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Die Welt · 1898-06-24 · 25 (24.6.1898) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
25 (24.6.1898)
Article
Wandertage
Date
1898-06-24
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Str 25. Wdtr Seite 15 ID. Heidelberg. Wie flüssiges Metall leuchten die Wasser des Neckarstromes in der goldenen Mittagssonne. Die Häuser auf den grünen Rebenhügeln zittern in strahlenden Farben, die ihnen die blühenden Bäume und leuchtenden Blumen zuwerfen. In rollenden Wagen sitzen, freudig erregt, Menschen, die den Bergen zueilen. Freude und Behagen, Lust und Lachen sprechen aus dem ganzen Bilde. Und selbst aus diesem kleinen Paradiese heraus sehnen sich Juden zurück in die Heimat ihrer Vorväter, und selbst hier unter der stets heiteren und gutmüthigen Bevölkerung, hier in dieser gesegneten Natur, zittern sie vor dem Schicksal, das die Zukunft ihren Nachkommen bereiten könnte. Und einer der ersten unter ihnen ist ein Führer und Lehrer an der Hochschule dieser Stadt, und ihm, dem lebhaften, beweglichen, weißhaarigen Greise mit der Jünglingsseele gilt mein Besuch. Weit, weit draußen, am anderen User des Neckars, den Blicken entzogen und versteckt zwischen leuchtendem Grün und duftenden Blüten finde ich endlich sein Heim. Ich poche an die fcstverschlossene Thür, vergeblich. Endlich ruft ein Mann vom Nachbarhause: „Wollen Sie Professor. Schapira besuchen? Ta müssen Sie schon nach Köln — dort haben sie ihn gestern begraben/' Mit einem Ruck ist es dunkel geworden, kein Blühen und Tnsten, kein Leuchten und Singen. Ein großes, unermesslich weites Schlachtfeld, auf dem durch neunzehn Jahrhunderte vergeblich gekämpft wird. Zwecklose Scharmützel und kleine Gefechte, und nun endlich ein Ziel — ein großer Plan, eine Hoffnung auf Sieg. Und mit dem Blick auf das gelobte Land, in der Hoffnung auf die Erlösung, in der Arbeit an dem Werke, das der gesummten Judenheit nützen und frommen soll, — so ist Professor Schapira in Köln in den Armen seiner Frau, in Gegenwart unserer Freunde Wolffsohn und Bodcuheimer hinübergcschlummert in ein besseres Jenseits. Der erste Verlust an Menschenleben in unseren Reihen! Zionisten haben ihn zur Ruhe bestattet, und an seinem Grabe haben Wolffsohn in seiner kräftigen, sachlichen Weise und Bodenheimer mit dem Feuer seiner starken Beredtsamkeit ihm Worte der Liebe, des Trostes und der großen Hoffnung nachgerufen. IV. Köln. Wenn mau sie sieht, unsere Freunde in Köln, wenn man ihre emsige und energische Arbeit beobachtet und gewahr wird, lute ein Stein zum anderen gelegt, eine Thatsache an die andere gereiht wird, wie nach und nach ans dem todten Papier des Prospcctcs sich der lebendige Körper eines großen Werkes herauskrristallisicrt, wenn man sieht, mit welcher Liebe und Hingebung, immer mit Prcisgeben ihrer persönlichen Interessen, Wolffsohn und seine Freunde an der Arbeit sind, wenn man bemerkt, welch' beglückendes Bewusstsein und welch' große Kraft ihnen dieses Wirken für das gesammte Judenthum einslößt, dann segnet man den Augenblick, der diese Begegnung wachrief, und hätte sie auch sonst nichts gebracht, als die Ueberzeugnng, dass es noch Juden gibt, die der alten Tradition treu geblieben sind, die da heißt: „KolJisioel achehem“. Und auch über unsere Frauen wurde mir dort manches klar. Nicht immer halten sie mit den Männern gleichen Schritt, besonders in Deutschland nicht, wo sie äußerlich unbehindert und ohne beängstigenden Druck leben. Sie treten nur zagend in die Bewegung ein, und der große Stolz über die Kraft ihrer Männer, über die Entfaltung ihrer edlen Empfindungen, er wird durch die Furcht jeder Einzelnen getrübt, dass die Seele des Mannes nicht mehr ganz ihr gehöre, dass sie sein Leben mit .einem ganzen Volke zu theilen babe. Und das Behagen ihres Hauses, die stille Freude ihres Lebens leidet. Aber die Frauen fühlen auch, dass ihre Männe.r um ein großes Gut kämpfen, um ein Gut, das, wenn ihnen nicht, so ihren Bindern frommen wird, dass sie gesegnet und ausgezeichnet sind vor vielen, wenn sie solchen Männern eine Stütze sein dürfen, diesen Männern, die eine geschichtliche Mission erfüllen, deren Leben durch die Arbeit für die Armen und Elenden geweiht und geheiligt ist, und denen Liebe zuströmt ans allen Ländern, aus allen Welttheilen. Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (7. Fortsetzung.) VII. Ganz ohne jedes Zeichen kindlicher Dankbarkeit wollte Raphael nicht vom Vater gehen. Während David seine letzten Vorbereitungen zur Reise traf und mit dem schlaftrunkenen Wirte seine Rechnung regelte, schrieb er eitrige Zeilen. Eine halbe Stunde später verließen die beiden Vettern gemeinsam den Gasthof. Bor der Branntwcinschenke blieb Raphael stehen und klopfte an das Fenster der Stube, in der Jsak schlief. Lange erfolgte keine Antwort. Dann spähte das schlaftrunkene Gesicht des Knaben vorsichtig hinter den Scheiben hervor. Erst als er die Vettern deutlich erkannt hatte, ließ er sich herbei, einen Flügel des Fensters zu öffnen. „Was wollt ihr?" fragte er. .,Wie kann man einen Menschen so erschrecken'. Ich dachte, es seien wieder einmal betrunkene Bauen:!" Für diese war wahrscheinlich der Inhalt des wohlgefüllten Wafferkrugcs, den er noch in der Hand hielt, bestimmt gewesen. Derartige kleine, nächtliche Schlachten gehörten im Hause Nathans keineswegs zu den Seltenheiten. „David muss auf der Stelle nach Wien reisen" log Raphael „und ich habe mich entschloffeu, ihn zu begleiten. Ich möchte Dich daher bitten, meinem Vater morgen diese,: erklärenden Brief zu überbringen!" Ter Kleine nahm das Schreiben iu Empfang. „Wird besorgt!" rief er „und glückliche Reise!" Damit zog er das Fenster rasch zu, da die Nachtkühle seinem schwächlichen Körper empfindlich war. David und Raphael Goldschild aber traten ihre Wanderung an. Schon graute der Morgen im Osten. Von den bewaldeten Anhöhen wehte eine tvürzige, stärkende Lust in das Thal. Aus dem geschlossenen Hofe des letzten Gehöftes bellte ein wachsamer Hund den beiden Flüchtlingen nach. Keiner von ihnen jedoch kehrte sich daran. Als die ersten Hähne krähten, hatten die jungen Juden bereits das nächste Städtchen erreicht. VIII. Obgleich Jsak nicht das geringste Erstaunen über die plötzliche Abreise seiner Vettern gezeigt hatte, glaubte er natürlich kein Wort von der ihnr ausgetischten Geschichte. Kaum lag er wieder in seinem schmalen, Bettchen so unterzog er den Brief einer genauen Prüfung, die dahin, zielte, ob es sich nicht bewerkstelligen ließe, den Inhalt zu erfahren. Er hielt ihn nach allen Seiten hin gegen das Licht. Vergebens! Das Papier war zu dick. Die Schrift wollte nicht durchscheincn. Er hätte den Umschlag öffnen muffen. Dies schien ihm aber doch zu gewagt, und er beschloss weise, seiner Neugierde Zügel anzulcgen. Mit einem bedauernden Seufzer löschte er die Kerze ans und schlief bald wieder ein. Wie Raphael aufgetragen, suchte er früh Morgens den Oheim auf. Er fand die Thüre zur Giebelstube verschlossen. Erst auf wiederholtes Klopfen öffnete der Rabbiner. Eine dumpfe Luft schlug dem Knaben entgegen. Obgleich die Sonne schon hell am Himmel lachte, qualmte noch immer die Oellampe auf dem Stehpulte. Das Fenster war geschloffen, der große Tisch mit Schriftc.! und dickbäudigen Folianten bedeckt. Vielleicht tvar es der drückenden Atmosphäre und d - Nachtarbeit zuzuschreiben, dass Rabbi Goldschild so erschrecku - bleich anssah.

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