Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Article
- Die Reichstagswahlen in Deutschland
- Date
- 1898-07-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite S Nr. 26 die Sozialdemokratie eintrat, nannte es der „Vorwärts" bereits „das Organ der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens", welches die Antisemiten um Unterstützung „anschnorre". Aber wenn es für die Unterstützung der Sozialdemokratie eingetreten wäre, hätten die (konservativen keinen höflicheren und feineren Ton angeschlagen. Ja, die „Post", das Organ des Freiherrn von Stumm, drohte einmal in früheren Jahren bereits mit dem Antisemitismus, „bei der bekannten Zusammensetzung des Berliner Premierenpublicums", als dieses einer Dichtung wie den „Webern", einen großen künstlerischen Triumph bereitete. Aus dieser unerquicklichen melancholischen Zwangslage suchen sich nun nicht wenige Juden hinauszuretten, indem sie sich trotz Allem der Sozialdemokratie zugesellen, welche als revolutionäre Partei in ferne zukünftige Sehnsuchtsregionen hindeutet und doch zugleich die zuverlässigste Stütze der modernen Entwicklung ist. Es mag das Zusammengehen der Arbeiter und der Juden ein tiefes organisches Gesetz sein, denn gerade jetzt scheint sich in Frankreich (unter völlig anderen historischen Voraussetzungen) eine ähnliche Gruppierung wie in Deutschland zu vollziehen. Bei den deutschen Wahlen nun könnte man dafür erstaunliche Beobachtungen machen, wenn die Stimmenabgabe nicht eine geheime wäre; aber die ganz unverhältnismäßig große Anzahl jüdischer Candidaten spricht bereits deutlich genug. Nicht weniger als sechs Juden resp. getaufte Juden (Singer—Berlin, Stadthagen—Niederbarnim, Haase —Königsberg. Wurm—Gera, Goldstein—Meißen, Schönlank—Breslau) befinden sich unter den 32 sozialdemokratischen Erwählten des ersten Wahlkreises und in der Stichwahl Simon, David und Hepmann. Ein ewiger revolutionärer Drang des Juden knüpft auch sein Herz an diese Partei und wirkt dergestalt der Assimilation entgegen. Zwei getaufte Juden befinden sich unter den Erwählten der rechtsstehenden Parteien: der bekannte Bimettalist Arendt im Mansfelder Silberbergbau-Kreise, und in der Stichwahl im Anhaltischen der Hallenser Professor Friedberg. Der Conservative Arendt war bei einerfrüheren Wahl wegen seines annoch orientalischen Exterieurs — o, Ironie des Schicksals! — im Märkischen einem — freisinnigen Bauer unterlegen; und nun beweist es doch die aufrichtige Wertschätzung, die er innerhalb seiner Partei genießt, dass man ihm diesmal einen absolut sicheren Wahlkreis zur Verfügung stellte. Aber den radicalen extremen Gedankengängen verschließen sich doch die Meisten gern und lassen an flüchtigen, oberflächlichen Erscheinungen ihre Blicke gern am längsten haften. Es gibt wohl auch noch Etwelche, die in dem auffälligen Rückgänge der antisemitischen Stimmen und Mandate den Beweis für ein Zurücktreten der antisemitischen Gesinnung in Deutschland sehen mögen. Der Rückgang selber ist nun trotz der Erfolge Stöckers nnd Ahlwardts unbezweifelbar; aber er ist ebenso auf locale, besonders ökonomische Ursachen zurückzuführen, wie die früheren Erfolge der antisemitischen Fraction und Fractiönchen ebendaheraus allein abznleiten waren. In Sachsen fühlten sich die weiten Massen der Kleinbürger erbittert, dass im sächsischen Landtage die Antisemiten trotz ihrer Zusagen nicht die Verschlechterung des Wahlrechtes verhindert hatten; in anderen Gegenden fehlte der lockende Reiz der Neuheit. Sobald der Antisemitismus seinen e r st e n wahrhaftigen Sieg errungen, hat er sogleich auf eine lange Zeit hinaus gesiegt, so dass er alsdann gegenstandslos und überflüssig wird und abwelkt. Wenn einmal die Unschuld im Verkehre zwischen Juden und Christen getrübt ist, dann ist das ganze Bestreben des Judenhasses erfüllt: die Absonderung im gesellschaftlichen Leben, in den Vereinen wird immer strenger, das Misstrauen der Nichtjuden immer allgemeiner und auch die Harmlosesten ansteckend, der Jude selber wird immer scheuer und zurückhaltender, er beginnt es als geschmacklos und lächerlich zu empfinden, dass er etwa seinem Patriotismus Ausdruck gebe, ja, dass er sich überhaupt in die inneren Kämpfe seines Heimatlandes einmenge; was alles wohl Stöcker gemeint haben mag, als er sagte, dass die Antisemiten gar keine besonderen Ziele hätten, sondern nur wünschten, dass die Juden bescheidener würden. Und so könnte es auch in Frankreich oder Oesterreich geschehen, dass der Antisemitismus, kaum erblüht, bereits verwelke und zerflattere, ohne dass doch ein Anderer als ein ganz Thörichter sich darüber freuen und wieder frei aufathmen dürfte. Vorzüglich nach den deutschen Reichstagswahlen sollte die Genugthuung über die Niederlage der antisemitischen Fraction .verstummen, wenn zugleich die conservative Partei sich wiederum in ihrer wurzelhasten Stärke erwiesen hat. Dass die Conservativen durchgängig nur verschämteren aber nicht schwächeren Hass gegen die Juden hegen als die Antisemiten selber, dürfte kaum bezweifelt werden: selbst in solchen Stichwahlkreisen, wo sie gegen die Socialdemokratie standen, also auf die Unterstützung der freisinnigen und wohl auch jüdischen Wähler angewiesen waren, nannten sie die Socialdemokratie „die Partei des Herrn Singer"; wozu kommt, dass fast alle Conservative zugleich Erwählte des „Bundes der Landwirte" sind, der sich nun offen zu einem gar derben und handgreiflichen Judenhasse bekennt. Aber die conservative Kraft ruht nicht in der agrarischen resp. Mittelstandsbewegung allein, in der von den Junkern beherrschten und beeinflussten Landbevölkerung. sondern vor Allem, in der Formierung des deutschen Bürgerthumes, die in den Anfang der Achtziger- Jahre zurückreicht. Nachdem das Bürgerthum erst angefangen, sich in seiner neuen Machtstellung häuslich einzurichten, musste in seinem oberen Theile die Sehnsucht nach dem erwachen, was Nietzsche das „Pathos der Distanz" nennt. Etwas wie ein neuer Feudalismus, ein neues Ritterthum begann sich zu entwickeln, das insonders durch den „Reserveoffizier" gekennzeichnet wurde. Und naturgemäß kehrte sich diese neue feudale' Oberschicht des Bürgerthums zuvörderst gegen die Juden, bei aller Eingeschränktheit ihres Geistes ganz logisch, instinktiv, indem sie sich von der abstrakten Gleichheitsidee des Liberalismus abwandte und im Selbstgenusse ihrer bevorzugten Stellung zu einem übertrieben nationalen, chauvinistischen Stolze und damit zur conservativen Partei geradezu hingedrängt und hingezwungen wurde. Von dieser bedeutsamen Umwandlung des deutschen Bürgerthumes geht noch heute oderrichtiger erst heute eine große Wirkung auf die Wahlen aus: die jungen Studenten, welche sich dazumal in den kraß antisemitischen Vereinen deutscher Studenten zusammengefunden hatten, fangen jetzt an, in ihre Beamtenstellungen einzutreten, während ihre Väter, die noch die tote ranten Gesinnungen ihrer Jugendjahre gewahrt halten, nach und nach aussterben. Dergestalt muss erwartet werden, dass die Verbreitung der conservativen Partei und besonders der antisemitischen Gesinnung in Deutschland immer größer werde, auch wenn man den „Bund der Landwirte" und die gesummten ökonomisch-reactionären Bewegungen gar nicht in Betracht ziehen will. Aber in dem neugewählten Reichstage hat sich noch nichts geändert. Indem die Kräfte der entgegengesetztesten Parieren, der Conservativen und der Socialdemokraten, gleichmäßig gewachsen sind, so dass sie einander entgegenwirken und beinahe aufheben, dürfte das Bestehende noch lange hinaus sein Schwergewicht behaupten. Und damit dürften sich wohl auch die meisten Juden wieder beruhigen, welche durch ähnliche Betrachtungen wie die obrgen in der