Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 25 (24.6.1898)
- Article
- Wien [Nachricht] / -b-
- Date
- 1898-06-24
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. .25 J*OWdr Seite 13 ein Ideal. Wenn der Zionismus ein Werk ist, das allein eine solche Verbrüderung herbeizuführen vermag, so waren Mohilewer und Schapira die Auserlesenen, die den Ruf ihrer Zeit verstanden und sich diesem Werke mit allen Kräften widmeten. In Galizien und Rumänien fand eine Reihe von Trauerfeierlichkeitenstatt, die einen sehr würdigen Verlauf nahmen. Tie dem Actionscomite aus diesem Traueranlass übermittelten Kundgebungen werdendem Archiv des Congressbureaus überwiesen. Wien. Der jüdische Arbeiter- und Privatangestelltenverein V.Achwah" veranstaltet trotz der kurzen Zeit seines Bestehens nun schon eine Reihe von Versammlungen, und jede dieser Versammlungen bringt ihm und dem Zionismus neue Erfolge. Man sieht es, dass er eifrig bestrebt ist, die bisher dem Judenthume gänzlich entfremdeten jüdischen Arbeitermassen mit dem Zionismus vertraut zu machen. . Am letzten Samstag referierte Vereinsmitglied R u b i n st e i n „über die Entstchungsgründe des Zionismus". Er führte in seinem von den zahlreich Versammelten mit großem Beifall aufgenommenen Referat aus, dass der Zionismus dreierlei Motiven entsprungen sei: religiösen, nationalen und socialen. — Nächsten Samstag, den 25. d. M., s Uhr Abends, veranstaltet der Verein Achwah im Restaurant Breuer (11., kleine Schiffgasse 8) wieder eine Versammlung. Tas Referat erstattet Vereinsmitglied Dr. Severin Landesberger. Gaste sind herzlich willkommen! Brünn. Nachdem Herr L. R o s e n z w e i g im Namen der Proponenten die über 100 Milglieder zählende conslituierende Bersammlung des Vereines, jüdischer Handelsangestellter „Emunah" begrüßt hatte, ertheilte er Herrn Max H i ck l das Wort zur! Tendenzrede, die von den Anwesenden mit stürmischem Beifalle aufgenommen wurde. Hierauf ergriff Herr Dr. Philipp Schreier, Obmann des Einzelvereines „Brünn" des Verbandes „Zion" dem an dieser Stelle für seine überzeugenden Worte besonderer Tank gesagt sei, das Wort und schilderte beredt das Verhältnis der zionistischen Handels-Angestellten zur Socialdemokratie. Es sprachen noch : Herr sind. jur. Rudolf 9i assa u, namens der jüdisch-academischen Verbindung „Vernas" in Brünn, Herr Manitz Braun, namens des Einzel-Vereines Olmütz des Verbandes „Zion". Aus der hierauf stattgehabten Wahl gingen hervor: Als Obmann: Herr Berlhold Lintner; Obmann-Stellvertreter: Herr L. Rosenzweig; I. Schriftführer: Herr Richard Wcinberger; U. Schriftführer: Herr Sigmund Hochwald; Eassier Herr Jacob Feuereisen; Ausschussmitglieder: Herr Hubert Windholz; Herr Moritz Wellisch; Herr Oscar Hüttner; Herr Mar Hickl; Herr Josef Kellner. & ZkWriftknrmdslhllll. Die „Baseler Nachrichten" vom 15. Juni widmen dem Andenken M o h i l e w e r s, anlässlich der Nachricht seines Todes sympathische Worte. Bei dieser Gelegenheit besprechen sie auch in einem längeren Artikel den Zionismus, den sie mit Rücksicht darauf, dass er den Antisemiten Freude machen müsste, nicht billigen können. Bemerkenswert sind auch die Ausführungen des Blattes über die Dreyfusaffaire und die dadurch hervorgebcachte Stellung der französischen Juden. In der „Kölnischen Zeitung" lesen wir unter derAufschrift „Streifzüge durch Sardinien und Tunis" einige zeitgemäße Schilderungen eines Augenzeugen über die Beziehungen der Araber zu den Juden in Tunis, in denen die Judenexcesse in einer ganz neuen Beleuchtung dargeftellt werden. „Nächst den Arabern und Mohammedanern anderen Stammes bilden die Juden den stärksten Bestandthcil der tunesischen Bevölkerung, ihre Zahl beträgt etwa die Hälfte derjenigen der Mohammedaner, ist aber der Zahl der eingcwauderten Europäer ungefähr gleich. Nach älteren Angaben sollen auf 150.000 Einwohner etwa 40.000 einheimische Juden gekommen sein; diese Ziffern dürften jedoch heute schon erheblich überholt sein. Die meisten einheimischen Juden kleiden sich orientalisch, und nur ein genauerer Kenner des tunesischen Lebens könnte wohl nach Farbe und Schnitt der Gewänder den Juden aus der bunten Menge herausfinden. Tie jüdischen Frauen verleugnen sich' auch in der äußeren Erscheinung nicht; sie zeichnen sich vor der weiblichen Welt des Islams dadurch aus, dass sie nnverschleiert gehen und dem neugierigen Fremden dadurch oft den Anblick hervorragend schöner Gesichlsbildung gönnen. Auch in der Bedeckung des Kopses weicht ihre Tracht meist von der arabischen ab, da sie eine zuckerhulförmige, kostbar gestickte Haube tragen, über welche der weiße, den ganzen Körper einhülleude Schleier hcrabwallt. Da wir gerade zur Zeit des Passahfcstes in Tunis weilten, so hatten wi/das Glück, zahlreiche Judcnfrauen in Fefttracht zu sehen, die Kinder meist in kurzen rothen Sammtjacken mit Schwanenpelzbesatz und der weißen Pluderhose darunter, die Erwachsenen vielfach in kostbaren gelben Seidengewändern. Ueder die Beziehungen der jüdischen zur mohammedanischen Bevölkerung konnte man nach den Unruhen, die Ende März in Algier und Tunis stattgefunden haben, zu Vorstellungen gelangen, die der Wirklichkeit nicht entsprechen. Eine antisemitische Bewegung oder auch nur Stimmung scheint vielmehr in Tunis nicht vorhanden zu sein, und die zeitliche Auseinanderfolge der Unordnungen in Algier und Tunis dürfte ganz zufällig gewesen sein. Wenigstens haben wir es in Tunis von verschiedenen Seiten, auch von arabischer, in diesem Sinne darstellen gehört." Büchcrwelt. Von Grätz „Geschichte der Juden" ist im Verlage der Jtnvish Publication Society in Philadelphia der sechste Band in englischer Uebersetzung erschienen. Derselbe ist von Dr. Philipp Bloch eingeleitet. Friedrich Hebbel und die Inden. In einer kleinen Broschüre, in der die entsprechenden Stellen aus den Briefen und Tagebüchern Hebbel's gesammelt sind, behandelt Dr. Ao. Bi ach das Verhältnis dieses Dichters zu den Juden. In einem schönen Gedichte lässt Hebbel den Juden dem Christen sein Leid und sein Martyrium klagen. „Es sprach in meiner Weise, also ohne alles Spitzen- und Stachelmachen, den einfachen Humanitärsgedanken des Jahrhunderts aus, wurde aber dessenungeachtet durchstrichen (natürlich von der Censur)". Das Gedicht betitelt sich: „Der Jude an den Christen". Im Jahre 1851 verfasste er Genovefa; in der Schlussscene des zweiten Actes tadelt er das rohe Treiben des Pöbels gegen die Juden. An Dingelstedt schreibt er darüber: „Ich glaube, was in diesem Stücke wirkt, ist die concentrierre Darstellung des Mittelalters, und dieses ist gewissermaßen in dem Juden verkörpert". Das Stück wurde als „Schandstück des getauften Juden Hebbel" ausgerufen. Ueber die Fähigkeiten und Vorzüge der Juden, die er sehr hoch schätzte, schreibt er in seinen Tagebüchern: „Im Juden liegt eine nicht zum zweitenmale vorkommende höchst eigenthümliche Mischung von kaustischem Verstand und symbolisch-allegorischer Phantasie. Er musste darum groß im Religionsstiften sein: denn sein Verstand gestaltete ihm nicht, an dem Grundgeheimnisse der Welt mit zugedrückten Augen vorüberzugehen, und seine Phantasie war besser geeignet, wie die irgend eines anderen Volkes, es visionär zu lösen". Er kennt wohl auch die Fehler unseres Volkes, doch ist ihm, „der Jude gerade so schlecht wie der Mensch" und er „denkt von dem Menschen zu groß, um nicht daran festzuhalten, dass er die kleinen Hindernisse, welche ihm die Rasse allenfalls in den Weg legen mag, durch die kleinste sittliche Anstrengung überwinden kann". Besonderes Interesse hegte er für die hebräische Literatur und bedauerte, dass er diese nicht in der Ursprache lesen könne. Als er einmal auf dem Friedhofe die hebräischen Psalmen vortragen hörte, war er tief ergriffen. Auf dem Heimwege sagte er zu L. A. Frankl: „Weil sie an ihrer Sprache festhalten, sind die Juden ewig". „Ein Volk, das aus sich einen Dichter, wie König David einer ist und die Propheten hervorgehen sah, darf sich mit stolzem Bewusstsein rühmen, ein auserwähltes zu sein. Es rollt selbst den modernen Juden, trotz starker Verdünnung, etwas wie ererbter Geistespurpur in den Adern". Er wendete in seinen Gedichten und Dramen biblische Motive an, interessierte sich lebhaft für die jüdische Geschichte und schreibt über die ralmudische Periode: „Man bekommt durch Grätz's Darstellung einen Einblick in jene lebendigen Werkstätten, wo der Talmud erzeugt wurde und das Ringen und Kämpfen der allen Juden um einen so oder so zu deutenden biblischen 4-atz, wie das Bannverhängen der jüdischen Patriarchen, wenn irgend eine Lehre missachtet oder gebeugt wurde, während Rom das Volk aus einer Stadt in die andere trieb und gleich Thieren behandelte, das alles trägt einen großartigen Charakter an sich". Ten Mittelpunkt eines Operutextes „Opfer um Opfer" bildet der sagenhafte „Rabbi Löw", den auch der jetzt lebende böhmische Dichter Vrchlicky zum Helden eines Dramas „Rabbinische Weisheit" machte Hebbel ließ sich auch gerne von Juden die geistvollen Parabeln und Legenden des Midrasch erzählen. Zu seinen Freunden zählte er den Schriftsteller Sigmund Engländer. L. A. Frankl, E. Kulke und Ai. G Saphir, über den er sagt: „Die Natur hat ihn geschaffen, weil Shakspeare in ihm Falstaff verzcichncte". Er stand im Briefwechsel mit Heine, Lorm. den er „einen unserer besten .Köpse" nennt und Kompert, von dessen Ghettogeschichtcn er sagt: „Er versteht die Kunst gar nicht, etwas Schlechtes zu schreiben". J. B. Bürinrrintan}'. Brandeis' illustrierter israelitischer Boltstaleuder für das Jahr der Welt 5050 (1808—99), Eigenthum und Verlag von I. B. Brandeis, Buchhandlung. Prag. Zeltuergasse 83 (neu). rfclSp riTOITl - Dffencs Sendschreiben an die F r o m m e n Israels, die dem Zionismus noch ferne stehen, v. I. L. K o r e tz. Trohobycz, 1898. Verlag des Verfassers.