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Die Welt · 1898-05-27 · 21 (27.5.1898) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
21 (27.5.1898)
Article
Der Dichter Zola und das Judenthum
Date
1898-05-27
Page
7 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Seite 7 Institut, tu dem er das stärkste Decompositionselement der capitalistischen Ordnung sieht! In einer ganz sachlichen und trockenen Localbeschreibnng bricht es. leidenschaftlich durch: „ . Auch die Firmatafeln verrathen das ungesunde Wachsthum, das hier, am Rande der benachbarten großen Cloake gedieh : übel beleumdete Versicherungsgesellschaften, erpresserische Finanzblätter, Unternehmungen, Banken, Agentien, Contors, eine ganze Reihe bescheidener Gurgelabschneidereien . . . . .... Auf den Trottoirs und mitten auf der Straße, überall schlichen Leute umher, der Beute harrend wie am Rande des Waldes." Dieser Hass gegen die Börse entspringt bei Zola einzig seinen ethischen Gefühlen, wie seinem moralischen Urtheilsbedürsnis und seinem socialen Gerechtigkeitssinne; von ästhetischen ist kaum einmal die Rede. Weder kommt bei ihm die romantische, feudale Abneigung gegen die feige, unpersönliche Art des Geldraubes zum Ausdruck, noch die idyllische (deutsche) Abneigung gegen Hasten und Betriebsamkeit. Er ist ganz modern, recht amerikanisch robust, was freilich dem Poeten schwerlich gemäß sein dürfte; wie man denn auch oft genug, von der Reportage zu geschweige!!, an journalistische Darstellung gemahnt wird. Wenn hier naturgemäß besonders viele Juden auftreten, so sieht Zola wieder nur die Seiten, die diesen Lebensausschnitt illustrieren. Daher vorzüglich ihren außerordentlichen Geschäftssinn, von dem es da heißt, dass man, um das Börsenmetier zu verstehen, ein Jude sein müsse; sonst trachte man vergebens, dieses Geschäft zu verstehen, man habe nicht die Hand dazu. Dann sieht er an dem jüdischen Börsenkönig Gundermann vor allem seine Nüchternheit und kühle Logik, und darüber sagt die eine Gestalt des Romans: „Das ganze Judenthum ist verkörpert in diesem hartnäckigen kalten Eroberer, der das souveräne Königthum über die Welt erstrebt, inmitten der Völker, die einzeln durch die Allmacht des Geldes erkauft werden. Seir Jahrhunderten währt schon der Sieg dieser Rasse über uns, trotz der Fußtritte und trotz der Anspeiungen, die ihr zutheil werden." Die idyllischen Züge aber, die sich nothwendigcrweise ergeben, treten dagegen ganz zurück, vielleicht, weil sie fürchterlich direct und freskenyaft, ohne jede Zartheit und Feinheit ausgeführt sind. Dieser unermesslich reiche Gundermann, der sechzig Jahre alt ist, leidet seit zwanzig Jahren an einem Magenübel und nährt sich nur von Milch. Seine einzige Liebe ist die Familie, und sein Palais bewohnt er zugleich mit allen seinen Kindern und Enkelkindern. Aus seinen kleinen Gesundheitsspaziergängen tritt er wohl öfters bei einem Zuckerbäcker ein, wo er eine Schachtel Bonbons um einen Franc für seine Enkelkinder kauft. Alsdann ist da ein wunderliches Brüderpaar: Der eine ist ein scrupelloser Schurke, von einer unerhörten Verschlagenheit und Grausamkeit; aber für seinen kränklichen Bruder, der in socialistischen Träumen und Studien sein Leben verbringt, hegt er die innigste Zärtlichkeit. Er, der von enier ungeheuren Geldgier ist und nichts mehr hasst als einen erwerbslosen Müßiggang, gestattet dem Bruder gern sein Sinnen und Traumen, und wie er aufs Krankenlager geworfen ist, sind ihm die theuersten Aerzte und die theuersten Medicinen nicht zuviel. Auf diesem Krankenlager arbeitet der Bruder noch, beginnt seine Berechnungen und vertheilt Reichthümer nach seinem Gerechtigkeitstraume. Dieser Idealist ist ein vollkommen echter jüdischer Typus: zusammengesetzt aus dem Moral- und Gerechtigkeitssinne der jüdischen Raffe, ans dem Erlösungsbedürfnis des Ahasvervolkes und endlich aus dem orthodoxen Dogmatismus, der als eine Erbschaft des Talmuds so viele jüdische Idealisten zu fanatischen Socialdemokraten macht. Und wieder mag man daran denken, wie Zolas dichterische Arbeit und seine politische That zu einer gemeinsamen Quelle zurückzuleiten sind, zu dem anklägerischen Pathos seines starken ethischen und Gerechtigkeitssinnes. W. Und Was iljim die Inden? Von Georges Clcmcnceau („Aurore"). Ein Kummer derjenigen, welche für die Gerechtigkeit kämpfen, ist es, dass sie außer dem Haffe der Unterdrücker auch noch die Ignoranz, die Schwäche und sehr häufig auch die Feigheit der Unterdrückten zu Gegnern haben. Denn jede Tyrannei verdirbt ebenso den Sclaven wie den Herrn, macht diesen zum Ausbund des Egoismus und jenen zu einem verächtlichen Lumpen. So wurden denn zu allen Zeiten die Besiegten für die Sieger zum Mittel immer neuer Ausbeutungen. So wurden zu allen Zeiten die Unterdrückten zur Aufrechterhaltung ihrer eigenen Erniedrigung verwendet. Im Kampfe um die B e r t h e i d i g u u g der Sklaverei giengen im großen amerikanischen Bürgerkriege die Neger in den Tod. Und ebenso sah man diese Neger John Brown verhöhnen, der das Schaffot bestieg, weil er die schwarze Rasse aus ihren Fesseln befreien wollte. Warum scheitern die Revolutionen, nachdem sie, für kurze Zeit, ihre Kraft in den Dienst der Opfer der Ungerechtigkeit gestellt haben? Wohl kann ein Zufall für eine Spanne Zeit aus einem Sieger einen Besiegten machen, aber es bedarf der Anstrengung von Jahrhunderten, um den Knechtcssinn zum Bewusstsein des Rechtes emporzuleiten, zur Würde der Begriffe von Gerechtigkeit und Freiheit. Es sind ja kaum wenige Tage ins Land gegangen, seit die Arbeiter für wenige Brocken, die von der Tafel des Marquis de Solages für sie abficlen, Jaurös unter Hohn- und Schimpfreden zum Bahnhöfe von Carmaux zurückbrachten. Heute sind wir in Frankreich einige Dutzend Männer, die wir die Sache der Juden gegen die christliche Intoleranz führen, geradeso wie wir die Sache der Christen führen würden, wenn sie in ihren Rechten durch den Fanatismus des Talmuds und der Bibel bedroht würden. Ein Jude ist gegen den klaren Wortlaut des Gesetzes verurtheilt worden, und man weigert sich, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, weil er ein Jude ist. Tie römische Kirche, die Chefs unserer Armee, die in Friedenszeiten den Mund so vollznnehmen wissen, unsere Richter, unsere Staatsmänner aller Parteien, von dem Gemäßigtesten bis zum Revolutionärsten, stehen einig zusammen gegen das Recht. Und das Volk, das ja immer den Drang hat, jemand anderen als sich selbst für sein Unglück verantwortlich zu machen, dieses unschuldige Volk in seiner Einfalt, das nicht begreifen kann, dass alle diese Leute ans tausend verschiedenen Rücksichten sich bemühen, seiner Unerfahrenhcit Vorschub zu leisten, wird zum Verrarh an sich selbst durch den Ruf: „Tod den Juden!", durch den es wieder das große menschliche Princip bethätigt, dass es mehr Eignung besitzt zum Vernichten als zum Erschaffen. Gegen alles das kämpfen wir. Die Kirche wirft uns vor, dass wir die Sache Christi verlaßen, der also, wie es scheint, gestorben ist, um den Triuntph der Mächtigen zu sichern, die tavferen Kämpen, die bei Metz und Sedan capitulierren, klagen uns an, dass wir ihr Prestige zerstören wollen: die Staatsmänner in Amt und Würden fürchten, dass ans all diesem Lärnt vielleicht böse Zwischenfälle für ihr Portefeuille erwachsen, und die vorsichtigen Politiker haben Angst, dass dieser Kampf für die Gerechtigkeit vielleicht den Einfluss ihrer Gruppen in der Kammer vermindere, während das Volk in seiner naiven Barbarei von dem Unglück eines andern eine Milderung seiner Leiden erhofft. Und die Juden, haben wir wenigstens die Juden für uns? Eine Menge von Einfältigen und Schlauköpfen, welche die Unwissenheit des Volkes und die Gunst der Mächtigen ausbeuten und welche, weil sie selbst sich verkaufen, der Meinung sind, dass jeder käuflich sei, erheben ein großes Geschrei, dass wir im Solde der Juden stehen. Das ist der bekannte Scherz vom „Syndikat". Gibt es aber einen, der nicht weiß, dass der Jude, der immer so stolz ist auf seine Rasse und seinen Glauben, und der sich vor dem Forrrm des eigenen Gewissens oft so hochmüthig überhebt, dass dieser Jude von den Zeiten seiner Knechtschaft her eine geistige und körperliche Disposition zurückbehalten hat, die ihn selbst zu den legitimsten Erhebungen sehr wenig eignet? Vor allem hat er den Respecr vor der Macht; dann verleitet ihn seine orientalische Ansicht von der Unwiderstehlichkeit des Geschickes zur Unterwerfung, aus der heraus er dann wieder in seiner Weise zu seinen Gunsten wirken will.

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