Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 22 (3.6.1898)
- Article
- Antisemitismus und Zionismus im alten Ägypten
- Date
- 1898-06-03
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 22 „pif#w<r Seile 13 meint, gegen die jüdische Auswanderung aus Aegypten gerichtet. — Ferner kamen von Semiten in Aegypten die Phönizier, in den meisten Urkunden Chars genannt, welche in Unterägypteu abgesonderte Stadttheile, Ghetti, bewohnten, den Sec- und Binnenhandel, sowie die meisten Industrien großentheils monopolisiert hatten, und welche den Aegyptern sehr verhasst waren. Sie waren „Unbeschnittene", und aßen den Aegyptern unrein erscheinende Thiere, wie beispielsweise Schweine und Seefische. (5s verdient hervorgehoben zu werden, dass der ägyptische Antisemitismus in dieser Beziehung unserem heutigen entgegengesetzt war, es war ein Hass der Beschnittenen gegen die Unbeschnittenen, ein Hass der- Schweinefleischverächter gegen die Schweinefleischesser. Schuld an dem altägyptischen Antisemitismus waren wohl am meisten die Phönizier, ein Volk, das sich bei allen Völkern des Illtcrthums gleich verhasst gemacht hat. Neben ihrer Treulosigkeit hatten sie noch viele Eigenschaften, die sie ohne ihre Schuld unbeliebt machten. Vor Allem scheinen die Phönizier u d die anderen Semiten viel schöner nnd kräftiger gewesen zu sein als die Einheimischen und sich großer Erfolge beim schönen Geschlecht Aegyptens erfreut zu haben; sie hatten andere Götter, andere Sprache, und wohl auch andere Reinlichkeitsbegriffe als die Aegypter. Dazu kommt noch, dass sic an Zahl, Macht und Ansehen rasch stiegen und einen großen Einfluss auf das gesammte politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben Aegyptens ausübten. Aus zahlreichen Papyrus-Briefschaften nnd Inschriften ergibt sich, dass um 1350 v. Chr., um die Zeit Mosis, die Landessprachen — es gab eine ober- und eine unterägyptische — ganz „vermauschelt' waren. „Das Bestreben, dem Semitischen den Hof zu machen", sagt Brugsch*), „artete in den Zeiten des 19. und 20. Königshauses zu einer wahrhaft närrischen Sucht aus, semitische Wörter an Stelle vorhandener ägyptischer in die eigene Muttersprache und Landesschrift einznführen, und sogar ägyptische Wörter selber durch syllabarische Zerlegung semitisch umzuwandeln. Aber was das Schlimmste an der Sache war, gerade der gebildetste und unterrichtetste Theil des ägyptischen Volkes, die Welt der Priester und Schriftgelehrten, fand ein absonderliches Vergnügen daran, ihre schriftlichen Auslassungen mit semitischen Worten zu spicken, welche sie an Stelle guter ägyptischer Ausdrücke zu setzen pflegten. lieber die Gründe des Auszuges der Juden gibt uns nur die Bibel Auskunft. Die ägyptischen Quellen, sonst so beredt, schweigen vollständig von Moses und dem Ertrinken Pharaos. Tie Historiker wundern sich nicht über das Schweigen der ägyptischen Denkmäler von jenen Begebenheiten. Die pfüffischen Geschichtsschreiber Aegyptens vertuschten einfach alle Niederlagen der königlichen Gottessöhne, nach ihnen haben die ägyptischen Könige Krone und Reich mehrmals verloren, indem sie in einemfort siegten. Die Geschichtsschreibung der Ammonspriester besteht größtentheils ans verzückten Verhimmelungen der Sonnengottsohne,-der Könige, und ans Verleumdungen ihrer Gegner. Den semitischen Hyksoskönigen, welche ein paar hundert Jahre in Aegypten nicht schlechter als die einheimischen Könige geherrscht hatten, dichteten sie allerlei Schandthaten an, die sie selbst begangen hatten und zerstörten alle ihre Denkmäler und Inschriften. Die jüdischen Geschichtsschreiber haben wohl auch genug entstellt, aber sie hatten doch wenigstens soviel Respect vor den historischen Thatsachen, dass sie sie nicht einfach verschwiegen, wenn sie unrühmlich waren. Sie machten es so, dass sie die Ungemache Israels als Strafe des Ewigen hiustellten. So lesen wir, die Kinder Israels wären alle Augenblicke vom Ewigen abgefallen. Tie Juden haben in nüchternen, wunderlosen Zeiten mit Hingebung ihrem Gotte angehangen und sollen im Angesicht der göttlichen Erscheinung nur Sinai Gott verleugnet haben! Wenn immer, wie die Geschtichtsforscher glauben, die Juden damals nur ein Zehntel der angegebenen Zahl von 600.000 Waffenfähigen zählten, so müssen sie mit der Beschaffung ihrer Verpflegsbedürfniffe in jenen unwirtlichen Gegenden gerade genug zu thun gehabt haben. Sind *) Geschichte Aegyptens S. 189. doch nur die armen Semiten aus Aegypten ausgezogen, die reichen Phönizier aber dortgeblieben, ganz wie im modernen Russland, wo auch nur die Aller ärmsten ins Exil wänderten. Unter den Aegyptologen gibt es mangels schriftlicher Belege keine feststehende Meinung über die Entwicklung der ersten Jndenfrage. Blau ist auf bloße Combinationen angewiesen, Combinalionen von unsicherem Untergrund nnd geringer Glaubwürdigkeit. Was man nahezu bestimmt weiß, ist, dass mit den Inden eine große Menge „fremden Gesindels" ansgewandert ist, eine große Menge Stammverwandter und Aegypter. Wollte man diesen Umstand mir den heute gebräuchlichen Bezeichnungen benennen, so müsste man sagen, es gab offenbar schon damals „Philosemiten", „Parade-Aegypter" nnd „Judenknechte". Tie Thatsache, dass die Juden nicht allein anszogen oder möglicherweise erst damals als selbständige Nation entstanden, lässt vermnthen, dass andere als blos nationale ani> religiöse Motive den Exodus herbeigeführt haben. Die materialistische Geschichtsanffaffung, auf den vorliegenden Fall angewendet, legt den Gedanken nahe, dass ökonomische Gegensätze dabei mitwirkten. Vielleicht war der Auszug der Kinder Israels die erste sociale Revolution in geschichtlicher Zeit. Wenn es so war, dann war es keine sociale Revolution im heutigen Sinne, sondern im Gegensatz zu dem uns geläufigen Begriff eine Revolution der individualistischen Juden gegen die staatssocialistischen Aegypter. Die Aegypter waren Socialisten, darüber lassen uns die geschichtlichen Forschungen keinen Zweifel. Sie waren mehr als bloße Staatssocialisten oder Agrarsocialisten. Es scheint, dass eine zeitlang die Mehrzahl der Aegypter Staatsangestellte waren und sogar staatliche Naturverpslegung genossen. Das gesammte Land, die Fideicomisse, der Tempel ausgenommen, war Staatsbesitz, alle Städte, Festungen, Canäle, Schiffe und Bergwerke wurden vom Staate gebaut und, soweit sie Productionsmittel waren, auch betrieben, ja sogar die meisten Sclaven, die nicht einem Tempel gehörten, waren Staatsbesitz. Ein so extremer Socialismus war im 14. Jahrhundert v. Chr. nicht mehr zeitgemäß. Ein organisatorisches Genie wie Moses musste die eapitalistische Entwicklung vorausahneu, er musste den Knechten des Collectivismus Privatbesitz versprechen, er musste das erbliche und unbeschränkte Privateigemhum proclamieren. Wie alle großen Führer der Menschheit, war Moses keine gemäßigte Hofrathsscelc, sondern eher ein Umstürzler. Gon seinen Resvrmideeu war er so sehr beherrscht, dass er übers Ziel hinansschoss und wertvolle Errungenschaften der von ihm jedenfalls genau gekannten ägyptischen Eultur preisgab. Nicht nur Landantheile sollten die Inden erhalten, sondern auch Gesetze, welche die Landantheile trotz Verschuldung, Verkauf nnd anderen Anfechtungen den ursprünglichen Besitzern nnd ihren Erben sichern sollten. Zu keiner Zeit gab es wo immer so nahe beisammen zwei Staaten mit so grundverschiedener Gesellschaftsorganifation. Der Pharao sagte: „Ich, der Sohn des Sonnengottes, bin der Staat, ich bin der „Lebenspender", ich besitze alles Land, alle Sclaven, alle Bergwerke, alle Bodenschätze nnd alle Schiffe. Moses aber sagte: Ihr seid alle gleichberechtigt, Ihr seid alle erstgeborene Kinder Gottes und Brüder stamme, Ihr seid unumschränkte Herren des ganzen Landes Kanaan und feiner Bewohner, Ihr werdet frei von aller Bedrückung durch die ägyptische Gesellschaft. Da hat man sie, die Losungsworte von 1789 nach Christus: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wenn sie nicht schon früher einmal dagewesen find, so wurden sie 1789 gerade dreitausend Jahre alt. Immer, wenn eine impotente Gesellschaft keinen Culturentwicklungsboden mehr abgeben kann, kommt die Pflugschar einer Revolution, ackert das Unterste zu oberst und lässt neue Blüten aus dem alten „Culturdünger" wachsen. Der clericale Socialstaat zu dem sich das alte Aegypten schließlich ausgewachsen hatte, war zur Zeit des Jndeuausstandes nicht mehr entwicklungsfähig, er zerbröckelte auch nicht lange daraus und blieb daun eine leichte Beute verschiedener ägyptischer und auswärtiger Usurpatoren. Die herrschende Gesellschaftsclaffe hatte die Verfügung über die Productionsmittel