Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Article
- Der Dichter Zola und das Judenthum
- Date
- 1898-05-27
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 21 Urtheilsbedürfnis, seiner unsimrlicheu Abstraction (aus der ja auch der Monotheismus entstanden ist), und seinen Bußpredigern. An diese großen Propheten des alten Testaments und auch an den von Lenau besungenen Savonarola, den Florentiner Mönch, mag man oft genug erinnert werden. Der Moralist kann die Welt immer in dem wundersamen, lieblich erregenden, zarten Sonnenglanz eines Frühlingsmorgens sehen, das Herz von nichts als süßen Dämmerdüften erfüllt, so dass sein Geist alles freudig und gelassen umsasst und gutheißt; dies dünkt ihn seminin, wenn nicht gar charakterlos und cynische Lebenskunst. Ein so schönes, ja liebliches und anmuthiges Geschöpf wie Nana, das gar wohl mit Goethes Philine hätte verwechselt werden können, wird zu einer grauenerregenden Erscheinung symbolisiert. Und indem die Zartheit dem Moralisten, und dem Pathetiker auch der Humor abgeht, lässt eben diese Humorlosigkeit Zolas Werke in diesem Sinne nur umso wuchtiger erscheinen. Am wuchtigsten aber erscheint sein Pathos, wenn es sich ganz direct, unmittelbar activ aussprechen kann, wie in beiden literarischen Documenten seiner letzten großen That, der Vertheidigungsrede vor den Geschworenen, und vorzüglich in dem monumentalen „J’accuse“. Dichtungen können sich in eine spätere Epoche hinein nur durch ihre rein ästhetischen Verdienste lebendig erhalten, und die wären bei den Werken Zolas alsbald darauf reduciert worden, dass er einer der großen Anreger des europäischen Naturalismus gewesen. Dies hätte ihm und seinen Werken eine h i st o r i s ch e (literatur- und culturhistorische) Bedeutung immer gesichert. Aber sein großes Temperament, eben;enes ethische Pathos, wäre durch die unterdessen veraltete Form alsbald zugeschüttet worden. Jetzt, da Zola jenes Ethos und Pathos in T h a t e n und directen Anklagen entfaltet hat, wird er noch deutlicher in der gewaltigen Reihe der jüdischen oder (was in diesem Zusammenhänge wohl eben dasselbe bedeutet) christlichen Sittlichkeitsrepräsentanten stehen. II. Wo der Dichter sein Zeitalter durch seine Werke, die ihm den Spiegel Vorhalten, anklagt, ist es natürlich, dass sich aus dem Angriffsfeld seiner pathetischen Satire auch viele Juden tummeln. Für einen reinen Dichter ist es zumeist gefährlich, die besondere Nationalität oder Religion einer Gestalt hervorzuheben, weil er dadurch den Leser zu Verallgemeinerungen zwingt und aus dem bestimmten Rahmen des Rein-Menschlichen zu socialen und politischen Reflexionen führt. Aber dass dies bei Zola keine Gefahr für seine Absichten bedeutet, mag leicht genug einleuchten. Wenn der reine Dichter eine Darstellung dadurch haben will, dass er für bestinimte Charaktere, zum Beispiel scheue, melancholische oder heilandsartig altruistische, als tiefen Hintergrund den des Judenthums gibt, so hat für Zola das feinere Weben jüdischer Persönlichkeiten niemals Interesse. Er beschäftigt sich mit den Juden nur, wenn sie durch die sociale Structur des darzustellenden Lebensgebictes organisch gefordert werden. Und da er doch den Organismus des sich auflösenden capitalistischen Zeitalters darstellen will, so kommen für ihn nur die fäulniserregenden Elemente des Judenthums in Betracht, widrige Erscheinungen, Speculanten und Genussmenschen, von denen er denn in „Seine Excellenz Eugene Rougon" in „Nana" und vorzüglich im „Geld" mannigfache Typen gezeichnet hat. In „Seine Excellenz Eugene Rougon" wird der jüdische Speculant gezeichnet, der zugleich Abgeordneter ist nnd auf eine unredliche Weise in den politischen Mechanismus eingreift. Der Abgeordnete Kahn hält zu Rougon, dem mächtigen Günstling des Kaisers, um für seine Eisenbahnunternehmungen finanzielle Vortheile zu erzielen. Er wünscht die Concessivn so, dass die Bahn, dem allgemeinen Bedürfnis entgegen, an seinen Hochöfen vorbeiführe, und zugleich hofft er bei der Begebung der Actien auf einen „ergiebigen Fischzug im Trüben". Dabei trägt er nach außen hin mit vollendeter Scheinheiligkeit eine biedermännische Maske zur Schau. Wie Rougon eine Meinungsverschiedenheit mit dem Kaiser hat, und ein anderer Deputierter ftagt, warum denn Rougon nicht nachgebe, da es doch sein Schaden nicht wäre, erwidert Herr Kahn, „das ist eine Gewisienssache!" so ernst, dass der Deputierte ihn groß anblickt und vor feiner feierlichen Miene nicht einmal lächelt. Zugleich aber sucht Kahn „mit blitzenden Augen" Nachrichten über die Chancen Rougons aus den Kammerherren, die auch Deputierte sind, herauszuholen; und als Rougon gestürzt ist, offenbart sich sein einzig egoistisches Interesse, und absichtlich nur spricht er da nicht mehr von seinen Angelegenheiten, um eine vollkommene Seelenruhe zu zeigen. Schließlich sind die Bemühungen Kahns denn auch erfolgreich; mit großen Festlichkeiten und einer Rede des wieder allmächtig gewordenen Ministers Rougon wird der Bau der Eisenbahnlinie eröffnet. — Hier ist die Darstellung noch durch etwas wie eine feine Ironie gemildert, in beinahe zarten Farben gehalten; es fehlen noch die brennenden Farben der späteren Werke „Nana" und „Geld". In „Nana", wo gezeigt wird, wie all die Genussmenschen in käuflicher bezahlter Liebe aus ihre rohe Weise „leben", kehrt der Typus des jüdischen Speculanten natürlich wieder, der hier Steiner heißt und ein hässlicher Mensch ist, „ein Mann von winziger Figur mit einem spitzen Bäuchlein und einem runden, von einer Krause ergrauenden Barthaares umrahmten Speckgesicht". Zuerst hat sich der gefällige Gatte einer Schauspielerin seiner „bemächtigt", und ist „Steinerchen" auch behilflich, eben diese Schauspielerin zu hintergehen, bis er ihn, wenn die Laune verrauscht ist, als reuigen, getreuen Liebhaber in ihre Arme zurückführt. Doch endlich siegt Nana entschieden über jene Schauspielerin. Aber Nana hat gegen ihn eine besondere Antipathie, und wenn ihre Zofe ihn bei Geldnöthen als Liebhaber empfiehlt, „verzieht sie das Gesicht". „Madame wird sich's wohl noch überlegen und den Herrn Steiner nicht ab- . weisen", meint die Zofe alsdann wohl leise mit ernster Stimme. Während der Banquier schon bei Nana zahlreichen aristokratischen Mitbewerbern um ihre Gunst begegnet, nimmt er zugleich an den Empfangsabenden der Gräfin Müffat „in ihrem von Kirchengeruch erfüllten Salon" theil; dort fragt er Abgeordnete aus und sucht geschickt Neuigkeiten herauszulocken, die auf Börsenbewegungen Bezug haben, und der Graf Müffat, der dabei steht, hört dann „mit noch strengerem Gesicht als gewöhnlich", zu. Als Nana all die Aristokraten ruiniert hat, komnn bald auch Steiner an die Reihe. „Den behandelte sie als Inden, sie schien einen alten Hass an ihm auszulasien, über den sie sich nicht Rechenschaft geben konnte, stieß ihn hin und her und nahul ihn gründlich aus. Seine Bosporusunternehmung begann zu schwanken. Nana beschleunigte seinen Sturz durch die unsinnigsten Forderungen. Noch einen Monat wusste er sich mir wunderbarer Geschicklichkeit über Wasser zu halten; er überschwemmte ganz Europa mit Anzeigen und Prospecten und zog Geld selbst aus den entferntesten Ländern. Dieser ganze Raub, aus den Louisdors der Speculanten wie aus den Sous der Armen zusammengesetzt, wurde in Nana's Palais verschlungen. Diesmal machte sie mit Steiner ein Ende, warf ihn aus die Straße, ausgesogen bis auf's Mark und geistig zerrüttet, dass er nicht einmal mehr imstande war, eine neue Schurkerei zu ersinnen. Beim Sturze seines Bankhauses zitterte er vor der Polizei." Dergestalt ist der Typus des Banquiers in allen socialen, sozusagen öffentlichen Beziehungen durchgeführt; aber die intimen Züge der Charakteristik fehlen beinahe gänzlich. Einmal wird der nichtssagende Zug erwähnt, dass er Kinder nicht liebe, ein andermal: „Der Banquier ist als schmachtender Liebhaber bekannt; alle Welt kennt diesen schrecklichen Hebräer, deffen Hände mit Millionen arbeiten, der sich aber den Frauen gegenüber als der größte Esel erweist." Bei solch einem Zuge hätte doch ein reiner Dichter, dem es eben nur auf das Psychologische und Individuelle ankäme, tief schürfend gar lange verweilt: aber bei Zola, dem Gesellschaftskritiker, werden die Menschen eben nur in ihren socialen Beziehungen betrachtet. Das trifft in noch höherem Grade aus den Roman „Geld" zu, der gar mit ganz directen socialen Anklagen schließt. Führt doch auch dieser Roman in den innersten Mittelpunkt, gleichsam in das Herz der capitalistischen Gesellschaftsordnung hinein: in die Börse. Wie stark ist nun Zola's Empörung gegen dieses