segensspruche, ja mit Thränen in den Augen, in die Hände der sammelnden Herren legen, um zu begreifen, welchen Anklang das Bankproject gerade beim Volke gefunden hat. Die Leute wissen es, dass es sich da nicht um eine Bettelei in neuem Gewände handelt, sie erkennen die ganze Tragweite dieser größten That des Zionismus und sind dankbar, dass man ihrer nicht vergisst. Wenn doch die Herren dort bei Ihnen, die sich „die Vertretung der Gesammr- Jnteressen des Judenthums" zum Berufe „gemacht" haben, nur auf einen Tag Herkommen wollten, um uns hier unter unseren Juden bei der Arbeit zu sehen, wir würden sie lehren, was praktischer Zionismus ist, und wo die Interessen der Juden liegen. Eine melkende Kuh würden sie freilich hier nicht finden, wohl aber etwas, das ihnen die Lust, journalistische Bubenstücklein aufzuführen und über das Bankproject hämische Bemerkungen zu machen, gründlich vertreiben würde. Was würden die Herren wohl zu folgendem, höchst charakteristischen Vorgänge sagen? Vor einigen Tagen kam eine aus kleinen Gewerbetreibenden und Handwerkern bestehende Deputation des Kranken- und Leichenvereins „Baron Hirsch" zu mir, legte 3500 Francs, das gesammte, in acht Jahren ersparte Vereinsvermögen auf den Tisch mit einer von allen Vereinsmitgliedern Unterzeichneten Resolution, das Geld als volle Bezahlung für 14'> Shares bei der Bank zu erlegen. Man muss die Verhältnisse innerhalb dieser jüdischen, vom Staate als juridische Person nicht anerkannten Vereine mit allem, was drum und dran hängt, kennen, um zu begreifen, was eine solche Einhelligkeit bei einem solchen Beschlüsse bedeutet. Das schönste daran ist, dass eigentlich niemand aus der hiesigen Bankcommission an die Leute herangetreten ist, um sie zu diesem Schritte zu bewegen. Sie waren im Tempel — wohlgemerkt, meine Herren Protestrabbiner, im Tempel —, haben den Ausführungen' über die Jüdische Colonialbank andächtig zugehört, sind dann nicht gravitätisch die Stufen zum Altar emporgeschritten, um mit lauter Stimme vor dem andächtigen Volke ostentativ so und so viel zu „wohlthätigen" Zwecken zu spenden — Samenkörnchen zur Züchtung von Bettlern. Nein, das haben sie nicht gethan. Still und in sich gekehrt sind sie davongegangen, wie unter dem Eindrücke einer Offenbarung, die eine neue Welt und ein neues Leben vor ihnen aufrollte, sie beriethen untereinander, was ihre Pflicht sei, dann nahmen sie alles, was sie innerhalb acht Jahren fleißigen Sammelns aufgespart hatten und legten es bescheiden und vertrauensvoll in die Hände derer, die für sie arbeiten, und begleiteten es mit ihrem Segen. — Wahrhaftig, wenn die heißen Thränen, die dort in Jerusalem an der alten Mauer seit Jahrtausenden unaufhörlich fließen, ein Beweis sind, dass die Erinnerung an das alte Vaterland im Herzen der Juden ein ewiges Leben hat, so beweist ein Vorgang wie dieser, dass die Juden entschlossen sind, ihre Hoffnungen in Thaten umzusetzen. Speremus_ atque agamus! Und so liegt zwischen Hoffnung und That die sicherste Bürgschaft für einen glänzenden Sieg! I. H. E l l m a n n. Der für Oesterreich-Ungarn bestellte Bankreferent Herr Dr. Leopold Kahn berichtet: Wenngleich in der österreichisch-ungarischen Monarchie die Bankbewegung nicht mit jenem Elan in Angriff genommen wurde, wie dies unsere Connationalen in Russland und Rumänien gethan, so macht sich doch nach und nach ein regeres Interesse geltend, und mehren sich unter den Gesinnungsgenossen die Samnller und Zeichner von Tag zu Tag. Bei uns geht alles etwas langsamer. Ueberdies haben speciell die jüngsten Verfolgungen in Galizien vielfach Störungen in der Thätigkeit der Vertrauensmänner hervorgerufen. Es ist jedoch erfteulich zuzusehen, wie sich nicht nur Fortschrittler und Moderne, sondern auch strenggläubige und gesetzestreue Zionisten, ja sogar orthodoxe Rabbiner einmüthig der nationalen Sache wärmstens annehmen und dieselbe nach Kräften zu fördern suchen. Im Laufe der letzten zwei Wochen sind Subscriptionen eingelaugt aus Stanislau (Herr Dr. Schur), Zavstavna, Krakau, wo sich die Herren Sch önwetter, Adolf S p i r a und Benjamin N. S p i r a und auch Herr Dr. K o r n h ä n s e r einer besonders anerkennenswerten Agitation befleißen, Sloczow, wo Herr N. Schwadron und der Verein „Jeschurun" erfolgreich thätig sind, Lemberg (die Herren Kornus und Feigenbaum, Dr. Gabel, I. L. L i p s ch i tz und Hochfeld), Monasterzyska (Herr I. S. Halpern), Rimanow (Herr Rabbiner U. H o r o w i tz), Bohorodszany (Herr Rabbiner