Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 25 (24.6.1898)
- Article
- Wandertage
- Date
- 1898-06-24
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 25 11«il 111 o n. Wandertage, i. Wie« — Lemberg. Y. Wir sind unser Vier im Coupe. Ein jovialer, gesprächiger Herr, der in der Statthalterei Galiziens eine hohe Stelle cinnimmt, ein strammer, sorgfälttg gekleideter, militärisch frisierter Herr, ein polnischer' Graf und außer mir noch ein junger Mann, schlank, blond, in englischem Reisegrau. In Wien hat kurz zuvor das Falliment eines großen Kaufhauses, dessen Besitzer Juden sind, einiges Aufsehen erregt. Dem jovialen Herrn aus der galizischen Statthalterei schien das nahe zu gehen. „Kein Wunder", meint er, „wenn die Juden in Wien zugrunde gehen. Man hat mich und den Herrn Grafen während der ganzen Zeit des Aufenthaltes ordentlich bewacht, damit wir in keinem jüdischen Geschäfte kaufen. Unsere Freunde haben uns erzählt, es wären ganze Gesellschaften organisiert, die sich verpflichteten, beim Juden nichts zu kaufen und alle ihre Besuche aus der Provinz vor jüdischen Geschäften zu warnen!" Der Graf nickte. „Sehen Sie", setzte der joviale Herr fort, „wir in Galizien kennen einen solchen Unsinn nicht. Bitte, ich kauf' bei Juden und Christen. Sehen Sie, der . Anzug, den ich ttage kostet 24 Gulden. Bitte, 24 Gulden! Wenn ich vom christlichen Schneider einen Anzug haben will, kostet er mehr, nicht etwa 80 Gulden, sondern 60 Gulden. Na ja, einmal im Jahre kann man sich auch einen Anzug für 60 Gulden kaufen. Schließlich, bei 24 Gulden, was kann da der arme Jude verdienen! -" „Und verlangt der jüdische Schneider nicht mehr, als 24 Gulden?" „Ach ja, verlangen möcht er 85 bis 40 Gulden, aber man bietet ihm die Hälfte und gibt ihm schließlich 24 Gulden. Beim christlichen Geschäftsmann kann ich nicht handeln! Sehen Sie, das ist es, darum gehe ich gern zum Juden kaufen". „Aber dann verdient der Mann nicht viel." „Nein, das glaube ich nicht. Und dann, die armen Kerle fallieren ja jeden Augenblick." „Meinen Sie nicht", frug ich, „dass Geschäftsleute, denen man nur abkauft, wenn sie sehr billig verkaufen, und die daher wenig verdienen, bei der geringsten Stockung zugrunde gehen müsicn? Und da die Juden im Allgemeinen ihre Ware nur dann verkaufen, wenn sie sie billiger abgeben, als der christliche Concurrent..." Nun mengte sich der Blonde im englischen Reiseanzug ins Gespräch. Er erklätte die Falliments, die Sucht an der Börse zu spielen und den Schwindel auf der Börse als die ausschließliche Schuld der Rothschilds und anderer jüdischer Geldmagnaten, die allen helfen könnten, dagegen alle anssaugen. Nun ist cs zwar nicht die Aufgabe der Zionisten, den jüdischen Geldbaronen Loblieder zu singen, aber diese von Unwissenheit und Uebelwollen sttotzende Bemerkung veranlasste eine kräftige Entgegnung, die der blonde Herr mit antisemitischen Redensatten crwidette, trotzdem er in jeder Bewegung und in jedem Satze den Juden verrieth. Er glaubte sich jedoch durch das blonde Haar und durch den grauen Anzug incognito. In Dzieditz stieg er nach Bielitz um, nicht ohne meine Meinung über das Antisemiteln der Juden mit auf die Reise genonimen zu haben. Der joviale Herr benützte diese Gelegenheit, um seine Meinung über die Juden in Polen auszusprechen. Es war das trostloseste Uttheil, das ich je gehört habe. Und nach jedem Satze hieß es: „Ich bin kein Anttsemit, hier in Polen gibt's überhaupt keine Antisemiten". Dennoch nannte er die Juden eine Landplage, ihre Arbett unfruchtbar, ihr Wirken schädlich. Er beklagte, dass die gesammten Gerichts- und Verwaltungsbehörden ausschließlich und immer wieder mit den Juden beschäftigt wären, und dass der Chttst überall durch sie vettürzt werde. Und nun hielt ich den Augenblick für geeignet den beiden Herren, die in wirklich hervorragenden Stellungen thatig sind, das zionistische Programm anseinanderzusetzen. Sie stimmten begeistert ein, aber unter der Bedingung, dass die Grenze gegen Russland abgespertt werde, um den Zuzug dortiger Juden zu hindern. „Denn sehen Sie", meinte der joviale Herr, „wir haben alle Mühe, das Volk davon abzuhatten, dass es die Juden massacriert. Die Juden glauben, dass es ihnen helfen wird, wenn sie mit den Socialisten gehen. Wenn wir nur einen Wink geben oder ein wenig die Zügel Nachlassen, so fällt die Bevölkerung über die Juden her. Sie thun nicht gut daran, wenn sie sich mit den Socialisten verbinden und das werden sie noch spüren..." Der nächste Tag war ein Sabbath. Ich fuhr am Abend von Lemberg mit bedeutender Verspätung weg. Ach das macht nichts, meinte der Conducteur auf meine Klage, „heut vor Schabbes da fähtt doch kein Mensch, da kommts nicht darauf an." Der Zug war in der That leer angekommen. Und nun verstand ich den jovialen Herrn. Die Juden, die einzigen die viel reisen, geben auch den Behörden viel zu thun. Und seine Drohung wegen der Socialisten ist mir seit denletzten Krawallen auch verständlich geworden. I. An der russisch-deutschen Grenze. Auf dem Wege nach Posen. Die Revision ist beendet. Noch ein letztes, hastiges Aufreißen der Coupethür, der russische Beamte fragte freundlich, wie viel russisches Geld wir ins Ausland führen. Mit mir im Coupe befindet sich ein würdiger, weißhaariger Herr und sein Begleiter, der alte Herr ist im Atlaskaftan und ttägt eine prachtvolle Zobelmütze. Er hat über 800 Rubel bei sich und außerdem, worüber er nicht geftagt wurde, eine Summe deutschen Geldes. Der Zug setzt sich in Bewegung, der Begleiter des alten Herrn öffnet einen ziemlich geräumigen Reisekorb, legt über den Sitz ein weißes Tuch, etwas Essgeschirr und serviett ein vorzüglich aussehendes und appetitlich duftendes Abendbrot, bestehend aus kaltem Gänsebraten, gespickter Rinderbrust, Obst und Gebäck. Der alte Herr wäscht sich die Hände, verrichtet das übliche Gebet und speist dann mit Behagen. „Ein sehr reicher und sehr frommer Privatmann oder gar ein hervorragender Rabbiner auf Reisen." Dies war meine Meinung über den Fahrtgenosien und er bestättgte sie alsbald. Ich fuhr mir dem Rabbiner der Fabriksstadt L. . . . Diesem würdigen Herrn erzählte ich die Meinung des hervorragenden, österreichischen Beamten über unsere Glaubensgenosien in Galizien. Da verließ ihn für einen Augenblick die Ruhe. „Wer hat uns dazu gemacht, was wir sind? Der Pole hasst uns, und wir haben immer zu ihm gehalten, und er hat uns immer wie einen Hund behandelt. Kein Wunder, dass mancher ein Hund geworden ist". Und nun hielt ich wieder den Augenblick für gekommen, um von der Kraft der Erlösung zu sprechen, die im Zionis mus stecke. Aber da kam in das schöne, bleiche Gesicht und in die klarblickenden Augen ein Ausdruck von Kälte und Härte, die ich dem alten Manne nicht zugettaut hätte. „Die Herren in Wien und in Deutschland und England sollen sein mein Meschiach" — eine Pause — er trank ein Glas kräftigen Weines — „es geht uns schlecht, es ist wahr", — wieder eine Pause, er knabbette an der fetten Mehlspeise — „unsere Leute haben nichts zu esien, man treibt sie hin und her, von Moskau nach Warschau, von Warschau nach Lodz. Aber Gott will das so und wenn er will, dass das aufhören soll, dann wird er uns seinen Meschiach schicken. Aber d i e Herren! Nein-" Ein kurzer Blick streifte mich. Der Begletter räumte das Geschirr ab, packte Gänsebrust und Rinderbraten sorgfälttg in den Korb, der Rabbiner sprach sein Tischgebet mit ttefer Andacht, später das Nachtgebet, und .ohne mich auch nur eines weiteren Wottes zu würdigen, lehnte er sich in die weichen Polster, die der Begleiter vorher mit einem weißen Tuche bedeckt hatte, schob ein ntttgebrachtes Federnkisien unter das Haupt und schlief sanft bis nach Berlin, wohin er sich begab, um einen berühmten Professor wegen seiner nicht ganz sicher functtonierenden Verdauung zu consultteren . . .