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Die Welt · 1898-06-03 · 22 (3.6.1898) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
22 (3.6.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-06-03
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Sk. n jfcOWdr Seite 15 Lange Jahre hindurch habe immer sie erzählt! Nun möchte sie auch einmal selbst etwas zu hören bekommen. Der Enkel, der so lange Zeit in der Hauptstadt gelebt, müsse wohl viel Wissenswertes berichten können. David besaß keineswegs die Gabe der Rede. Stockend und unsicher begann er die Ereignisse zu schildern, die Oesterreich und die Welt zwei Jahre lang in Athem gehalten. Aber sein Gegenstand beherrschte ihn dermaßen, dass er, allmählich in Feuer gerathend, bald die richtigen Worte sand. Ja — als er von den blutigen Siegen und Niederlagen, von den Jrrthümern, Hoffnungen und Enttäuschungen der „großen" Zeit sprach, da flammten seine Wangen im hellen Roth der Begeisterung. Der kleine Jsak knusperte inzwischen ruhig an der Schale seines Apfels und warf hie und da einen erstaunten, sragenden Blick auf den älteren Vetter. Als dieser geendet, stellte er höchst kaltblütig die Frage: „Nun, was schaut jetzt für uns dabei heraus?" Hart und trocken fielen die Worte von den Lippen dieses Kindes. Einen Augenblick starrte David den Kleinen an. Er — mit seinem warmen Herzen — vermochte nicht den nüchternen, unverschämten Egoismus zu fassen, der nach der Schilderung der Barrikaden und Straßenkämpfe, der Zertrümmerung und dem Aufbaue einer Weltordnuug keine andere Frage fand als das kluge: „Was schaut dabei für uns heraus?" Schon wollte er seine Eickrüstung in harte Worte kleiden, als es ihm noch rechtzeitig einfiel, dass ja das Kind für seine sittliche Verwilderung nicht verantwortlich sei. Wie sollte es in der Kranntweinschenke vom Vater Nathan und der Mutter Ehaune gelernt haben, sich für Ideale zu erwärmen. Man musste daher versuchen, dem kleinen Jsak die praktischen Folgen der Revolution vor Angen zu führen. Der Mediciner erklärte ihm, wie er in Zukunst seinen Beruf frei wählen, ohne beschränkende Vorschrift sich eine Familie gründen unb Grund und Boden erwerben könne. Als aber der zweifelnde, ironische Zug noch immer nicht aus dem Antlitze des Knaben verschwinden wollte, riss David die Geduld und er rief erregt .aufspringend: „Glaubst Du vielleicht dies alles nicht?" „O ja!" entgegnete Jsak mit ruhiger Ueberlegenheit. „Aber wie lange wird die Herrlichkeit dauert:? Thut es den Gojim nicht etrva bereits wieder leid, uns so viel Rechte eingeränmt zu haben? Haben denn die Prager Stadtverordneten und die gute Stadt Kuttenberg nicht schon ihre klagenden stimmen erhoben?" „Sich selbst zur Schande!" brauste der Student auf. „Rohe und beschränkte Menschen wird es immer geben! Hast Tn aber auch die Anttvort gelesen, die der Kaiser ihnen gab?" Jsak pfiff die Luft durch die schmalen Lippen. „Pah!" meinte er verächtlich. „Glaubst Du etwa der Kaiser werde sich uirseretwegen seine vielen Millionen Unterthanen entftemden? Frag doch bei der Großmutter an, ob je ein Monarch seinen Völkern befehlen konnte, Israel zu lieben!" David war sehr ernst geworden. Hier lag der Kernpunkt der ganzen Frage. „Nein Jsak!" stimmte er zu. „Da hast du Recht! Das hat bisher kein Kaiser, kein König, kein Kurfürst vermocht und wird auch in aller Zukunft keiner vermögen. Das kann nur Israel selbst! Ein neues, freies Bürgerthum ist geschaffen, in dessen breiten Rahmen für alle jene Platz ist, die ein ehrliches Wollen, besitzen. Siehst Du — sie sagen, dass wir klüger seien als die Gojim! Nun wohlan! Stellen wir unsere Klugheit in den Dienst der Allgemeinheit — der Kunst — der Wissenschaft — des Rechtes! Der Anfang ist ja dazu gemacht! Riesser und Veit dürfen die Neugestaltung Deutschlands, Mannheimer und Rabbi Meifels die Neugestaltung Oesterreichs mit berathen! Kein Geschichtsschreiber der Zukunft wird den großen Einfluss jüdischen Geistes auf die Umwälzung des Jahres achtzehnhundertachtundvierzig verneinen dürfen! Wir sind es, die dem Bürger seine politische Freiheit, dem Bauer den fteien Boden erobert haben!" „Und weißt Du, was der Bauer mit diesem „freien" Boden machen wird?" unterbrach Jsak, das Pathos des Vetters parodierend. „Ein freies Geschlecht wird darauf aufwachsen!" prophezeite der Student. Aber der Dreizehnjährige lachte ihm einfach ins Gesicht und rief, die fünf Finger der mageren Haud spreizend: „Versaufen wird er ihn!" „Jsak!", schrie David empört auf. „Wie kannst Du so etwas zu sagen wagen! Du kennst eben nicht das Volk!" Die kalte Heiterkeit des Knaben wuchs, je mehr sich der Student ereiferte. „Du kennst nicht das Volk!" äffte er dem Vetter nach. „Hörst Du, Babe! Ich kenne nicht das Volk!" Dabei zog er behend den Rock aus, streifte den Aermel seines Hemdes zurück und wies auf einige dunkle blutunterlaufene Striemen am nackten, dünnen Arme „Siehst Du — das ist meine Bekanntschaft mit dem Volke! Bleib nur eine Woche lang bei uns im Geschäfte und Du wirst das Volk kennen lernen, wie es sich den unreinen Thieren gleich besoffen im Koth wälzt und Dich am liebsten Deiner paar Groschen wegen totprügeln möchte!" „Wer aber verkauft ihm den Brantwein?" mischte sich jetzt auch Raphael, der bisher schweigend zugehört, in das Gespräch. „Wer muntert es durch Credit zum Trünke auf? Auch das sollst Du bedenken, ehe Du so verächtlich urtheilst!" „So!" lachte Jsak bitter, „wohl wieder der Jude! Wer aber brennt den Brantwein, wer verpachtet uns die Gasthäuser? Etwa der Jude? Nein — der Christ! Und nicht einmal der Arme sondern der Reiche, der Grundbesitzer! Und er hat Recht — dreimal Recht — es zu thun! Denn nur dem Klugen und Starken hat Ha Schem boruch hu*) die Welt geschenkt!" Ter kleine Jude hatte zu lachen aufgehört. Eine fanatische, feierliche Verzückung leuchtete während der letzten Worte aus seinen scharfen Zügen. Wie er den misshandelten nackten Arm gegen Himmel erhoben mit blitzenden Augen das Recht der Intelligenz m:f die Herrschaft verkündete — war er fast schön zu nennen. „Mengt nicht die geheiligten Namen des Höchsten in ein Gespräch über so hässliche Dinge!" ergriff David bewegt wieder das Wort. „Und Du — Jsak — bedenke, dass Er selbst seinem Volke den Weg des Heils gezeigt. Welche Opfer forderte Er? Tie Erstlinge der Feldfrüchte, des Biehstandes! Ist dadurch nicht klar angedeutet, welche Lebensführung uns frommt^! Wir können gute Juden bleiben ohne an unserer Raffe festzuhalten. Mit der Erde müssen wir uns vermählen — mit der Allgemeinheit zu eins verwachsen. . ." Er kam nicht weiter. Die alte Sarah war dem Gespräche aufmerksam gefolgt. Während der letzten Ausführung Davids hatte sich ihre Stirne in finstere Falten gelegt und nur durch den blinden Eifer der Jünglinge war es erklärlich, dass sie das drohende Gewitter nicht gewahrten. Plötzlich griff die Babe nach dem Stocke, der stets neben ihrem Stuhle lehnte, und schlug so leidenschaftlich auf die Tischplatte, dass die Teller mit den Ueberresten der Aepfel laut klirrten. „David," gellte ihre kreischende Stimme, „was führst Du für lästerliche Reden! Gott in der Welt, wenn Dich Dein Dede *) hörte! Hast Du etwa in der Stadt vergessen, dass Israel das auserwählte Volk des Herrn ist? Was spricht Dein Mund von Aufgehen in die Allgemeinheit — von Gemeinschaft mit den Gojim! Zusammenschaaren müssen sich die Söhne Israels —- znsammenschaaren! Auf dass der Segen Jakobs in Erfüllung gehe: *) Schem boruch hu - Der, dessen Namen gelobt sei. *) Dede — Großvater.

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