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Die Welt · 1898-07-01 · 26 (1.7.1898) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
26 (1.7.1898)
Article
Die Reichstagswahlen in Deutschland
Date
1898-07-01
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Är tz6 Mahlzeit etwa unruhig geworden wären, und nur die tiefer Veranlagten sich durch sie zu anderen Schlüssen und Wegen hinleiten lassen; welche Betrachtungen nicht mehr sein können als in der neuen Beleuchtung der Tagespolitik die alten gewohnten, auf welche aber vielleicht der Schluss von Fouques herzigem Liede zutrifft: Dies war schon oft gesprochen. Doch spricht man's nie zu oft. K Türkische Sorgen. Von O. Erter. An der montenegrinisch-türkischen Grenze haben Albanesen und Czernagorzen wieder einmal blutig miteinander gerauft. Das ist an sich weder welterschütternd noch neu, denn es kommt von Zeit zu Zeit immer wieder vor, und oft sind es nur etliche gestohlene Hammel, um derentwillen sich die lieben Nachbarn die Köpfe einschlagen. Da unten ist Blut kein ganz besonderer Saft. Aber diesmal hat die Sache doch ihren aparten Haken. Man munkelt, es seien gefährliche Hände im Spiele gewesen, welche sich vortrefflich darauf verstehen, von dem Adlerneste Cettinje herab die ganze Balkanhalbinsel mit bedrohlichen Jntriguen zu umspinnen; ja in Constantinopel ist man hievon fest überzeugt. Und so ganz unwahrscheinlich ist dies allerdings nicht, denn verschiedene Zeichen deuten darauf hin. Dem czernagorzischen Fürsten, der auch sozusagen ein Dichter ist, wird seine Residenz zu eng, seine Phantasie fliegt über die Grenzen seines Ländchens in die Weite nach Bosnien und der Herzegowina, nach Serbien, nach Albanien, er möchte zu der Ehre, der „russische Minister des Aeußern für den Balkan" zu sein, auch die Krone eines serbischen Großkönigs fügen, welche, wie er glaubt, vom Schicksal seinem Haupte bestimmt ist. Dazu reicht natürlich das Geschenk von dreißigtausend Gewehren, das ihm der Czar gemacht hat, beiweitem nicht hin. Auch das Glück, der Schwiegervater des Kronprinzen von Italien und eines russischen Großfürsten zu sein, kann mit seinem milden Scheine den ehrgeizigen Traum nicht vergolden, sowenig wie die Freundschaft mit dem Fürsten von Bulgarien eine sichere Hypothek auf das erträumte Großserbien ist. Wer den Balkan beherrschen will, muss vorher Oesterreich-Ungarn und die Türkei erfolgreich bestehen; weil aber nun der Adler aus dem Hause Petrow Niegus sich des russischen Rückhaltes sicher wähnt, so fängt er in der That auch mit diesen beiden das Fingerziehen an, mit Oesterreich-Ungarn .freilich nur auf officiösem Papier, mit der Türkei aber durch Proberaufereien, zu denen er, seine Leute wider die Albanesen aussendet. Das ist nach Allem, was man sieht, der wahre Hintergrund der geräuschvollen montenegrinischen Episode, welche wir soeben erlebt haben, und deren beide Enden nordwärts nach Wien, südwärts nach Constantinopel reichen. Nun ist dies, um die Wahrheit zu gestehen, eine Sache, die uns unmittelbar nicht mehr angeht als jeden anderen politischen Europäer, der sich jezuweilen von den Wolken der Orientpolitik vergnüglich angruseln lässt. Auch die montenegrinischen Adler fliegen nicht höher, als sie können, und wenn ihre Flügel auch noch so wenig von fremdem Golde belastet sind, so kommen sie schließlich in eine Luftschicht, wo ihnen der Athem ausgeht. Allein wir haben einen separaten Grund, den diesmaligen Flug etwas aufmerksamer zu beobachten, und es wäre Heuchelei von uns, auf ihn das römische „I avibus bonis" anzuwenden. Die unerhörte Keckheit, mit welcher diesmal die Luftfahrt unternommen wurde, scheint uns nämlich ein Beweis zu sein, dass thatsächlich gegen die Türkei etwas im Werke ist, und wir sind aufrichtig genug, zu sagen, dass die Türkei unserem Herzen näher steht als der montenegrinische Raubvogel. Nur würde diese Aufrichtigkeit keine vollkommene sein, wenn wir nicht sofort hinzufügten, dass man in Constantinopel die Zeichen am Himmel ganz und gar nicht zu verstehen scheint. Nach den Erfahrungen des griechischen Krieges hätte, wie man meinen sollte, die türkische Regierung sich nicht weiter in Illusionen wiegen sollen über die Gefahren, von welchen die Türkei bedroht ist. Sie wird nach wie vor wie ein Sterbender betrachtet, und die große Hyäne lauert mit ihrem Gefolge von Schakalen aus den Augenblick, der ihr den Cadaver ausliefern soll. Thut man nur etwas in Constantinopel, um zu zeigen, dass man die entschwindende Lebenskraft festzuhalten und neuen Wein in die alten Schläuche zu gießen entschlossen ist? Nein, man thut nichts dergleichen, man klammert sich nur an die klägliche Schattensouveränität über Kreta, als ob es nichts Nothwendigeres gäbe und als ob durch inhaltsleere Formalitäten dem drohenden Auflösungsprocesse zu begegnen wäre. Die Türkei hat einen mächtigen Freund, der im Begriffe ist, sie zu besuchen, und von dem sie lernen kann, wo heutzutage ein Staat die Elemente seines Lebens, seiner Sicherheit und seiner Entwicklung zu pflegen hat. Die Türkei bedarf eines inneren Regenerationsprocesses, um zum Widerstande gegen ihre äußeren Feinde fähig zu sein.. Dieser innere Regenerationsprocefs muss sich in doppelter Richtung bewegen: in moralischer und materieller. Es handelt sich nicht um erzwungene Reformen, sondern um freiwillige Hebung des Culturniveaus und um Eröffnung innerer Hilfsquellen. Wir wiederholen: der Besuch, welchen Palästina erwartet, ist für die Türkei ein Schicksalsmoment. Sie wird dem mächtigen Gaste, der ihr Freund ist, vielleicht prunkvolle Empfangsäußerlichkeiten anbieten, aber sie wird ihm nicht zeigen können, dass Palästina durch ihre Verwaltung ein Culturland geworden ist. Und gerade dies ist es, wovon sie sich bedrückt fühlen sollte. In Berana sich von albanesisch-montenegrinischen Raufereien irritieren, in Uesküb sich durch die ewigen bulgarisch-serbischen Händel beunruhigen zu lassen, ist doch kaum einer Regierung würdig, welche noch immer eine große Macht in drei Welttheilen repräsentieren könnte. Europäisches Culturelement, das jeden Augenblick frei werden kann, um sich unter verbürgten Sicherheitsverhältnissen zu bewähren, steht der Türkei zunächst für Palästina zur Verfügung; sie braucht es nur zu rufen undihm d^rt die Heimat einzuräumen, die es sucht. Die Heimat, die es auch zu reclamieren ein historisches Recht besitzt. Fatalistisch hinzuträumen als ein Spielball der widerstreitenden europäischen Machtintereffen, zittern zu müssen, wenn der Montenegriner mit dem Bulgaren conspiriert, heißt nicht leben. Auf dem heiligen Boden Palästinas kann der Türkei ein verheißungsvolles Reis neuer Lebenskraft erblühen; sie muss nur verstehen, sich selbst ihres Vortheils bewusst zu werden und zu einer Culturthat sich zu erheben, an der Europa sie, eben weil es eine solche ist, gewiss nicht hindern wird. « Dir argenüml'djeit Grrurl. Von Dr. S. Werner. Argentinien ist ein merkwürdiges Land. Keine der südamerikanischen Republiken kann sich einer ruhigen, normalen Entwicklung rühmen, Argentinien aber am wenigsten. Der Riesenvulcan, der im Westen des Landes seine öden Gesteinmassen zum Himmel erhebt, ist geradezu ein Symbol des Landes. Solange er nicht zur Ruhe gekommen war, konnte von einer Sicherheit des angrenzenden Gebietes nicht die Rede sein. Solange die Kämpfe, Raubzüge, Bürgerkriege nicht aufgehört hatten, war auch von einer Entwicklung Argentiniens nicht zu sprechen. Der Vulcan ist erloschen.

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