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Die Welt · 1898-07-08 · 27 (8.7.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
27 (8.7.1898)
Article
Die argentinischen Greuel
Date
1898-07-08
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr 27 J?k#WdC Seite 3 will jetzt nur Einiges anführen. Im Anfang des Jahres 1867 fiel es z. B. dem Administrator ein, die Stiere der Kolonie sämrntlich durch eine Operation untauglich zu machen. Vergebens wehrten sich die Colonisten gegen bteje originelle Unterhaltung des Herrn Administrators, die ihnen gewaltigen Schaden verursachte. Natürlich mussten dann wieder Stiere angekauft werden. Der Administrator ließ solche von recht mittelmäßiger Qualität kommen. Ein Theil gieng zugrunde. Es blieben schließlich fünf, während es an Kühen 3000 gab- Was die Colonisten durch die wechselvollen Liebhabereien des Administrators zu leiden hatten, ist unsagbar. Viele konnten die Chicanen nicht e rrragen und verließen die Colonie. Unter ihnen befindet sich der Colonist Z e i n st e ch e r, d e n man vollständig ruiniert, seines ganzenBesitzes beraubtund so verfolgthat, dass er sich gezwungen sah, nach Buenos-Aires zu flüchten. Seine Angehörigen wurden in den Kerker geworfen. Der ColonistRosenblüth, an den sich dieFamilie umHilfe gewendet hatte, wurde ebenfallsseiner Habe beraubt und seineFamilie von der Polizei auf brutale Weise auf die Straße geworfen. Rosenblüthwarnichtzugegen, als diePolizei kam, das Haus förmlich belagerte und dieMutter des Colonisten und seine kleinen Kinder aus dem Hause jagte. Die armseligen Möbel wurden aus dem Hause geworfen und zerbrochen. Nathan Grauer, ein anderer Colonist, wurde ebenfalls aus seinem Besitze verjagt. Da man um einen Auffchub von acht Tagen gebeten hatte, wurde sein ältester Sohn von dem Polizeicommissär in Moisesville verhaftet und bis zur Erlegung von 200 Pesetas an den Administrator festgehalten. Die Colonisten Schapira, Siegl, Schechtmann und noch viele andere werden in kurzem die Colonie verlassen, da sie von dem Administrator und dem Polizeicommissar misshandelt und in willkürlicher, brutaler Weise verfolgt werden. Als ein Gerichtsofficial, Dr. M o s c o s o, bestellt worden war, der über diese Angelegenheiten berichten und sie ordnen sollte, erklärte der Administrator Miguel Cohen, dass er der Anordnung des Regierungsbeamten nicht Folge leisten werde, da die Colonisationsgesellschaft unter dem Schutze der englischen Flagge stehe, und er die argentinische Gerichtsbarkeit nicht anerkenne. Es kostete viele Mühe, bis ihm begreiflich gemacht werden konnte, dass auch er die Gesetze des Landes zu respectieren habe, in dem er sich befinde ... Die Mttglieder der Centrale der Gesellschaft (in Buenos- Aires) kommen nie in diese Gegenden, so dass sie von den Zuständen in den Colonien gar nicht oder schlecht unterrichtet sind. Wenn schon einmal ein Director kam, so verweilte er nur eine Nacht, und es war keinem Colonisten gestattet, ihn aufzusuchen... Man erwartet viel von der Leitung des neuen Regierrrngsbeamten, den man fast als einen Messias ansieht. Man zweifelr nicht, dass er Mittel finden werde, um dieser Sclaverei ein Ende zu machen .. . Man glaubt, dass mit Zuhilfenahme einer genügenden Polizeimacht und bei einigem Verständnis für die Landwirtschaft diesen greulichen Verhältnissen ein Ende gemacht werden könnte ... Der Bericht der „Nueva Epoca", der ohne Phrasen und ohne jede bösartige Bemerkung über die Zustande in Moisesville Auskunft gibt, ist nicht geeignet, die düsteren Vorstellungen über die Thätigkeit der Beamten der Jevrish Colonisation A*sccialion zu verscheuchen. Dieser Zeitungsbericht ist aber geradezu eine Lobeshpmne, wenn man damit ein Flugblatt vergleicht, das mit dem Bilde des gefesselten Zeinstecher versehen, von den Colonisten von Moisesville selbst herausgegeben wurde, um die Regierung und die öffentliche Meinung auf die Vorgänge in dieser unglücklichen Colonie aufmerksam zu machen. Wenn man bedenkt, dass die Colonisten russische Juden sind, Leut die erst wenige Jahre vorher die grausigen Judenve solgnngen des Jahres 1882 miterlebt hatten, so wird man zugeben, dass es etwas ganz Ungeheuerliches gewesen sein muss, das sie zu dem furchtbaren Aufschrei des Zornes und der Qual rn diesem Flugblatt gebracht hat. Diese Menschen hatten durch viele Jahre in ihrer neuen Heimat Misswachs, Heuschreckenplage, Krankheiten und auch Bedrückungen mancher Art still über sich ergehen laffen. Sie hatten ausgeharrt mit dem Muthe der Verzweiflung. Sie klammerten sich an diesen Boden, der für sie ihre letzte Hoffnung auf eine bessere Zukunft repräsentierte. Für sie gab es kein Ungemach, das sie Niederdrücken konnte, denn sie wussten, dass ein Miss. erfolg in den Colonien für sie noch hundertfach größeres Elend bedeute als ihr Elend im alten Heimatlande. Mit dem Versprechen, sie zu glücklichen Menschen zu machen, zu Menschen, die frei und ohne Angst vor dem morgigen Tage leben könnten, hatte man^sie in fremdes Land geführt, tausende Meilen von ihren Brüdern weg. Es war ein Land, das sienicht kannten, zu dem sie kein wärmeres Gefühl, keine Erinnerung zog, und das sie doch bereit waren, von ganzem Herzen zu lieben. Es sollte ja ihre, und was mehr war, ihrer Kinder Heimat werden, die Heimat freier Menschen. Es ist das verlorene Paradies, das diese Armen beklagen. Es ist der grenzenlose Jammer einer getäuschten letzten Hoffnung, der ihren Worten den flammenden Zorn leiht, der diese Worte zu einem einzigen Fluche macht für diejenigen, welche^dieses Elend verschuldet haben. Die Erklärung der Colonisten lautet: In der Republik Argentinien unter dem klaren Himmel, unter dem wir glücklich und frei leben sollten, erdulden wir Unglücklichen, die wir dort einst Freiheit zu genießen träumten, Tyrannei und Sclaverei in der Colonie Moisesville, im Departement San Cristobal der Provinz Santa Fe. Wir sind 150 Colonistenfamilien, die durch den Baron Hirsch hieher gebracht wurden. Man hält uns wie Sclaven. Wir erdulden die Tyrannei eines infamen Administrators. Unfähig, feinen verfluchten Namen zu zeichnen, nennt er sich Miguel Cohen. Mit ihm im Bunde ist ein Tiger von einem Commiffär und Friedensrichter, der uns von dem fluchwürdigen Administrator Unerhörtes erleiden lässt. Das voluminöse Actenmaterial, welches von dem Jnspector, Don Carlos Chamosi gesammelt wurde, einer fremden Person, welche die Unordnung und die unerhörten Missbrauche der Polizei und des grausamen Administrators von Moisesville nicht kennt, sollten vollen Aufschluss geben. Durch Rücksichten, welche die Provincialpolittker nehmen zu müffen glaubten, blieb aber dieses Actenmaterial unpubliciert. Seit diesem Tage mehren sich Missbrauche, Unregelmäßigkeiten und infame Vorgänge. Nun werden täglich Colonisten gefangen genommen und in den Kerker geworfen. Männer und Frauen von Moisesville werden aufs Grausamste bestraft. Von den Wächtern, deren Chef der unmenschliche Freund des Administrators ist, von der Polizei und dem Friedensrichter werden wir aus den Häusern gewiesen, der letzte Bissen Brot wird uns aus den Händen gerissen, während man unsere Familien aus die Straße wirst, unsere Freiheit missachtet, die Söhne von den Vätern und die Väter von ihren Kindern trennt. Andere werden genöthigt, Documente zu unterzeichnen, durch welche sie sich verpflichten, die Colonie zu verlassen. Alle die Missbräuche und Verbrechen, die Missachtung unserer Rechte, die von einem Elenden ungestraft mit Füßen getreten werden, sind schonmehr als dreißigmal den Behörden und der Direction der J. C. A. angezeigt worden. Vergebens sind die Directoren Cazias und Hirsch gebeten worden, den infamen und verfluchten Administrator von der Colonie zu entfernen. Vieles hat dieser Mensch aus dem Wege geräumt, da er die Briefe der Colonisten öffnet und missliebige Correspondenzen vernichtet. Da wir nicht begreifen können, dass die Directoren Cazias und Hirsch durch unser Flehen ungerührt bleiben sollten, so müffen wir annehmen, dass sie mit dem Administrator unter einer Decke stecken. Wir wollen an einen Theil der Rede erinnern, welche Baron Hirsch einst in London gesprochen hat. „Die jüdischen Colonisten der argentinischen Republik sind meine Brüder, so lange ich lebe, und nach meinem Tode werden sie meine Söhne werden." Nun kann die Welt sehen, wie die Söhne des Baron Hirsch behandelt werden! Wir bitten alle wohlthätigen Menschen, für uns zu intervenieren, um uns dieser Sclaverei zu entziehen und uns die Freiheit zu geben. Desgleichen bitten wir die in der Provinz competenten Persönlichkeiten, uns Genugthuung zu verschaffen.

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